03.12.2009

Wissenschafts- und Hochschulpolitik
Von Hochschulmanagern und ExzelLenzen – und Protesten dagegen

Hochschulen sollen – nach Ansicht mancher Think Tanks – wie Wirtschaftsunternehmen geführt werden und "im Wettbewerb" untereinander stehen. Nicht mehr Rektoren, sondern "Hochschulmanager" sollen die Universitäten "führen". Demokratie und die Idee der Bildung als Menschenrecht bleiben dabei zunehmend auf der Strecke. Dieter Lenzen, "Hochschulmanager des Jahres 2008" und bisher Präsident an der FU Berlin, ist dieser Tage als neuer Präsident der Uni Hamburg vorgesehen. Studis Online zeigt, warum das zu Protesten führt und was die Hintergründe sind.

Von Florian Muhl

Das Bild der Universität im Wandel

Universitäten werden in den letzten Jahren in der öffentlichen Diskussion fast nur noch unter betriebswirtschaftlichen Aspekten betrachtet. Schlagworte wie "Konkurrenz", "Elite", und "Wettbewerb" spielen dabei eine immer größere Rolle. Dass Universität ihrer Idee nach jedoch wesentlich mehr ist, als nur eine "Lernfabrik" und ein "Karrieresprungbrett", wird dabei übersehen. Wie in privatwirtschaftlichen Unternehmen soll so ein effizientes output-orientiertes Universitätsmanagement gewährleistet und gesellschaftliche Einflussnahme auf den Lehr- und Forschungsbetrieb reduziert werden. Gleichberechtigte demokratische Mitbestimmung der Studierenden und Lehrenden in der Selbstverwaltung, als wichtige Errungenschaft der Nachkriegszeit, wird derzeit ersetzt durch externe Hochschulräte und Uni-Führungspersonal, die die Unis autoritär von oben herab "regieren" sollen. All diese Entwicklungen kamen jedoch nicht zufällig. Verschiedene Akteure und Lobbygruppen waren und sind an der Umgestaltung der Hochschullandschaft direkt und indirekt beteiligt.

Eine der Einflussreichsten ist das 1994 als "Reformwerkstatt" von der Bertelsmannstiftung und der Hochschulrektorenkonferenz gegründete Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). (Bekannt geworden ist das CHE u.a. mit seinen Hochschul-Rankings, die seit 1998 jährlich erscheinen.) Als Leitbild des CHE dient die Idee der "entfesselten Hochschule", die Detlef Müller-Böling, der von 1994 bis 2008 das CHE leitete, formulierte. Diese "entfesselte" Hochschule soll die "Fesseln" der Bürokratie, aber auch der gesellschaftlichen und staatlichen Einflussnahme abschütteln und "autonom, wissenschaftlich, profiliert und wettbewerbsfähig, wirtschaftlich, international und neuen Medien gegenüber aufgeschlossen" sein.

Ein weiterer Lobbyverband, der in den letzten Jahren versucht, die Entwicklung der Wissenschafts- und Hochschulpolitik in die von ihm gewünschte Richtung zu beeinflussen, ist die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, eine Lobbyorganisation der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie, die bspw. Anfang 2005 mit einer großangelegten Werbeaktion - "Studienkosten belasten die Falschen" - gezielte Propaganda für die Einführung von Studiengebühren machte und bis heute das Portal unicheck.de betreibt (Hintergründe dazu im Artikel Unicheck.de, die INSM und Studiengebühren).

Uni-Leitung als Management – Dieter Lenzen als "Hochschulmanager des Jahres"

Freie Universität Berlin / Uta Rademacher

Dieter Lenzen - "Hochschulmanager des Jahres" 2008 vor dem Wappen der FU Berlin, als deren Präsident er diese Auszeichnung erhielt
Die Anforderungen an die "entfesselte Hochschule" werden vom CHE auch an die Leitungen von Universitäten gestellt: Sie sollen die Ausrichtung der Hochschulen an Wettbewerb, Konkurrenz und Elitenförderung betreiben. Der Wettbewerb von Hochschulen untereinander, der Wettbewerb um Studierende, Professoren und privatwirtschaftliche Drittmittel und der universitätsinterne Wettbewerb um die künstlich verknappten Finanzmittel in den Bildungsetats soll durch das Koppeln von Ressourcenverteilung und Erfüllung von Ziel- und Leistungsvereinbarungen gefördert bzw. überhaupt erst künstlich hergestellt werden.

Um die Verbreitung dieser Ideen zu fördern, vergibt das CHE seit vergangenem Jahr gemeinsam mit der Financial Times Deutschland die "Auszeichnung" "Hochschulmanager des Jahres". Mit dieser Trophäe sollen Leiter deutscher Hochschulen prämiert werden, die "intern weitreichende Reformen vorangetrieben und sich extern durch eine professionelle Positionierung im Wettbewerb um herausragende Studenten und Professoren, Drittmittel und Kooperationen verdient gemacht haben." Die Hochschulleiter, die in die engere Wahl genommen werden, sollen an ihren Hochschulen "Erfolge in den Kategorien Strategisches Management, Finanzierung, Organisation und Leitung, Qualitätsmanagement, Personalmanagement sowie Internationalisierung" erzielt haben. Demokratische Gestaltung und Kontrolle der Hochschulen, sowohl durch die Gesellschaft, die sie finanziert, als auch durch die Mitglieder der Universitäten, hat in diesen Konzepten keinen Platz.

