23.11.2011

Auslandsstudium
Studieren in den Niederlanden

Für Fahrräder, Tulpen, Gouda und grandiose Fußballer sind die Niederlande bekannt. In der Bildung sind die Holländer allerdings schwerer zu schlagen als im Fußball: Sie verfügen über eines der besten Hochschulsysteme Europas. Dies zeigt sich in guter Betreuung, innovativen Lehrmethoden und modern ausgestatteten Bauwerken. Während jedoch die Hochschulgebäude glänzen, bröckelt der Putz in den Studentenwohnungen - der vielerorts herrschende Wohnungsmangel treibt die Preise hoch und die Standards runter.

Von Sebastian Horndasch


1. Warum die Niederlande?

dzain - Fotolia.com

Klischee, Klischee: Tulpenfelder und Windmühlen = die Niederlande
Jedes Jahr zieht es mehr Deutsche zum Studium in die Niederlande. Ein Grund: Während in Deutschland in vielfach ein harter Kampf um Studienplätze herrscht, finden sich in den Niederlanden fast paradiesische Zustände. Die meisten Fächer verfügen über keine Zugangsbeschränkung und selbst in Medizin oder Psychologie ist die Aufnahmewahrscheinlichkeit weitaus höher als bei uns.

Nadia Hagen hat in Nimwegen Betriebskommunikation mit Spanisch studiert und arbeitet nun in der Abteilung Marketing und Kommunikation der Universität Maastricht. In ihren Augen spricht vieles für die Niederlande: "In den Niederlanden stehen die Studierenden im Mittelpunkt. Das Studienjahr ist übersichtlich geplant, die Betreuung eng und die Türen zu den Lehrenden stehen meist offen. Außerdem gibt es sehr viele Programme auf Englisch."

In der Tat gibt es kein kontinentaleuropäisches Land, das über eine solch große Zahl an englischsprachigen Studiengängen verfügt. In Maastricht sind es weit mehr als die Hälfte aller verfügbaren Programme. 2009 studierten 20.805 Deutsche in den Niederlanden – nur Österreich übertrifft Holland damit in seiner Beliebtheit.

Gut ist ebenfalls die Ausstattung der niederländischen Universitäten – denn kaum ein Land steckt so viel Geld in seine Hochschulen. Das zeigt sich in den Services, den Bibliotheken, in der Betreuung – und in der Gebäudequalität. "Bei uns bröckelt nichts", so Nadia Hagen, "alles ist perfekt erhalten."

Ein Grund für die hohe Qualität niederländischer Hochschulen ist die sehr gute finanzielle Ausstattung. Diese liegt einerseits am hohen Finanzierungsaufwand von Seiten der Regierung und andererseits an Studiengebühren von 1771 Euro pro Jahr (Stand 2012/13). Diese sollten euch allerdings nicht schrecken: Man kann relativ leicht staatliche Stipendien und Kredite erhalten.

2. Das niederländische Hochschulsystem

Der Autor dieses Artikels
Sebastian Horndasch ist Autor der beiden Studienführer Bachelor nach Plan und Master nach Plan, die bei Auswahl, Bewerbung und Finanzierung des Bachelor- beziehungsweise des Masterstudiums helfen. Er betreibt mit www.horndasch.net ein Blog, das sich vor allem mit Fragen der Studienwahl und der Bewerbung auseinander setzt. Sebastian hat in Erfurt Staatswissenschaften studiert und hat einen Master in Economic Development von der Nottingham University. Er promoviert derzeit im Bereich Bildungsökonomie.
In den Niederlanden gibt es zwei Hochschultypen: 14 Universiteiten sowie 102 Hogescholen, die in etwa den deutschen Fachhochschulen entsprechen. Der Hauptunterschied zwischen den beiden Hochschularten: Universitäten sind forschungsorientiert, Fachhochschulen praktisch ausgerichtet. Dabei ist in Holland der Unterschied deutlich klarer als in Deutschland: Während bei uns auch an FHs Forschungsmethoden unterrichtet werden, liegt an niederländischen Hogeschools der Fokus klar auf der Vorbereitung zum Beruf.

Das Studium gliedert sich in den Niederlanden mit Bachelor und Master wie bei uns in zwei Stufen. Dabei gibt es allerdings einige Besonderheiten: Während der Universitätsbachelor nur drei Jahre dauert, sind es an der Fachhochschule meist vier Jahre. Der Master dauert dagegen in der Regel nur ein Jahr, im Falle von Ingenieur- und Naturwissenschaften allerdings zwei.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kann man das Studium in den Niederlanden nur im Herbst beginnen.

