30.05.2011

So kommt man (doch) zu einem Studienplatz
Master trotz Mangel

Die Bewerbungssaison für Masterstudienplätze ist in vollem Gange, doch viele Studierende sind verunsichert: Gibt es ausreichend Masterstudienplätze? Wie groß ist der Mangel? Und was kann man tun, um seine Chancen auf einen Platz zu erhöhen? Kann eine Klage einen Studienplatz bringen, wenn es trotz aller Bemühungen nicht gereicht hat?

Von Sebastian Horndasch

Die Angst geht um unter Bachelorabsolventen – zumindest bei denen, die einen Master draufsatteln wollen. Die Negativberichte sind bekannt: Kölner BWL-Absolventen, die trotz eines Abschlusses mit 2,0 keinen Masterstudienplatz bekommen. Berliner Lehramts-Bachelorabsolventen, die nicht in den Master übernommen werden. Bewerberzahlen, die weit über der Anzahl der verfügbaren Plätze liegen. Wie der Berliner Lehramtsstudent Christian Lüpke berichtet, sind die Sorgen unter seinen Kommilitonen groß: "Die Angst ist greifbar, für viele wäre es eine Katastrophe, wenn sie ein Jahr verlieren würden."

demarco - Fotolia.com

Der Masterzugang ist an einigen Hochschulen ein Nadelöhr. Zu möglichen Alternativen findet Ihr mehr im Artikel.
Doch ist es wirklich so schlimm? Handelt es sich vielleicht nur um Extrembeispiele? Bundesweite Zahlen gibt es nicht. Niemand weiß, wie viele Studierende am Ende ohne Master bleiben. Nachfrage bei Susanne Schilden, Pressesprecherin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK): "Im Moment können wir keinen flächendeckenden Mangel an Masterstudienplätzen feststellen. Die starken Bachelorjahrgänge kommen allerdings noch. Wenn man von einer entspannten Situation sprechen kann, handelt es sich also nur um eine Momentaufnahme. Genau kann man nicht vorhersagen, wie es sich entwickelt."

Stimmt das? Der freie zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs) äußert sich anders als die HRK stets sehr kritisch über die Auswahlverfahren für Masterstudiengänge. Die Studierendenvertreter fordern Masterplätze für alle Studierenden. Vorstandsmitglied Florian Pranghe bestätigt allerdings, dass es aktuell keinen übergreifenden Mastermangel gibt. "Bei besonders beliebten Hochschulen kommt es aber zu Extremsituationen. Hinzu kommt, dass sich viele gar nicht erst für den Master bewerben, weil sie von den Zulassungsvoraussetzungen abgeschreckt werden."

Blühende Landschaften im Osten, Dürre im Westen

Besonders beliebt ist die Universität Münster. Im Jahr 2010 gab es dort 744 Bewerber auf 90 Psychologie-Masterstudienplätze. In der BWL waren es gar 1.508 Bewerber auf 151 Plätze. Die Universität sorgte im Herbst 2010 für Schlagzeilen, da eine abgelehnte Bewerberin für den BWL-Master erfolgreich gegen das Aufnahmeverfahren geklagt hatte. Die Universität hatte unzulässigerweise den Abiturschnitt als Kriterium für die Masterbewerbung herangezogen.

Peter Wichmann von der Pressestelle der Universität bestätigt, dass es in einigen Disziplinen wie BWL, Psychologie und Kommunikationswissenschaft eine Bewerberschwemme gibt. "Das ist für viele Bewerber ein Problem. In den allermeisten Masterstudiengängen stellt sich diese Frage allerdings gar nicht oder nur stark abgemildert. Es handelt sich hier also um Extremfälle." Mehr Masterplätze könne die Universität kurzfristig nicht schaffen – auch wenn der Wille durchaus besteht. "Natürlich wünschen wir uns auch mehr Lehrpersonal und bessere Betreuungsrelationen. Dies können wir aber nicht ohne zusätzliche Mittel finanzieren."

Während die Universität Münster mit einer Flut an Interessenten kämpft, wünscht sich die Universität Erfurt eher mehr Masterbewerber. Engpässe gibt es nur in wenigen Studiengängen. Professor Andrea Schulte, Vizepräsidentin für Studium und Lehre, gibt an, "jeder potentielle Kandidat" sei "willkommen". Bernhard Becher, Leiter der Abteilung Studium und Lehre, sekundiert, Masterbewerber würden "in der Regel nur bei Nichteinschlägigkeit des Bachelors" abgelehnt. Höchstens der Master in Kinder- und Jugendmedien habe mit Engpässen zu kämpfen.

Der Unterschied ist riesig: An der Universität Münster gleicht die Bewerbung in einigen Fächern einer Lotterie, an der Universität Erfurt wird man mit einem passenden Bachelor fast automatisch genommen. Sind die Bewerber also einfach zu desorganisiert, sich realistisch zu bewerben? Studierendenvertreter Florian Pranghe: "Nein, vielmehr ist das Bewerbungssystem zu kompliziert."

