(Kein) Grund zum Jubeln
Was wird aus HochschulabsolventenInnen?

Hochschul-AbsolventInnen: Berufschancen durchaus gut – aber manches macht weiter nachdenklich
Zentrale Ergebnisse der HIS-HF Absolventenbefragung des Jahrgangs 2009 - AbsolventInnen ein Jahr nach Abschluss des Erststudiums
| Abschluss | Master / Promotion begonnen1,2 | Arbeits- losigkeit2 | Erwerbstätigkeit regulär/sonstige2,3 |
|---|---|---|---|
| FH-Diplom | 10 / 2 | 4 | 80 / 8 |
| Uni trad. | 1 / 26 | 4 | 60 / 31 |
| FH-BA | 50 / 0 | 3 | 45 / 6 |
| Uni-BA | 72 / 1 | 2 | 15 / 8 |
Die Zahlenangaben (in %) sind der Tabelle Z1 der HIS-HF Absolventenuntersuchung 2011 entnommen.
1 evt. auch schon wieder abgebrochen (vor allem deshalb addieren sich die Werte der Zeilen meist auf über 100); weitere akadem. Qualifikationen hier weggelassen
2 Stand ein Jahr nach Abschluss
3 regulär: angestellt bzw. selbständig; sonstige: Jobs, Werkverträge, Referendariate etc.)
Ganz so rosig ist die Wirklichkeit freilich nicht. Während die HIS-Studie "Hochschulabschlüsse im Umbruch" die erste Aussage durchaus stützt, ist die zweite grob irreführend. Es mag zutreffen, dass Bachelor-Abgänger von Universitäten nur zu zwei Prozent und die von Fachhochschulen (FH) zu drei Prozent erwerbslos sind. Dies aber wohl vor allem deshalb, weil eine große Mehrheit weiterstudiert. An FHs streben demnach 53 Prozent der Bachelorstudierenden einen zweiten Abschluß an, an den Unis sogar satte 77 Prozent. Und in den allermeisten Fällen wollen die Betroffenen einen Master draufsatteln (siehe auch Tabelle oben). Aus diesen Zahlen auf ein "Erfolgsmodell" Bachelor zu schließen, ist eine ziemlich wohlwollende Interpretation. Viel eher läßt sich daraus folgern, dass die wenigsten dem Bachelor über den Weg trauen und aus Sorge um ihre Zukunft lieber auf Nummer sicher gehen, indem sie auf die Master-Karte setzen. Dazu paßt: Gefragt nach ihren Gründen für ein weiterführendes Studium ist die "Verbesserung der Berufschancen" das von Bachelor-Absolventen am häufigsten genannte Einzelmotiv. Über "Schönfärberei" klagte so auch der "freie zusammenschluß von studentInnenschaften" (fzs) in einer Stellungnahme. Wenn die Leute massenhaft weiterstudieren würden, "ist der Bachelor-Abschluß offensichtlich nicht berufsqualifizierend", monierte Erik Marquard, Vorstandsmitglied beim bundesweiten studentischen Dachverband. Wer sich dauerhaft dieser Realität verschließe, "behindert echten Fortschritt in der Studienreform".
Erfreulich: HochschulabsolventInnen weiterhin eher selten arbeitslos
Deshalb ist aber nicht gleich alles falsch und schlecht, was die HIS-Forscher ermittelt haben. Grundlage ihrer 400 Seiten starken Studie ist eine Umfrage unter mehr als 10000 Absolventen des Prüfungsjahrgangs 2009 ein Jahr nach dem Examen. Das Institut macht dies seit 1989 im Vierjahresturnus. Weil die Umsetzung der Bologna-Reform weit fortgeschritten ist, besteht der besondere Wert der neuesten Erhebung darin, erstmals die Absolventen der alten denen der neuen Studiengänge gegenüberstellen zu können. Die Liste der Fragen ist lang und umfaßt Punkte wie Studienqualität, erworbene Fachkenntnisse, Auslandsmobilität, Weiterqualifizierungen, Übergang in den Arbeitsmarkt, berufliche Situation und Verdienstmöglichkeiten. In der Mehrzahl spiegeln die Ergebnisse eine verbesserte Lage von Absolventen gegenüber der Vorgängeruntersuchung wider, sowohl mit Blick auf ihren beruflichen Werdegang als ihr zurückliegendes Studium. Vor dem Hintergrund der insgesamt rückläufigen Arbeitslosenzahlen ist ein Hochschulabschluß (mit großen Abstrichen der Bachelor) fast schon Garant für einen Job. Ohne Arbeit waren 2010 nur vier Prozent der Befragten, vier Jahre früher betrug die Rate noch 5,5 Prozent. Mit zweistelligen prozentualen Zuwächsen haben die Einkommen zugelegt. Das Bruttogehalt für Uniabsolventen belief sich im Mittel auf 37500 Euro, bei FH-Abgängern auf 37250 Euro. Vier Jahre zuvor lagen die Einstiegsgehälter bei durchschnittlich 33000 Euro. Entsprechend rückläufig ist auch der Anteil derer, die sich unter Wert verkaufen. In Positionen unterhalb ihres Qualifikationsniveaus befanden sich drei Prozent der FH- und fünf Prozent der Uni-Absolventen, 2006 lag die Gesamtquote noch bei sieben Prozent.
