Die Qual der Auswahl
Auswahlgespräche an Hochschulen
Als Simon Jessens Zug in Tübingen einrollt, fühlt er an eine gewisse Anspannung. Aus gutem Grund: Für 15:00 Uhr ist er zum Auswahlgespräch für den Master in General Management an der Universität geladen. Etwa 90 Personen werden begutachtet, 25 Plätze gibt es zu verteilen. Er macht sich auf den Weg zur Universität.

In der Regel sitzt man beim Gespräch einer Auswahlkommission mit mehreren Mitgliedern gegenüber.
In allen Fachbereichen anzutreffen
Nach Angaben des Hochschulforschungsinstituts HIS mussten im Wintersemester 2009/10 14% der Studienanfänger Eingangsprüfungen absolvieren – davon beinhalteten wiederum 35% Auswahlgespräche oder mündliche Prüfungen. Es ist also nur eine Minderheit von etwa 5%, die sich persönlich einem Prüfungsgremium stellen mussten. Von den Fächern her ist die Verteilung breit: Von Politik bis Ingenieurwissenschaften, von Medizin bis BWL gibt es in allen Bereichen Studiengänge, die ihre Bewerber zu Gesprächen laden. Besonders häufig werden Bewerber für künstlerische Studiengänge zu Gesprächen geladen.
Auswahlgespräche stellen für Hochschulen einen hohen Aufwand dar. Professoren und Mitarbeiter verbringen viel Zeit mit Organisation und Auswahl. Oftmals sind Teile der Fakultät für eine Woche mit nichts anderem beschäftigt.
Laut einer Studie des HIS aus dem Jahr 2006 finden Interviews "unter allen Auswahlverfahren bei den Bewerbern die höchste Akzeptanz". Gelobt wird vor allem die Möglichkeit zur "persönlichen Begegnung". Professor Carsten Rennhak von der ESB Business School in Reutlingen: "Für uns ist das persönliche Kennenlernen der Bewerber essentiell. Es geht uns ja nicht nur um Leistungsfähigkeit, sondern auch um Motivation, Neugier und soziale Kompetenz. "
Zum Gespräch gebeten werden nicht alle Bewerber – dies würde organisatorisch den Rahmen für die Hochschulen sprengen. Eine Einladung erhalten diejenigen mit den jeweils besten Durchschnittsnoten und den ansprechendsten Bewerbungen – meist werden drei- bis fünfmal so viele Bewerber eingeladen wie Plätze vorhanden sind.
Was passiert?

Sebastian Horndasch ist Autor der beiden Studienführer Bachelor nach Plan und Master nach Plan, die bei Auswahl, Bewerbung und Finanzierung des Bachelor- beziehungsweise des Masterstudiums helfen. Er betreibt mit www.horndasch.net ein Blog, das sich vor allem mit Fragen der Studienwahl und der Bewerbung auseinander setzt. Sebastian hat in Erfurt Staatswissenschaften studiert und hat einen Master in Economic Development von der Nottingham University. Er promoviert derzeit im Bereich Bildungsökonomie.
Die Größe der Auswahlkommission ist unterschiedlich. Waren es bei Simon zwei Personen, saß Fabian Guhl, der sich für die Business School ESCP Europe beworben hatte, nur einem Professor gegenüber. "Das hatte mich schon sehr überrascht." An der ESB Business School sind es stets drei Personen: Ein Professor, ein Studierender sowie ein Alumnus oder Firmenvertreter. Doch es geht noch höher: Wer sich für das Europakolleg in Brügge bewirbt, sieht sich zehn Kommissionsmitgliedern gegenüber.
Die Interviews dauern in der Regel 20 bis 30 Minuten, können aber bis zu 90 Minuten lang sein, wie es an der ESB der Fall ist. Mitunter müssen die Bewerber zusätzliche Tests ablegen. Dabei werden – je nach Hochschule und Studiengang – Intelligenz, mathematische Fähigkeiten und Sprachkenntnisse abgefragt.
Bewerber sitzen meist alleine vorm Auswahlkomitee. Doch das halten nicht alle Hochschulen so: An der ESB werden stets drei Kandidaten gleichzeitig befragt. "Wir wollen eine Diskussion zwischen den Bewerbern sehen", so Professor Rennhak.
Das Interview – welche Fragen werden gestellt?
So unterschiedlich Auswahlgespräche ablaufen, viele Dinge sind allen gemeinsam. "Fachliche Qualifikation ist unerlässlich. Hinzu kommen Fragen zur Motivation", so Nicolaus Heinen, der sich als Alumnus im deutschen Auswahlkomitee für das Europakolleg Brügge engagiert. Dabei handelt es sich um eine Hochschule in Trägerschaft von Europäischer Kommission und Europaparlament, die jährlich 250 Studierende aus ganz Europa in fünf Masterstudiengängen auf Tätigkeiten in EU-Institutionen vorbereitet. Die Studierenden werden von den Mitgliedstaaten der EU entsandt. Heinen arbeitet als Europaanalyst bei der Deutschen Bank.
Lebenslauf und Motivationsschreiben prägen das Gespräch inhaltlich. Wie begründet man seine Entscheidungen in der Vergangenheit? Wo möchte man hin? Diese Fragen sind in der Regel einfach zu beantworten – es sei denn, es ergeben sich logische Lücken im Lebenslauf. "Da haken wir natürlich nach", so Heinen.