Gute Stimmung, gute Lehre

Anders als in Deutschland gibt es in den Niederlanden keine Lehrstühle. Stattdessen arbeiten Professoren und Lehrbeauftragte gemeinsam an Instituten arbeiten. Dieser Unterschied ist nicht unwichtig, denn dadurch wird die Zusammenarbeit zwischen den Lehrenden gestärkt. Auch können sich Professoren auf ihre Stärken konzentrieren – einige lehren mehr, andere forschen mehr.

Florens Flues hat in Maastricht einen Bachelor in Economics gemacht. Er wusste insbesondere die Lehre in Maastricht zu schätzen: "In den Niederlanden wird gute Lehre gewürdigt. Es herrscht ein bewusster Umgang mit Pädagogik. Zum Beispiel gibt es in Maastricht Preise für die beste Lehre. Dozenten erhalten vielerorts umfangreiche pädagogische Unterstützung."

Die Universiteit

Die 14 Universitäten in den Niederlanden gelten durchweg als qualitativ hervorragend. Die Inhalte sind wie an deutschen Universitäten forschungs- und theorielastig. Der Hauptunterschied zu Deutschland besteht in der oftmals weitaus besseren Lehre sowie dem höheren Verschulungsgrad: Man hat gerade am Anfang kaum Wahlfreiheit.

Die Qualität der niederländischen Universitäten spiegelt sich auch in Rankings wieder. Ganze 12 der 14 niederländischen Universitäten gehört laut dem Times Higher Education Ranking 2011/12 zu den 200 besten der Welt. Zum Vergleich: Deutschland ist ebenfalls mit 12 Einrichtungen vertreten, hat aber insgesamt 110 Universitäten. Dabei sei angemerkt, dass Rankings methodologisch durchaus ihre Tücken haben – mehr dazu hier auf Studis Online.

Mit dem Hogeschool-Bachelor in den Master?

Niederländische FHs bieten kaum Masterprogramme an und wenn doch sind sie mit hohen Gebühren belegt. Wer also einen Master machen möchte, muss sich an eine Universität wenden. Der Haken: Da an der Hogeschool kaum Theorie gelehrt wird, müssen Studierende an der Uni einen so genannten Pre-Master belegen, der meist zwischen 6 und 12 Monaten dauert und den Teilnehmenden wissenschaftliche Grundlagen nahe bringt.
Der Wechsel in einen deutschen Master ist mit einem Hogeschool-Bachelor durchaus möglich. Eva-Maria Holzgreve studierte European Studies an der Haagse Hogeschool in Den Haag und macht jetzt einen Master in Soziokulturellen Studien an der Viadrina Universität in Frankfurt (Oder). Sie war bei ihrer Mastersuche in Deutschland auf Probleme gestoßen: "Es fehlten mir Credits im theoretischen Bereich. Damit erfüllte ich bei vielen interessanten Masterprogrammen nicht die Voraussetzungen. In Frage kam nur ein interdisziplinär aufgestellter Master, der weniger harte Voraussetzungen hatte. Das war ärgerlich für mich, da ich mich im Master eigentlich spezialisieren wollte."
Die Hogeschool

An niederländischen Fachhochschulen studiert ihr vier Jahre lang, wobei viel Wert auf praktische Projekte sowie ganze Praxis- und Auslandssemester gelegt wird. Anders als an der deutschen FH wird an der Hogeschool kaum Theorie behandelt.

Michael Lülf hat an der Saxion Hogeschool Small Business and Retail Management studiert und ist Gründer der Agentur Border Concept, die unter anderem Marketing für holländische Hochschulen betreibt. Er würde sich wieder dafür entscheiden: "Ich würde das FH-Studium in den Niederlanden in jedem Fall empfehlen, denn die Vorbereitung auf das Berufsleben ist ausgezeichnet. Die Arbeitsbefähigung der Absolventen ist hier besonders groß, dank hohem Praxisbezug des Studiums."

Einige deutsche Ausbildungsberufe werden in den Niederlanden an Fachhochschulen gelehrt, zum Beispiel Krankenpflege, Physiotherapie oder Logopädie. "In der Grenzregion zu den Niederlanden haben beispielsweise sehr viele Physiotherapeuten in den Niederlanden studiert. Die Ausbildung ist dort einfach besser", so Michael Lülf.