Systematisches Chaos: Die Bewerbungsverfahren

Der Autor
Sebastian Horndasch ist Autor der beiden Studienführer Bachelor nach Plan und Master nach Plan, die bei Auswahl, Bewerbung und Finanzierung des Bachelor- beziehungsweise des Masterstudiums helfen. Er betreibt mit www.horndasch.net ein Blog, das sich vor allem mit Fragen der Studienwahl und der Bewerbung auseinander setzt. Sebastian hat in Erfurt Staatswissenschaften studiert und hat einen Master in Economic Development von der Nottingham University. Er promoviert derzeit im Bereich Bildungsökonomie.
In der Tat herrscht bei den Masterstudiengängen ein Chaos an verschiedenen Bewerbungsverfahren und –terminen. Während die ersten Fristen für Masterbewerbungen an der Universität Erlangen-Nürnberg bereits Ende Mai enden, kann man sich an der Universität Erfurt für einige Masterprogramme noch bis Anfang September einschreiben. Und während man sich an einigen Hochschulen nur mit seinen Zeugnissen bewirbt, müssen es an anderen Essays, Motivationsschreiben und Lebensläufe sein. Die Bewerbung an mehren Hochschulen erfordert intensive Arbeit – und nebenbei warten Seminare, Klausuren und Bachelorarbeit.

Vom Bewerbungsaufwand her leichter sind Verfahren, die sich ausschließlich an der Durchschnittsnote orientieren. Doch fairer sind sie nicht: Sie lassen dabei außer Acht, dass verschiedene Hochschulen auch im selben Fachbereich äußerst unterschiedlich bewerten. Den Hochschulen ist diese Problematik durchaus bewusst. "Die Konzentration auf die BA-Abschlussnote suggeriert eine Vergleichbarkeit der Abschlüsse an allen Hochschulen, die nur eingeschränkt gegeben ist", so Wichmann von der Universität Münster.

Im Bachelorbereich wird das Problem der chaotischen Bewerbungsverfahren inzwischen angegangen: Derzeit wird das Bundesweite Vergabeverfahren vorbereitet, mit Hilfe dessen Abiturienten sich zentral für alle Studiengänge bewerben können. Für den Master gibt es jedoch noch keine konkreten Pläne. Susanne Schilden von der HRK: "Ein solches System muss man ernsthaft und zügig ins Auge fassen. Je mehr die Nachfrage steigt, desto wichtiger wird dies."

Doch im Hochschulbereich mahlen die Mühlen langsam: Das erwähnte Vergabeverfahren für Bachelorstudiengänge wird seit Jahren aufgrund politischer und administrativer Probleme verschoben (Studis Online berichtete). Übertragen auf den Master heißt das: Kein aktueller Bachelorstudent sollte auf ein solches Verfahren hoffen.

Mittelfristig liegt die Lösung in der Politik: Will sie Engpässe vermeiden, muss sie mehr Gelder für den Masterbereich zur Verfügung stellen. Aktuell wird vordinglich in den Bachelor investiert, da die Politik die Studierquote möglichst kostengünstig erhöhen möchte. Der Master kommt dabei im Vergleich zu kurz. Dies sieht auch die HRK als problematisch. "Wir sehen im Interesse der Studierenden und der Hochschulen die Notwendigkeit, auch den Masterbereich auszubauen", so Pressesprecherin Schilden.

Jetzt mal konkret: Was kann man tun?

Doch was kann man als betroffene/r Studierende/r tun? Bessere Verfahren und mehr Gelder wird es wenn überhaupt erst mittelfristig geben. Klar ist: Mit einem sehr guten Bachelorabschluss hat man fast überall gute Karten, doch was ist, wenn man nicht zu den besten seines Jahrgangs gehörte? Mit einigen Maßnahmen kann man seine Chancen auf einen Masterstudienplatz drastisch erhöhen.

1. Frühzeitig kümmern

Der Mastermarkt ist komplex. Man kann sich spezialisieren oder einen generellen Master machen. Bewerbungsverfahren sind unterschiedlich. Viele Programme sind wenig bekannt. Wer sich nur für ein oder zwei besonders beliebte Programme bewirbt, kann Schwierigkeiten haben. Bewerbungen kosten Zeit, die man oft kaum mehr hat, wenn man sich zu spät kümmert. Wer sich breit bewirbt, sollte es schaffen, einen Masterstudienplatz zu ergattern.

Eine Recherchequelle für Masterprogramme bietet die Studienfachdatenbank von Studis Online, die alle in Deutschland angebotenen Studiengänge enthält – und die direkt nach Master-Studiengängen durchsucht werden kann. Empfehlenswert ist auch die Nutzung der Einteilung "Fachbereiche", um sich auch an verwandte Studiengänge heranzutasten. (Hinweis: Nach Auswahl des konkreten Studiengangs über einen Fachbereich muss noch der Filter für den Abschluss Master eingestellt werden, damit man wirklich nur Angebote angezeigt bekommt, die mit dem Abschluss Master studiert werden können!)