All das sind erfreuliche Ergebnisse, die angesichts der im Jahr 2008 durch den Crash der US-Investmentbank Lehman-Brothers ausgelösten globalen Wirtschafts- und Finanzkrise nicht unbedingt zu erwarten waren. Und auch die Studienautoren konstatieren vor diesem Hintergrund, die »Übergänge in reguläre Beschäftigung verlaufen besser als in den meisten bisher befragten Jahrgängen«. Allerdings ist die Entwicklung kein Grund, den schönen Gesamteindruck ursächlich auf die Bologna-Reform zurückzuführen, geschweige denn Jubelgesänge auf das Bachelor-Master-System anzustimmen. Eher gilt: Der Bachelor zieht den Schnitt nach unten.
Was passiert mit Bachelor-AbsolventInnen?
Tatsächlich sind Absolventen dieser Studiengänge bei einer ganzen Reihe von Indikatoren deutlich benachteiligt. Der Unibachelor hat lediglich 22 der Absolventen binnen eines Jahres in die Erwerbstätigkeit geführt, nur 15 Prozent in eine reguläre Beschäftigung, im Fall des FH-Bachelors 45 Prozent. Von den wenigen Berufstätigen hatten wiederum nur 49 Prozent der FH- und 30 Prozent der Uniabgänger eine unbefristete Vollzeitstelle. Zum Vergleich: Wer traditionell auf Diplom, Magister oder Lehramt studiert hat, stand nach einem Jahr zu 80 (Uni) bzw. 60 Prozent (FH) in Lohn und Brot, dazu vielfach unbefristet (FH 60 Prozent, Uni 37 Prozent). Zum Teil gewaltig sind die Unterschiede bei den Einkünften. FH-Bachelors verdienen zum Berufsstart mit 32700 Euro im Schnitt zehn, Unibachelors mit 27100 Euro ganze 26 Prozent weniger als ihre einstigen Kommilitonen in traditionellen Studiengängen. Und auch was die Auslandsmobilität betrifft, haben Bachelor-Studierende das Nachsehen.
Das zeigt: Bachelor-Absolventen mögen besser dastehen als die Referenzgruppe vor vier Jahren, der Abstand zu den alten Studiengängen bleibt aber bestehen, mitunter reißt die Lücke sogar weiter auf. Die HIS GmbH hatte im Mai eine Untersuchung zu "Studien- & Berufsperspektiven Bachelorstudierender" publiziert, in der für die nähere Zukunft eine mögliche Übergangsquote vom Bachelor zum Master von 76 Prozent prognostiziert wird. Danach wollten gerade einmal zehn Prozent der im Wintersemester 2010/11 befragten Bachelor-Studierenden an Unis nicht den Master anstreben. Machen sie ihr Vorhaben wahr, geriete der "Bachelor pur" nach nur zehnjährigem Bestehen zum Auslaufmodell. Außerdem: Der Druck auf den jetzt schon knappen Master würde weiter zunehmen, auch wenn die HIS-Forscher von Engpässen nichts wissen wollen. Nach ihren Angaben konnten fast alle Absolventen (89 Prozent FH, 91 Prozent Uni) den Master an ihrer Wunschhochschule und in ihrem Wunschfach (94 Prozent FH, 96 Prozent Uni) aufnehmen. "Hinweise auf einen generellen Mangel an Master-Studienplätzen für den Bachelor-Absolventenjahrgang 2009 gibt es demzufolge nicht", schreiben die Autoren.
Studie zwangsläufig nicht aktuell – z.B. in der Frage des Angebots an Master-Studienplätzen
Damit weisen sie selbst auf die offene Flanke ihrer Studie hin. Diese beruht auf einer Umfrage aus dem Jahr 2010 und beleuchtet – da wo es um die Studienqualität und -ausstattung geht – die Situation im Jahr 2009. Damals mag die Master-Situation noch prima gewesen sein, heute mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr. Salome Adam vom Studierendenverband fzs zürnt denn auch über "blanken Hohn" für diejenigen, die keinen Platz ergattert hätten. "Zwei Jahre später zeigt sich, daß deutlich mehr Studierende keinen Master-Platz bekommen." Wieder hinfällig könnte so auch die von den Wissenschaftlern verzeichnete "Steigerung der Studienqualität" sein, wie sie die Einschätzungen der Befragten, auch der Bachelor-Absolventen, durchweg nahelegen. Denn warum sollte das noch für die Gegenwart gelten? Voll waren die Hochschulen auch vor zwei Jahren, aber derart überlaufen wie zum Start des Wintersemesters waren sie noch nie. Ob unter diesen Bedingungen die erzielten Fortschritte bestätigt oder gar ausgebaut werden können, ist äußerst fraglich. Auf jeden Fall halten Kritiker den bis 2015 geschnürten Hochschulpakt für deutlich unterfinanziert und fordern bereits die Schaffung Zehntausender zusätzlicher Studienplätze.