3. Das Studium

Das Studienjahr – und damit auch der Unterricht – beginnt in den Niederlanden in der Regel am 1. September. Die Semesterferien sind weniger großzügig als bei uns: Es gibt keine Wintersemesterferien, sondern nur kürzere Pausen zu Weihnachten, Ostern und Karneval. Im Sommer erhalten Studierende je nach Hochschule sechs bis acht Wochen Ferien. Immerhin: In diesen müssen dann anders als in Deutschland auch keine Klausuren oder Hausarbeiten geschrieben werden.

Das Studium in den Niederlanden ist weitaus verschulter als bei uns. Gerade im ersten Studienjahr hat man in der Regel keine Wahlmöglichkeiten. Nadia Hagen: "In den Niederlanden wird darauf geachtet, dass alle eine gute Basis haben. Später im Studium hat man dann mehr Wahlfreiheit."

Innovative Pädagogik: Problem-Based-Learning

Als 1976 die Universität Maastricht gegründet wurde, sollte sie sich von anderen Hochschulen durch ein besonderes pädagogisches Konzept unterscheiden: Das Problem-Based-Learning (PBL). Bei diesem Format werde Studierenden vor ein bestimmtes Problem gestellt und müssen sich die Lösung sowie die notwendige Theorie in einer kleinen Gruppe von 12-15 Leuten selbständig erarbeiten. Die Lehrenden spielen eher eine Rolle als Richtungsweiser und Ratgeber.

PBL gilt als großer Erfolg, da sich das selbst erarbeitete Wissen besser festsetzt. Viele andere Hochschulen in den Niederlanden und im Ausland wenden die Methode inzwischen ebenfalls an. Besonders skandinavische Hochschulen haben den Ansatz vielfach übernommen. In Deutschland gibt es dagegen nur wenige Hochschulen, die PBL anwenden. Hauptgrund ist der weitaus größere Bedarf an Räumen und Personal sowie der mit der Umstellung verbundene Aufwand.

Das FH-Studium: Viele Projekte, wenig Theorie

Andreas Garkuscha - Fotolia.com

Amsterdamse Hogeschule voor de Kunsten - Amsterdam School of the Arts
Das FH-Studium in den Niederlanden ist sehr projektorientiert, wie Eva-Maria Holzgreve bemerkt. Im ersten Semester musste sie gleich ein Event mit einer Diskussionsrunde, einer Ausstellung sowie einer Kunstperformance organisieren. "Wir mussten alles selbst machen, von der Sponsorensuche bis zum Layout der Namensschilder. Das war schwierig, wir konnten ja alle noch kein holländisch und hatten kein Netzwerk. Für die Diskussion konnten wir dann unter anderem den ehemaligen Präsidenten von Aruba gewinnen. Das war eine tolle Erfahrung."

Auch die interkulturelle Zusammenarbeit spielt eine große Rolle. "Es wurde von der Hochschule stark darauf geachtet, dass bei Projekten die Teams multikulturell waren. Das war mitunter sehr stressig, denn die Zusammenarbeit mit Leuten aus anderen Kulturen ist auch immer eine Herausforderung an die eigene Identität. Am Ende bereichert einen das aber ungemein."

Theoretische Konzepte wurden bei Holzgreve dagegen nur am Rande behandelt: "Der Bachelor hat mir eine gewisse Ablehnung von Theorie anerzogen".

4. Bewerbung und Zulassung

Wie in anderen Ländern gibt es auch in den Niederlanden drei Möglichkeiten für ein Studium: Einen kompletten Bachelor, einen kompletten Master oder ein Gaststudium.

Der Bachelor

In den Niederlanden gibt es eine zentrale Stelle für Hochschulzulassung, Studielink. Die recht übersichtlich gestalte Webseite ermöglicht auch eine Bewerbung komplett auf Deutsch. Ihr müsst eure kompletten Daten angeben und könnt euch dann auf eure Wunschstudiengänge bewerben. Eine abgegebene Bewerbung kann auf Wunsch auch wieder gestrichen werden, über Studielink habt ihr eine gute Übersicht.

Die Deadlines sind bei zulassungsbeschränkten Studiengängen meist Ende April und für Medizin Mitte Mai. Für zulassungsfreie Studiengänge kann man sich mitunter noch im August einschreiben – dies können die Hochschulen allerdings individuell entscheiden.

Studielink hat eine Schwachstelle: Bisher nehmen nicht alle Hochschulen an dem Verfahren teil. Manche vergeben ihre Studienplätze auf zwei Arten: Teils durch Studielink, teils aufgrund individueller Bewerbungen mit Motivationsschreiben (eine Anleitung zum Motivationsschreiben fürs Studium findet ihr hier). Falls dies der Fall ist, werden Bewerber allerdings ausdrücklich auf der Studielink-Webseite darauf hingewiesen.

