Offenes Ohr

Nightline – Das Zuhörtelefon

Einfach einmal Dampf ablassen, Quatschen, das Herz ausschütten, Nachdenken, alle Fragen stellen können? In Freiburg, Heidelberg und Münster gibt es dafür die Nightliner, Studierende, die sich für ihre Kommilitonen engagieren.

Von Ulrike Michels-Vermeulen


Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst im DSW-Journal 2/2008, dem Magazin des Deutschen Studentenwerks (DSW). Wir danken dem DSW und der Autorin für die Genehmigung, den Artikel auch bei Studis Online publizieren zu dürfen. Für die bessere Online-Lesbarkeit haben wir Zwischenüberschriften ergänzt, das Original hatte keine.
»Egal, mit welchen Problemen Studierende bei uns anrufen, wir sind anonym, unvoreingenommen und nehmen uns Zeit«, so Jan1. Er ist einer von rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Nightline Münster, einem Zuhörtelefon von Studierenden für Studierende. Nachts, wenn Freunde und Eltern nicht zur Verfügung stehen, bieten die Mitarbeiter/innen von Nightline eine Möglichkeit zum Gespräch. »Das Leben von Studierenden beschränkt sich ja nicht nur auf Positives«, so Julia von der Nightline Freiburg. Zweifel an der Wahl des Studienfachs, Prüfungsängste, Schreibblockaden, Stress mit der WG oder dem Partner, Einsamkeit und Kontaktprobleme seien häufige Themen. Aber auch praktische Tipps halten die Nightliner für Studierende parat, wie Hilfen bei der Studienplanung und Recherchen sowie nützliche Kontaktadressen.

Von und für Studierende

Die Mitarbeiter/innen von Nightline sind ausnahmslos selbst Studierende, und zwar aus allen Fachrichtungen. »Es ist unsere Leitidee, dass wir als Studierende einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund mit den Anrufenden haben«, erklärt Jan. Vertraulichkeit ist dabei oberstes Prinzip. »Durch Anonymität halten wir die Hemmschwelle geringer, sich einmal aussprechen zu können. Jemand, der weiß, dass ich bei Nightline arbeite, ruft vielleicht nicht mehr an, aus Angst, erkannt zu werden.« Anonymität gilt ebenfalls für die Anrufenden. Niemand braucht seinen Namen zu nennen, Gesprächsinhalte unterliegen der Schweigepflicht und werden streng vertraulich behandelt.

Die Idee einer Nightline stammt ursprünglich aus Großbritannien, wo ein solches Angebot an fast jeder Uni besteht. Eine Studentin brachte sie vor zehn Jahren aus Oxford mit nach Heidelberg und gründete die erste Nightline in Deutschlands Hochschullandschaft. Es folgten weitere Zuhörtelefone nach ihrem Vorbild in Freiburg und (neuerdings auch) Münster. Eine telefonische Anlaufstelle für Studierende stellt ebenfalls die Evangelische Studentinnen- und Studentengemeinde (ESG) in Hamburg. Sie bietet als einzige ebenfalls die Möglichkeit einer anonymen E-Mail-Beratung.

Ansprechpartner

Nightline Freiburg
» www.nightline-freiburg.de
Di-Do: 21:00 bis 1:00 Uhr
Tel. 07 61/2 03 93 75

Nightline Heidelberg
» www.nightline-heidelberg.de
Mo-Fr: 21:00 bis 2:00 Uhr
Tel. 0 62 21/18 47 08

Nightline Münster
» www.nightline-muenster.de
Mo-Fr: 21:00 bis 1:00 Uhr
Tel. 02 51/8 34 54 00

Telefon & E-Mail-Seelsorge Hamburg
» www.stems.de
täglich: 20:00 bis 24:00 Uhr
Tel. 0 40/41 17 04 11

Nightline Zürich
» www.nightline-zuerich.ch

Nightline in Großbritannien
» www.nightline.niss.ac.uk
Ausgezeichnetes Engagement

Im Jahr 2004 wurde die Nightline Heidelberg mit dem Studentenwerkspreis für besonderes soziales Engagement im Hochschulbereich ausgezeichnet. Der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell geförderte Wettbewerb war damals vom Deutschen Studentenwerk erstmals ausgeschrieben worden. Gesucht waren Studierende, die sich in besonderer Weise für andere Studierende im Hochschulbereich einsetzen. Ein solches auf Freiwilligkeit basierendes Engagement ist in heutiger Zeit keine Selbstverständlichkeit mehr. Gute Abschlussnoten und eine möglichst geringe Studiendauer sind Mindestansprüche im späteren Kampf auf dem Arbeitsmarkt. Hinzu kommt, dass viele Studierende ihr Studium in weiten Teilen selbst finanzieren müssen. Für freiwilliges Engagement bleibt vielen gar keine Zeit. Dabei ist soziales Engagement nicht nur selbstlos, sondern ein Gewinn auch für Helfer/innen. Es stärkt das Selbstvertrauen, das Verständnis für Menschen in anderen Lebenslagen, Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein sowie die Fähigkeit, auf andere Menschen einzugehen. Soziale Kompetenzen also, die eigentlich in jedem beruflichen Werdegang vonnöten sind. »Die Arbeit bietet Möglichkeiten des sozialen Lernens, die es heute an der Uni sonst kaum noch gibt«, betont auch Vivian Wendt, Pastorin und Pastoralpsychologin der Hamburger ESG.