2. Realistisch bleiben

Münster, Berlin, Köln oder Göttingen sind für viele Studierende Traumstädte. Die Universitäten haben einen guten Ruf, die Lebensqualität gilt als hoch. Doch die Zahlen zeigen, dass nicht alle Bewerber auch Grund zur Hoffnung haben. Studierendenvertreter Pranghe rät, sich "gut zu informieren, wie der Schnitt der Vorgängergeneration war". So kann man sich im Zweifel den Aufwand für eine aussichtslose Bewerbung sparen.

Hinzu kommt, dass Abschlüsse unterschiedlich bewertet werden. Zwar sind Bachelorabschlüsse von Universitäten, Fachhochschulen und akkreditierten Berufsakademien rechtlich gleichgestellt, doch gerade bei Universitätsprofessoren besteht immer noch eine gewisse Arroganz gegenüber FHs und Berufsakademien. Wer also einen guten (aber nicht sehr guten) Berufsakademie-Bachelor hat, sollte es eher an einer Fachhochschule oder einer weniger nachgefragten Universität probieren.

Im Zweifel rät Pranghe aber zur Bewerbung: "Lieber mal bewerben, sonst ärgert man sich am Ende."

3. Die eigenen Grenzen erweitern

Susanne Schilden vom HRK rät dazu, "über den eigenen Tellerrand zu gucken". Eine örtliche Umorientierung könne auch eine Chance sein. Dies kann bedeuten, aus der angestammten Region wegzuziehen. Gerade in Ostdeutschland gibt es viele hervorragende Hochschulen, die trotz guter Bedingungen nicht genügend Bewerber finden.

Doch man kann noch weiter gehen: Mit der Schweiz und Österreich bieten zwei direkte Nachbarländer Masterprogramme auf Deutsch an. Besonders die Schweizer Hochschulen leiden bisher kaum an einem Mangel an Masterstudienplätzen. Und in Österreich studieren nach Auskunft des Österreichischen Austauschdienstes derzeit fast 27.000 Deutsche.

Eine weitere Alternative sind die Niederlande: Zwar zahlt man jährlich etwa 1650 Euro Studiengebühren, dafür sind die Betreuungsrelationen weitaus besser als in Deutschland. Skandinavische Länder verlangen in der Regel noch nicht einmal Studiengebühren und bieten ebenfalls gute Bedingungen.

Sehr beliebt ist Großbritannien, das mit Oxford und Cambridge einige der weltweit angesehensten Universitäten zu bieten hat. Allerdings wurden gerade die Studiengebühren auf bis zu 9.000 Pfund (ca. 10.300 Euro) pro Jahr erhöht, was viele Studierende abschreckt.

4. Gut bewerben

Viele Bewerbungen zu schreiben ist gut – gute Bewerbungen zu schreiben ist besser. Bei Mastern, die rein nach NC entscheiden, kann man natürlich nichts ändern. Vielfach zählen allerdings auch Motivationsschreiben, Lebensläufe und Professorengutachten. Wie man ein gutes Motivationsschreiben anfertigt, erklären wir in diesem Artikel. Viele Tipps gibt es ebenfalls im Forum von Studis Online.

5. Reinklagen

Wenn trotz aller Bemühungen nur Absagen ins Haus flattern, bleibt die Möglichkeit einer Klage. Im Herbst 2010 hatten mehrere Bewerber für den BWL-Master an der Uni Münster erfolgreich auf Zulassung geklagt (Studis Online berichtete). Das Gericht hatte das Aufnahmeverfahren der Universität gerügt, das neben der Bachelornote auch andere Kriterien wie das Bewerbungsschreiben und die Abiturnote miteinbezogen hatte. Die Kläger wurden allesamt aufgenommen. Auch an anderen Hochschulen waren einige Klagen erfolgreich.

Doch Vorsicht: Auch wenn eine Studienplatzklage erfolgreich sein kann, handelt es sich rechtlich gesehen um Neuland. Höchstinstanzliche Urteile? Fehlanzeige, der Erfolg einer Klage ist alles andere als garantiert. Das musste auch die BWL-Studentin Nina (Name geändert) erfahren: Sie bewarb sich für den BWL-Master an der Universität Bremen mit ihrem Bachelor-Abschluss von einer privaten niederländischen Hogeschool. Gegen die Absage von der Universität ging sie vor Gericht vor. Ohne Erfolg: "Die Universität wollte meinen Bachelor nicht als gleichwertig anerkennen. Das Gericht hat diese Sicht leider bestätigt." Nina wird es in diesem Jahr wieder probieren - dieses Mal allerdings an mehreren Hochschulen.



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