01.11.2009

Hintergrundtexte zum Thema Bildungsstreik und -reform
Bildungspolitik und »aktivierender Staat« (Seite 1)

Der Ab- und Umbau des Sozialstaates und des Bildungssystems ist in den vergangenen Jahren ein zentrales politisches Thema gewesen. Kern der Auseinandersetzung über das Sozialsystem war die Frage, inwieweit der Staat Risiken wie Arbeitslosigkeit, Alter oder Krankheit absichern muss und was in die "Eigenverantwortung" der Bürgerinnen und Bürger gegeben werden soll. Auswüchse der getroffen Entscheidung zur Individualisierung sozialer Risiken sind bspw. Hartz IV und Studiengebühren: Immer stärker wird die staatliche Absicherung zurückgefahren, immer stärker werden die Individuen auf sich selbst zurückgeworfen. Die unterstellt jedoch, dass sie Einfluss nehmen könnten auf den Arbeitsmarkt, der ihre Arbeitslosigkeit zumindest zum Teil determiniert, oder auf die finanzielle Situation der Eltern, die für Studiengebühren aufkommen sollen.

Vorbemerkung zum Text

Über den Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi)

Seit seiner Gründung 1968 engagiert sich der BdWi für eine Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung. Er bezieht auf Kongressen, in wissenschaftlichen Publikationen und politischen Stellungnahmen öffentlich Position zu Fragen von Wissenschaft, Forschung und Hochschulentwicklung. Im BdWi haben sich über tausend Natur-, Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen zusammengeschlossen. Sie alle verbindet ihr gemeinsames Interesse an einer emanzipatorischen Wissenschafts- und Bildungspolitik.

Der BdWi lebt dabei von seinen Mitgliedern: Sie finanzieren die Arbeit und engagieren sich ehrenamtlich. Ob ProfessorIn, WissenschaftlerIn oder Studierende – gemeinsam versuchen die Mitglieder des BdWi, die bildungs- und wissenschaftspolitische Debatte zu beeinflussen.

Weitere Informationen auch zur Mitgliedschaft finden sich unter www.bdwi.de.
Für den Bildungsbereich ist bei der Umgestaltung der Sozial- und Bildungspolitik der vergangenen Jahre die Frage zentral, was unter Chancengleichheit verstanden werden soll. Handelt es sich um eine formale Gleichheit der Regeln, oder soll Chancengleichheit auch materiell unterfüttert werden, d.h ungleiche Ausgangsbedingungen auch ungleich behandelt und durch Transferleistungen bzw. öffentlich finanzierte Infrastruktur abgefedert werden? Torsten Bultmann und Vera Klier haben 2002 eine Analyse zu eben dieser Frage geschrieben, deren Kern die Umdeutung des Chancengleichheitsbegriffs "von der sozialen Emanzipation hin zur individuellen Wettbewerbsfähigkeit" ist. Die Zielsetzungen des Bildungssystems wurden und werden in dieser Debatte verschoben, indem der Arbeitsmarkt als Maßstab, die Investition in das Humankapital als Mittel zum Bestehen auf dem Arbeitsmarkt und das "Fehlinvestieren" in Bildung als persönliches Pech genommen werden. Bildung verliert so einerseits einen Teil der emanzipatorischen Bedeutung. Zum anderen wird unterstellt, dass der Arbeitsmarkt individuell beeinflussbar ist. Gerade die aktuelle Krise zeigt jedoch, dass die Frage der Arbeitsmarktsituation wesentlich von Faktoren bestimmt wird, die nicht durch das Individuum bestimmt werden können. Letztlich hat der Bildungsstreik sich auch gegen diese tiefgreifenden Veränderungen im politischen Diskurs gewandt. Die Hintergründe der Auseinandersetzung sind im folgenden Text dokumentiert.

Der Text von Torsten Bultmann und Vera Klier ist zuerst erschienen in: Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) / freier zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs): Bildungsfinanzierung, Marburg 2002.







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Diese Reihe ist eine Kooperation vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) und Studis Online aus Anlass des Bildungsstreiks 2009/2010. Sie soll Hintergründe beleuchten und Theorie bereitstellen.

 
 

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