Tatsächlich durchlaufen alle Mitarbeiter, die am Telefon arbeiten möchten, zunächst ein Schulungswochenende. Unter Anleitung von erfahrenen Psychologen werden grundlegende Gesprächskompetenzen trainiert. Dabei, so Michaela, langjährige Mitarbeiterin der Nightline Heidelberg, komme es jedoch nicht nur auf eine Technik, sondern auf eine wertschätzende Grundhaltung an, mit der der Zuhörer dem Anrufenden gegenübertritt. Oft reiche es aus, dem Anrufer eine Art Spiegel zu bieten, in dem er sich mit seinen Schwierigkeiten wahrnehmen könne. Schon dadurch würden viele ihre Probleme im Laufe des Gesprächs selbstständig lösen können. »Manchmal ruft jemand an und schildert zunächst eine Problemsituation. Wir versuchen dann, herauszufinden, was wirklich dahintersteckt, wie es dazu kommen konnte, wie sich das Problem entwickelt hat.«

Voruteilsfrei Zuhören

Theoretischer Hintergrund dieser non-direktiven Grundhaltung ist der Ansatz von Carl Rogers, dem Begründer der Klientzentrierten Gesprächspsychotherapie. Ihm zufolge geht man davon aus, dass das Finden von Problemlösungen und Entscheidungen ein selbstständiger Prozess ist, der sich dann vollzieht, wenn der Zuhörer seinem Gegenüber vorurteilsfrei und ohne vorschnelle Interpretationen und ohne ihn in eine bestimmte Richtung drängen zu wollen begegnet. Um dies zu können, sind jedoch nicht nur Gesprächstechniken vonnöten.

Die Gelegenheit zum Gespräch nutzen
»Ich musste erst einmal lernen, mich zurückzunehmen, keine Ratschläge zu erteilen, dem anderen Raum zu geben«, bekennt Jan. »Viele rufen in der Hoffnung an, die richtige Lösung von uns zu erhalten und merken dann im Verlauf des Gesprächs, wie gut es tut, wenn man sich einfach einmal etwas von der Seele reden kann.« Stehen größere Schwierigkeiten hinter dem Grund des Anrufs, so kooperieren die Nightliner mit anderen Anlaufstellen. »Wir haben eine Kartei mit Adressen, angefangen von psychologischen Beratungsstellen, niedergelassenen Psychotherapeuten bis hin zu Kliniken.« Im Sinne der Anrufenden sei es, als Zuhörer seine Grenzen zu kennen und Abstand von den Problemen des anderen halten zu können, um vollständig wahrnehmen zu können. Aber auch im eigenen Sinne. »Jeder von uns hat im Laufe seiner Tätigkeit wohl einmal die Erfahrung gemacht, seine Grenzen überschritten zu haben«, so Michaela. Um dem weitestgehend vorzubeugen, werden die Nightliner regelmäßig supervidiert.

Dies dient nicht nur der eigenen Psychohygiene, sondern bietet die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch und erhöht die eigenen Kompetenzen. Für letzteres gibt es ebenfalls eine Zusammenarbeit der deutschen Nightlines untereinander, aber auch mit den Nightlinern aus Zürich habe man sich schon einmal getroffen. Zudem gebe es jährlich eine Einladung nach England, wo solche Angebote viel weiter verbreitet sind. Die Kontaktpflege mit anderen, aber auch die Werbung für die eigenen Angebote bringt neben der Arbeit am Telefon eine Menge an Verwaltungsaufwand, Organisation und natürlich finanziellen Kosten mit sich. In Heidelberg, so erläutert Michaela, sei das Team, das etwa 30 Student/innen umfasse, daher untergliedert in verschiedene Gruppen, die sich um die Leitung, Statistiken, Kontakte zu anderen, Öffentlichkeitsarbeit und Finanzen kümmern.