Zum ersten "Hochschulmanager des Jahres" wurde 2008 der damalige Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen gekürt. Er hatte die FU während seiner sechsjährigen Amtszeit zu einer "Elite-Hochschule" umgebaut. Dieter Lenzen repräsentiert in seinem Tun somit in "ausgezeichneter" Weise die Ziele des derzeit laufenden Umbaus der Hochschulen. Dieser Umbau ist jedoch zunehmend umkämpft und verläuft nicht reibungslos, wie durch die aktuelle Welle der Universitäts- und Hörsaal-Besetzungen in ganz Europa deutlich wird. Auch an der Person Lenzen, der zum neuen Präsidenten der Universität Hamburg gemacht werden soll, entzündete sich dort kürzlich Protest.

Proteste gegen elitäre ExzelLenzen

Dieter Lenzen, seines Zeichens Erziehungswissenschaftler, wurde 2003 Präsident der FU Berlin. Seit 2005 ist er Vorsitzender des sogenannten "Aktionsrats Bildung", einer Initiative der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft zur Reform des Deutschen Bildungssystems und Mitglied des Fördervereins der bereits oben genannten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft.

Bereits vor seiner Ernennung zum Präsidenten der FU Berlin befürchteten kritische Studierende an der FU Berlin angesichts der bildungspolitischen Entwicklungen, dass "neokonservative Braintrusts und marktradikale Politiker [...] und die technokratischen Studierenden die letzten demokratischen Bastionen auf dem Campus schleifen [werden], um die Freie Universität durch die Profitorientierte Leistungsuniversität zu ersetzen". Diese Befürchtungen waren berechtigt. Lenzen sorgte während seiner Präsidentschaft für einen radikalen Umbau der Universität, der gegen die Kritik vieler Mitglieder der Universität "anti-demokratisch und intransparent" durchgesetzt wurde. 2007 wurde die FU Berlin als "Eliteuniversität" ausgezeichnet.

Doch nicht nur Studierende, auch Lehrende kritisierten Lenzen und die von ihm verfolgte Politik scharf. Beispielhaft dafür ist die Abschiedsvorlesung von Prof.Dr.Bodo Zeuner vom 11.07.2007:
"Präsident Lenzen ist nicht nur Chefmanager der "unternehmerischsten Universität" Deutschlands, er macht auch aus seiner Parteinahme für Unternehmerinteressen und Unternehmerideologien keinen Hehl. Er ist Fördermitglied der vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall ins Leben gerufenen und finanzierten "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft". Die Initiative "Neue Soziale Marktwirtschaft" ist ein neoliberaler Think-Tank, der stolz darauf ist, öffentliche Diskurse zu steuern, ja zu manipulieren, Journalisten zu beeinflussen, eine ideologische Deutungshoheit im Sinne seiner Auftraggeber herzustellen."
"Not my president" - Protest an der FU Berlin

Studierende der FU Berlin organisierten Protest gegen den Uni-Präsidenten Dieter Lenzen und die Politik, für die er steht und gründeten im Rahmen einer Kommunikationsguerilla-Aktion einen elitären Dieter-Lenzen-Fanclub. Seit Oktober diesen Jahres werden an der FU zudem Unterschriften gesammelt um eine Urabstimmung gegen den Uni-Präsidenten durchzuführen - ("Lenzen – Not my president").

Diese könnte sich jedoch als überflüssig erweisen. Lenzen scheint seines Amtes an der FU Berlin überdrüssig geworden zu sein. Er hat sich auf die nach dem Abtritt Monika Auweter-Kurtz' freigewordene Präsidenten-Stelle an der Uni Hamburg beworben und ging aus dem geheimen Auswahlverfahren als einziger Kandidat hervor. Nachdem dies bekannt geworden war, wurde es für Lenzen, bereits bevor er sich das erste Mal öffentlich zu seiner Bewerbung geäußert hatte, ungemütlich. Von Seiten der Studierenden der Uni Hamburg blies ihm ein eisiger Wind entgegen.

Proteste gegen ExzelLenzen auch an der Uni Hamburg

Studis Online

Protest-Plakat gegen Dieter Lenzen als Präsident der Uni Hamburg vor dem besetzten Audimax
Es wurde z.B. ein kritisches Dossier über Lenzen veröffentlicht, in dem er, u.a. wegen der von ihm vorgenommenen Unterscheidung der Menschen in Masse und Elite und seiner Parteinahme für Unternehmerinteressen, scharf attackiert wird. Auch das geheime Auswahlverfahren und die Art und Weise der Wahl und Bestätigung durch Hochschulrat und Akademischen Senat zog breite öffentliche Kritik auf sich. Am 23.11. kam es zu einer der größten Vollversammlungen der letzten Jahre an der Uni Hamburg, auf der über 2.000 Studierende im seit 14 Tagen besetzten Audimax "die sofortige Revision" der Entscheidung für Lenzen als Präsidenten der Universität forderten.