Fachliche Fragen sind vor allem bei Masterprogrammen zu erwarten. Nach Heinen Erfahrung scheitern die meisten Bewerber am Europakelleg an "mangelndem Fachwissen zur europäischen Integration."
Bei Bachelorbewerbern zählt dagegen weniger das Fachwissen und mehr die Motivation. Professor Rennhak: "Wir wollen diejenigen, deren Herzblut für unsere Hochschule schlägt. Von Abiturienten erwarten wir natürlich keine tieferen Fachkenntnisse, allerdings sollten sie sich mit den Inhalten und der Struktur des Studiums befasst haben. Wir erwarten eine klare Story: Warum will ich unbedingt an die ESB." Auch andere Werte zählen: "Soziales Engagement ist an der ESB ein großes Plus."
Besondere Angst haben viele Bewerber vor Stressfragen wie "Wie viele Autos werden pro Jahr in Deutschland produziert?" oder "Warum sind Kanaldeckel rund?" Diese kommen allerdings nur selten vor. Professor Rennhak: "Stressfragen stellen wir in der Regel nicht, allerdings testen wir schon die kognitiven Fähigkeiten der Bewerber, zum Beispiel durch mathematische Fragen." Auch Fangfragen sind selten – "es sei denn, der Bewerber fordert sie durch forsches Auftreten heraus", so Heinen.
Bewerber sollten damit rechnen, dass sie teilweise in Fremdsprachen antworten müssen. An der ESB findet die Vorstellungsrunde zu Beginn in Englisch statt. Und bei der Bewerbung fürs Europakolleg werden laut Heinen alle Sprachen durchgegangen, "die der Bewerber als Sprachkompetenz angegeben hat."
Die richtige Vorbereitung
Wer eine Einladung zum Auswahlgespräch erhalten hat, sollte sich gut vorbereiten. Folgende Schritte sind sinnvoll:1. Zeitung lesen
Wer sich für einen grundständigen Studiengang bewirbt, muss keine tieferen Fachkenntnisse mitbringen. Wichtig ist eher, die aktuelle Presse mit Blick auf den Studiengang zu lesen. Wer sich für Medienwissenschaften bewirbt, sollte sich schlau machen, was medienpolitisch gerade diskutiert wird. Wer sich für Medizin bewirbt, sollte eine Meinung dazu haben, wie das Gesundheitssystem reformiert werden kann. Und wer sich für internationale Politik interessiert, muss wissen, was gerade in der EU diskutiert wird. Im Master ist es anders: Hier werden auch solide Fachkenntnisse vorausgesetzt.
2. Sich mit dem angestrebten Studium befassen
Man wird in jedem Fall nach den Gründen für die Bewerbung gefragt werden. Wer dabei zu allgemein bleibt, hat schlechte Karten.
3. Sich vorher informieren
Wer mehr über den konkreten Ablauf der Gespräche wissen möchte, kann aktuelle Studierende an den jeweiligen Hochschulen kontaktieren – entweder über Freunde, die Fachschaft am jeweiligen Fachbereich oder durch eine Suche in sozialen Netzwerken. Bei intensiver Recherche findet man auch immer wieder Erfahrungsberichte im Internet.
4. Vorstellung üben
Vielfach werden Bewerber gebeten, sich kurz vor zu stellen. Wer darauf nicht vorbereitet ist, kommt leicht ins stocken: Es ist gar nicht leicht, ein oder zwei Minuten über sich selbst zu sprechen. Dabei geht es vor allem darum, die wichtigsten Stationen des Lebenslaufes flüssig und in sich logisch darzustellen und dabei möglichst eine Verbindung zum angestrebten Studium aufzubauen.
5. Nicht zu viele Gedanken auf die Kleiderwahl verschwenden
In Sachen Dresscode gibt es für Bewerber von nicht-wirtschaftlichen Fächern auch an renommierten Hochschulen keinerlei Vorgaben. Normale Alltagskleidung gilt als akzeptabel. Bewerberinnen sollten allerdings darauf achten, nicht zu freizügig zu erscheinen. Auch Business Schools gehen nach Auskunft von Professor Rennhak von der ESB Business School locker mit der Kleiderwahl um: "Ein 18jähriger Abiturient im schwarzen Anzug wirkt eher unnatürlich. Bewerber sollten sich etwas anziehen, in dem sie sich wohlfühlen – als Daumenregel würde ich zu ‚normaler Kleidung plus’ raten, also etwas schicker als normalerweise." Wer sich allerdings für einen Businessmaster oder gar für einen MBA bewirbt, sollte zu formalerer Kleidung greifen.
6. Authentisch bleiben
Laut Nicolaus Heinen überzeugt man nicht mit markigen Sprüchen: "Zurückhaltung gewinnt. Es zählen Fachwissen, gute Argumente – und im Falle eines Falles auch das ehrliche Eingeständnis, eine Antwort nicht zu wissen."
Nach dem Gespräch
Normalerweise erfährt man einige Wochen nach dem Gespräch, ob es geklappt hat. Fabian, der sich an der ESCP Europe beworben hatte, hatte kein gutes Gefühl: "Das Gespräch lief in meinen Augen nicht so gut. Danach dachte ich, vergiss es, die nehmen mich niemals. Ich war sehr überrascht, als dann die Zusage in der Post lag." Doch es geht auch schneller. Das Gespräch an der Universität Tübingen endete für Simon mit einer positiven Überraschung. "Herr Jessen, der Ball liegt bei Ihnen – wir bieten Ihnen einen Studienplatz an."
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