Wer auf Niederländisch studieren möchte, muss ein entsprechendes Sprachdiplom vorweisen können. Hochschulen bieten dafür entsprechende vier- bis sechswöchige Intensivkurse an, in denen man sich über den Sommer die notwendigen Sprachfähigkeiten aneignen kann. "Holländisch ist dem Deutschen sehr nahe", so Nadia Hagen, "das ist schaffbar."

Im Falle von englischsprachigen Studiengängen werden einschlägige Sprachnachweise wie der TOEFL oder der IELTS-Test verlangt.

Kompliziert: Der Numerus Fixus

Auch in den Niederlanden gibt es zulassungsbeschränkte Studiengänge. Doch während der deutsche Numerus Clausus im Prinzip leicht verständlich ist (siehe den Artikel zum Thema NC / Zulassungsbeschränkung), ist der niederländische Numerus Fixus eher schwer verständlich. Die Gute Nachricht: Gerade bei in Deutschland populären Studiengängen ist der Numerus Fixus leichter zu knacken.

Beim Numerus Fixus handelt es sich um eine Art Lossystem. Je nach Abschlussnote wird man verschiedenen Kategorien zugeordnet. Wer dabei in Kategorie A landet, wird automatisch genommen. Alle anderen Kategorien – B bis E – haben eine jeweils geringere Aufnahmewahrscheinlichkeit. So haben auch Leute mit schlechten Noten eine Chance auf Aufnahme in prestigeträchtige Programme, wenn auch eine geringere als Mitbewerber mit besseren Noten. Da das deutsche Abitur sich allerdings nicht eins zu eins umrechnen lässt, werden Deutsche automatisch in Klasse C gesteckt, was relativ gut ist.

Im Falle von Medizin sind für Deutsche die Aufnahmechancen nach Einschätzung von Nadia Hagen bei etwa 50%. Der Haken: Wer in den Niederlanden Medizin studieren möchte, muss im Abitur alle drei Naturwissenschaften gemacht haben – eine Voraussetzung, die kaum ein Deutscher Bewerber erfüllt. Viele Deutsche machen daher einen entsprechenden Kurs bei einem externen Institut, was wiederum Geld und Zeit kostet.

Der Master

Die Bewerbung für den holländischen Master findet wie für den Bachelor in der Regel über Studielink statt. Wie bei Bachelorbewerbungen werdet ihr oftmals zusätzliches Material an die jeweiligen Hochschulen schicken müssen. Die Fristen enden zu unterschiedlichen Zeitpunkten, meist aber zwischen Mai und Juli. Es empfiehlt sich aber, die Bewerbung deutlich vorher abzuschicken: Manche Hochschulen haben "rollende" Aufnahmeverfahren, bei denen frühe Bewerbungen größere Chancen haben.

Der Master dauert in Geistes- und Sozialwissenschaften ein Jahr und in Natur- und Ingenieurwissenschaften zwei Jahre.

Das Gaststudium

Ein Gaststudium kann auf zwei Wegen organisiert werden: Als Erasmus-Austausch sowie als selbstorganisierter Auslandsaufenthalt. In ersterem Fall findet die Bewerbung über eure eigene Hochschule statt – über die genauen Abläufe und Fristen müsst ihr euch selbst informieren.

Anders als in anderen Ländern ist ein Gaststudium ohne formelle Kooperation zwischen der niederländischen Hochschule und eurer Uni nur selten möglich. Es kann aber nicht schaden, sich über eure Möglichkeiten zu informieren.

Die drei Studientypen im Überblick

Typ Dauer Zulassung / Deadlines Kosten
Gast 1 – 2 Semester Erasmus: Über Heimathochschule
Selbst organisiert: Über die Zielhochschule, meist aber nicht möglich /
Hochschulabhängig
Erasmus: Keine Kosten
Selbst organisiert: Bis zu 1.771 Euro
Bachelor Uni: 3 Jahre
FH: 4 Jahre
Über Studielink /
Zulassungsbeschränkt: Ende April (Medizin: 15. Mai)
Zulassungsfrei: Hochschulabhängig, teilweise bis Ende August
1.771 Euro pro Jahr (Stand 2012/13)
Master Geistes- und Sozialwissenschaften: 1 Jahr
Naturwissenschaften und Technik: 2 Jahre
Über Studielink /
Hochschulabhängig, meist Mai bis Juni
1.771 Euro pro Jahr (Stand 2012/13)


5. Leben in den Niederlanden

Landei - Fotolia.com

In den Niederlanden wird viel Rad gefahren, natürlich auch von Studierenden
Das Studentenleben in den Niederlanden unterscheidet sich nicht grundsätzlich von dem in Deutschland. Im Grunde liegen die Hauptunterschiede in zwei Dingen: In der sehr informellen Kultur der Niederlande sowie im Mangels an studentischem Wohnraum.