Nightliner auf finanzielle Unterstützung angewiesen

Die finanzielle Unterstützung der einzelnen Nightliner gestaltet sich dabei unterschiedlich. Während Freiburg und Heidelberg sich neben anderen Sponsoren vorwiegend über die beiden Studentenwerke finanzieren, ist die Nightline Münster auf andere Geldgeber angewiesen. Dazu gehören neben privaten Spendern unter anderem auch der AStA der Universität, »die Gesellschafter« – eine Initiative der Aktion Mensch – sowie die Sparkasse Münster.

Die Freiburger Nightline, so die stellvertretende Geschäftsführerin und Diplom-Pädagogin Renate Heyberger, sei eine organisatorisch unabhängige Initiative, die von den Studierenden selbst ausgegangen sei, jedoch von der Universität und vom Studentenwerk sehr unterstützt werde. Neben den jährlichen Schulungen würden auch Werbekampagnen wie der Druck von Plakaten und Aufklebern gesponsert. Die Nightliner, so Heyberger, stellen durch ihr niederschwelliges Angebot einen wichtigen Bereich in der psychosozialen Versorgung Studierender dar. Durch die zunehmende Verschulung und den Erfolgsdruck in den Bachelor- und Master-Studiengängen hätten Studierende immer weniger Freiräume, die sie auch zur Finanzierung ihres Studiums durch Nebenjobs dringend benötigen. Und das bei steigenden Kosten.

Eine konträre Entwicklung – nicht ohne Auswirkungen auf die psychische Befindlichkeit von Studierenden. Insofern, so Heyberger, könne man nur immer wieder dazu raten, bestehende Hilfsangebote rechtzeitig zu nutzen. »Viele Studierende haben Ängste, in einer Zeit, in der es in der Hochschullandschaft immer mehr auf Leistung ankommt, als jemand identifiziert zu werden, der es nicht schafft.«

Dabei lassen sich viele Schwierigkeiten dauerhaft lösen, wenn man sie beizeiten angeht. Vielleicht, indem man mit jemandem darüber spricht. Zum Beispiel bei Nightline.

1 Die Namen der Nightliner im Text wurden geändert.
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Hilfe für Studierende: Zwei Fragen an den Experten

Prof. Dr. Rainer M. Holm-Hadulla ist ärztlicher Leiter der Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studentenwerks Heidelberg

DSW-Journal: Welches sind derzeit die brennendsten Probleme, mit denen die Studierenden in Ihre Beratung kommen?

Holm-Hadulla: Die Probleme sind – wie auch schon in den vergangenen Jahren – Arbeitsschwierigkeiten, Prüfungsängste, Überforderung und Stress. Darüber hinaus kommen Studierende mit den klassischen Problemen wie depressive Verstimmungen, mangelndes Selbstwertgefühl und Beziehungsprobleme zu uns. Auffällig ist, dass die Klientenzahl in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen ist. Das mag viele Gründe haben – eines ist aber sicher: Die psychologische und psychotherapeutische Beratung ist heute wesentlich akzeptierter als noch vor einigen Jahren. Aufgrund dieser Akzeptanz kommen die Studierenden wesentlich früher zu uns und warten nicht, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist.

DSW-Journal: Was halten Sie von der studentischen Initiative »Nightline – das Zuhörtelefon« und wie schätzen Sie deren Bedeutung für die Studierenden ein, die dort anrufen?

Holm-Hadulla: Ich halte »Nightline« für eine sehr wichtige studentische Initiative. Deshalb hat das Studentenwerk Heidelberg »Nightline« – insbesondere in der Gründungs- und Anfangsphase – auch unterstützt. Es rufen dort Studierende an, die die Hilfe professioneller Fachleute (noch) nicht in Anspruch nehmen wollen oder können.

Vermehrt gibt es Studierende, die ihre Zimmer nicht mehr verlassen, vereinsamen oder an Internetsucht leiden – oft unbemerkt von ihrer Umgebung. Man weiß, dass 20 bis 25 Prozent der Studierenden unter erheblichen psychischen Problemen leiden und nur etwa die Hälfte professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Manche Studierende greifen eher zum Telefonhörer und rufen die »Nightline« an, als dass sie in unsere Sprechstunde kommen.

Insofern ist »Nightline« eine wertvolle Ergänzung der professionellen Beratungsarbeit der psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks und gleichzeitig Ansporn für uns, neue niedrigschwellige Angebote für ratsuchende Studierende zu entwickeln. Ab dem Wintersemester 2008/2009 wollen wir deshalb unser Expertenwissen verstärkt via Internet-Beratung interessierten Studierenden zur Verfügung stellen. Denn professionelle Hilfe ist durch das Angebot von »Nightline« natürlich nicht zu ersetzen.

Die Autorin
Ulrike Michels-Vermeulen (41) ist Diplom-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und freie Journalistin. Zurzeit lebt und arbeitet sie in Paris.




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