Was folgt aus alle dem? Die HIS-Studie macht Hoffnung, weil sich die Berufsperspektiven von Hochschülern trotz Finanz- und Euro-Krise verbessert haben. Ein Ruhmesblatt für die hochschulpolitisch Verantwortlichen ist sie deshalb noch lange nicht. Zentrale Ziele der Bologna-Reform wie höhere Auslandsmobilität und verkürzte Studienzeiten wurden bislang verfehlt. Der Bachelor wird von den wenigsten als der berufsqualifizierende Regelabschluß betrachtet, der er eigentlich werden sollte. Satt dessen generiert er noch immer Studierende erster und zweiter Klasse. Es tut sich was an den Hochschulen, aber es gibt noch viel mehr zu tun. (rw)
Quellen und mehr zum Thema
- Hochschulabschlüsse im Umbruch (HIS: Forum Hochschule 17|2011) »
- Studie: Hochschulabsolventen starten erfolgreich ins Berufsleben (Pressemitteilung 137/2011 des BMBF; 26.10.2011) »
- Abhängig vom Studienfach: Was wird aus HochschulabsolventInnen (21.06.2009; selbe Studienreihe wie die im Artikel berichtete, nur hier die Langzeitauswertung 10 Jahre nach Abschluss des Studiums) »
- So viel verdienen HochschulabsolventInnen (22.04.2009) »
- Welcome or not? Arbeitsmarktchancen des Bachelor (31.01.2011) »
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1. Klemens Himpele kommentierte am 29.10.2011 um 12:06:57 Uhr
So was ähnliches...
...wollte ich auch noch Schreiben. Danke an Studis Online für die schnelle Aufarbeitung. Als Ergänzung zwei Sachen: Erstens sind die Daten endlich mal nach Geschlecht ausgewiesen, was vergleichbare Studien des INCHER bis heute nicht schaffen. Zweitens verdienen Bachelor erheblich schlechter und mein Eindruck ist, dass sich die Schere eher öffnet (zumindest verglichen mit den INCHER-Daten). Kurzum: Bachelor verdienen weniger, ahben seltener Normalarbeitsverhältnisse und würden im Rückblick seltener wieder die gleiche Studienart wählen. Zumindest beim Uni-Bachelor gibt es erhebliche Probleme, die man endlich mal angehen sollte. Das liegt lange auf dem Tisch, aber das BMBF scheint lieber zu jubeln anstatt zu handeln.
Danke für den Beitrag. Spart mir Arbeit ;-) Der HIS-Bericht ist übrigens lesenswert, da er nicht so eine "Jubel-Studie" (Frankfurter Rundschau) wie die INCHER-Veröffentlichungen ist.
KH
2. mngmngt kommentierte am 01.11.2011 um 07:24:10 Uhr
schön...
schön, dass es den hochschulabsolventen so gut geht...dann sind ja alle probleme in unserem staatssystem gelöst...
3. Gästle kommentierte am 07.02.2012 um 12:06:11 Uhr
Jaja - wie immer eitel Sonnenschein
Ich habe den Artikel nur überflogen. Trotzdem wird sofort klar, dass er wieder nur alte Behauptungen aufkocht.
- Es gibt einen umfassenden Fachkräftemangel, deswegen haben Studenten sowieso immer gute Chancen (Frau Schavan wird es wissen...).
- Auch der Bachelor ist super.
- Studierende haben immer beste Aussichten. Es gibt nur wenige Arbeitslose (wie viele melden sich schon arbeitslos und bleiben dann als Langzeitsarbeitslose in den Statistiken...)
usw...
Wie wäre es mal, wenn etwas zwischen verschiedenen Fächern differenziert würde ?
Hier im Forum gibt es einen Biologie-Thread, der aufzeigt, dass ein Biologiestudium schnell in die Arbeitslosigkeit führt (leider auch die molekularen Fächer). Oder in eine Promotion, die gerne mal 4-6 Jahre dauert und nach der man Glück hat, wenn man 2-jahres Verträge ergattert.
Wer nicht weiss, ob er das Studium mit Auszeichnung (Note 1,0 bis 1,3) abschließen wird, sollte es lassen. Auch eine kurze Studiendauer ist Pflicht. Und auch das allein reicht nicht, um gute Aussichten zu haben. Das kann ich aus eigener Erfahrung berichten.
Sehr einflussreiches und belastbares Vitamin B kann retten.
Für Chemiker habe ich auch schon Ähnliches gehört.
Physiker können mit guten Mathematik-Kenntnissen eventuell auch bei Banken oder Versicherungen unterkommen.
Die einzigen, die scheinbar wirklich gebraucht werden, sind Ingenieure. Angeblich werden gute Ingenieure schon im Studium von Firmen umworben. Warum dann immer von einem Fachkräftemangel in den Naturwissenschaften gesprochen wird, erschließt sich mir nicht.
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