Holländisches Studentenleben: Bier trinken mit den Profs

Die Niederlande haben eine sehr unhierarchische Kultur, Menschen sind es gewohnt, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Die Hochschulen organisieren zahlreiche Feiern, auf denen gemeinsam getrunken und gegessen wird. Florens Flues: "Man duzt die Professoren in Holland. Es kommt auch vor, dass Professoren mit ihren Studenten etwas trinken gehen. Dadurch gibt es einen viel informelleren Austausch."

Die Offenheit der Niederländer zeigt sich auch in der Art der Gespräche. Eva-Maria Holzgreve war anfangs manchmal unangenehm berührt: "In Holland spricht man rundheraus über alle Themen. So kann es leicht sein, dass man im Freundeskreis offen über Sexstellungen diskutiert oder über sein Einkommen – beides Dinge, bei denen man sich als Deutscher leicht befremdlich fühlt."

Holländische Studentenwohnungen: Viele Mäuse, wenig Platz

In vielen Städten Hollands herrscht ein großer Mangel an studentischem Wohnraum. Die Konsequenz: Hohe Preise und schlechte Ausstattung. Eva-Maria Holzgreve kann ein Lied davon singen: "Ich hatte in Den Haag eine kleine Wohnung ohne eigenes Badezimmer und musste 400 Euro zahlen. Die Bausubstanz war nicht gut und die Dusche in der Küche." Das schlimmste für sie: "Sowohl ich als auch viele meiner Freunde hatten Mäuse in der Wohnung. Das ist schon sehr unangenehm." Florens Flues hatte es in Maastricht besser getroffen: "Bei uns war der Markt entspannter. Aber das ist wohl eher die Ausnahme."

Immerhin: Die Hochschulen helfen bei der Wohnungssuche. "An der Universität Maastricht gab es ein gut organisiertes Vermittlungsbüro mit vielen Angeboten", so Flues.

6. Kosten und Finanzierung

Das Studium in den Niederlanden ist teurer als in Deutschland – dafür gibt es aber auch großzügige staatliche Zuschüsse.

Was ihr zahlen müsst

In den Niederlanden werden anders als in Deutschland allgemeine Studiengebühren erhoben. Diese werden jährlich angepasst und liegen 2012/13 bei 1771 Euro im Jahr. Doch Vorsicht: Diese Gebühren gelten nur, wenn ihr euren Erstwohnsitz in den Benelux-Staaten oder in den Bundesländern Bremen, Niedersachen oder NRW habt. Alle Studierenden, die ihren Erstwohnsitz anderswo haben, zahlen das von der jeweiligen Hochschule festgelegte Instellingscollegegeld, das in der Regel ein Vielfaches der normalen Studiengebühren beträgt.

Stammt ihr nicht aus den genannten Regionen, müsst ihr einfach euren Erstwohnsitz ummelden. In den Niederlanden braucht ihr dafür eine Mietbescheinigung vom Vermieter. Und hier ist der Haken: Wohnraum ist in den Niederlanden oft knapp, so dass häufig mehr Studierende in einer Wohnung leben als baurechtlich erlaubt. Wenn also drei Studierende in einer Zweierwohnung leben und alle dort ihren Erstwohnsitz anmelden wollen, kann es Probleme geben. Hier solltet ihr euch mit euren Mitbewohnern absprechen – einer der Mitbewohner wird in den meisten Fällen die Möglichkeit haben, sich anderswo anzumelden.

Die Lebenshaltungskosten sind in den Niederlanden etwas höher als in Deutschland, was vor allem an höheren Mieten liegt – ein WG-Zimmer kostet zwischen 250 und 350 Euro, eine eigene Wohnung ist meist noch teurer. Abhängig von Ort und Lebensstil solltet Ihr mit 700 bis 1.000 Euro an monatlichen Kosten rechnen.

Wie ihr euch finanzieren könnt

Wie in allen EU-Ländern könnt ihr auch in den Niederlanden Auslands-BAföG empfangen. Doch es gibt noch mehr Möglichkeiten, deutsche wie niederländische.

Niederländische Finanzierungsoptionen

Voraussetzung für alle folgenden Optionen ist, dass ihr pro Monat mindestens 32 Stunden neben dem Studium arbeitet und zwar in den Niederlanden. Weiterhin darf man nicht mehr bei den Eltern wohnen. Achtung: Wer in den Niederlanden arbeitet, braucht auch eine niederländische Krankenversicherung, deren Kosten bei etwa 1.100 Euro im Jahr liegen. Ihr könnt allerdings einen Antrag auf Zorgtoeslag stellen, eine staatliche Unterstützung von bis zu 400 Euro, abhängig von eurem Einkommen (nicht dem eurer Eltern). Außerdem haben manche Hochschulen Rabattverträge mit einer Versicherung abgeschlossen, wodurch ihr noch einmal sparen könnt.

Unter der genannten Voraussetzung hat man als EU-BürgerIn ein Anrecht auf die "Prestatiebeurs", übersetzt Basisbörse, von monatlich 269 Euro (Stand Ende 2011). Die Basisbörse ist unabhängig vom Einkommen eurer Eltern. Dabei ist sie zwar eine Art Kredit, muss aber nur in dem Fall zurück gezahlt werden, dass ihr nach 10 Jahren noch keinen Studienabschluss erreicht habt. Wer also sein Studium nicht abbricht, erhält die Basisbörse als Geschenk. Pro Jahr sind das 3.228 Euro, weit mehr als die Studiengebühren. Nadia Hagen hatte selbst Geld aus der Basisbörse erhalten – und "keinen Cent zurück gezahlt".

Neben der Basisbörse existiert die "Aanvullende beurs", wörtlich übersetzt "Aufstockungsbörse". Die Aufstockungsbörse ist ähnlich wie das BAföG vom Einkommen der Eltern abhängig. Sie beträgt bis zu 245 Euro. Die Aufstockungsbörse muss wie die Basisbörse nicht zurück gezahlt werden, wenn man das Studium innerhalb von 10 Jahren beendet.

Falls Arbeit, Basisbörse und Aufstockungsbörse nicht ausreichen, könnt ihr ein verzinsliches Darlehen aufnehmen. Die Zinsen sind allerdings deutlich geringer als diejenigen normaler Kredite, denn sie orientieren sich an niederländischen Staatsanleihen. Maximal erhaltet ihr monatlich 289 Euro.

Eine Kombination mit dem Auslands-BAföG ist übrigens weder ratsam noch sinnvoll, da die niederländischen Leistungen auf das BAföG angerechnet würden (und somit das BAföG um genau den Betrag sinkt, den man von den Niederlanden erhält) und – was viel entscheidender ist! – nach niederländischem Recht neben den niederländischen Förderungen nichts in Anspruch genommen werden darf.

Darüber hinausgehende Stipendien sind eher selten. Diejenigen, die es gibt, gelten vor allem für die Master- und Promotionsphase. Ein guter Ausgangspunkt eurer Suche ist die Webseite www.grantfinder.nl, mithilfe derer ihr passende Stipendien finden könnt.

Deutsche Finanzierungsmöglichkeiten

Die bekannteste Finanzierungsmöglichkeit ist klar das Auslands-BAföG, zu dem ihr hier auf Studis Online umfangreiche Informationen findet. Doch es gibt noch mehr Möglichkeiten:

Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) vergibt eine Reihe von Stipendien für das Studium im Ausland. Das bekannteste ist das Jahresstipendium für Ergänzungs-, Vertiefungs- und Aufbaustudien, das die kompletten Kosten eines Masterstudiums im Ausland tragen soll. Die Bewerbungsfristen für Studierende auf DAAD-Stipendien endet Mitte November, also fast zehn Monate vor Studienbeginn. Die Höhe liegt bei Bachelorstudenten bei 550 Euro pro Monat und bei Masterstudenten bei 725 Euro.

Man kann sich auch als Student im Ausland bei den deutschen Studienförderwerken bewerben – mehr zu den Studienförderwerken hier auf Studis Online. Von diesen erhaltet ihr unter anderem 150 Euro Büchergeld. Allerdings sehen manche Stiftungen ein Studium im Ausland kritisch, da so eine Teilnahme an lokalen Stipendiatengruppen kaum möglich ist. Informiert euch dazu direkt bei den Stiftungen.

7. Weitere Informationen



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