Derzeit laufen Verhandlungen zwischen Lenzen und der Hamburger Wissenschaftsbehörde. Er hat die Wahl bisher noch nicht angenommen und stellt anscheinend weitreichende Bedingungen für seinen Amtsantritt. Ob die Verhandlungen zu seiner Zufriedenheit ausgehen werden oder sich ein anderer attraktiver Posten für ihn auftut, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Ein "herzlicher" Empfang, z.B. durch eine hochschulweite Unterschriftenkampagne für seinen Abtritt, ist nicht unwahrscheinlich...

Der nächste "Hochschulmanager des Jahres" wird am 8.Dezember im Rahmen der Konferenz "Hochschulmanagement", ausgerichtet von der Financial Times Deutschland, in der Bertelsmann-Repräsentanz in Berlin verliehen. Als Mitglied der Auswahljury ist Dieter Lenzen mitverantwortlich für die Auswahl des diesjährigen Super-Managers...


Kommentare zu diesem Artikel

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1. Simon... kommentierte am 03.12.2009 um 17:05:32 Uhr

CHE und Gesetzbegung

Interessant wäre noch eine Verknüpfung zwischen dem CHE und der aktiven Anteilnahme bei dem Hochschulfreiheitsgesetz in NRW. Das muss man sich mal vorstellen: da legt eine Stiftung ein 10. Punkte Programm für die Umgestaltung der Universitäten zum Nutzen der Privatwirtschaft vor und Pinkwart hat nicht mehr zu bieten, als dieses abzukupfern und in Gesetzesform zu gießen.




2. D’Artagnan kommentierte am 03.12.2009 um 22:04:20 Uhr

Na ja,...

... dass - bzw. falls - NRW das 10 Punkte-Programm des CHE ins Hochschulfreiheitsgesetz übernommen hat, könnte ja auch daran gelegen haben, dass es für den NRW-Landtag einfach überzeugend war. Erscheint mir jedenfalls irgendwie am plausibelsten...




3. SH kommentierte am 03.12.2009 um 22:49:18 Uhr

Kirche bitte im Dorf lassen

Es gibt generell ein paar Fakten zum Thema ExzelLenzen, "Ökonomisierung" der Bildung und Demokratie, die ich mal einwerfen möchte nach diesem Beitrag.

1. Unis sind im Wettbewerb, u.a. in der Exzellenzinitiative, weil sie die Spitzenleistungen in Forschung und die immer mehr Studierenden irgendwie finanzieren müssen. Die Grundfinanzierung der Länder reicht einfach nicht. Deswegen bitte einfach mal gegen DIESES politische/finanzielle Problem protestieren und nicht dagegen, dass Wissenschaftler, Leitungen und Verwaltung sich den A**** aufreißen, um zusätzliche Mittel z.T. in zwei- bis dreistelliger Millionenhöhe zu akquirieren - und sich dann auch noch anhören müssen, dass das alles ganz böse ist. 2. Demokratie. Ja, gerade als Politikwissenschaftlerin halte ich das auch für ein sehr erstrebenswertes Gut. Fakt ist aber auch, dass so große Organisationen wie Hochschulen mit faktischer Mitsprache für alle einfach nicht steuerbar sind. Nimmt man z.B. die FU Berlin müsste man bei jedem einzelnen Projekt, will man basisdemokratisch sein, immer alle ca. 37000 Mitarbeiter und Studierende fragen. Überlegt mal bitte, wie weit man damit kommt...Und für die Mitsprache gibt`s dann immer noch Gremien, wo sich jeder wählen lassen kann! 3. "Ökonomisierung". Ja, das Leben nach Bologna ist härter geworden und das alte Humboldt`sche Bildungsideal (ich entscheide frei, was mich interessiert, was nicht) gibt es so nicht mehr. Trotzdem: Wer keine Studiengebühren will, keine Ökonomisierung und auch nicht für mehr Finanzierung sorgen kann seitens der Länder muss sich überlegen, ob es nicht eine Illusion ist, dass alle so lange studieren können, was immer sie wollen. Irgendwer muss nämlich Forscher, Labore und Lehrende auch zahlen - und die sind bekanntlich nicht billig...




4. Simon... kommentierte am 04.12.2009 um 11:48:08 Uhr

Entschuldige bitte, aber

@D’Artagnan:

"Das lässt sich etwa beim nordrhein-westfälischen „Hochschulfreiheitsgesetz“ gut belegen. Dieses Gesetz wurde nicht nur am Schreibtisch des CHE entworfen, sondern auch noch bis zu seiner Umsetzung in die Hochschulen durch das Haus Bertelsmann gesteuert: ausgehend von den „Zehn CHE-Anforderungen an ein Hochschulfreiheitsgesetz für Nordrhein-Westfalen“ vom 15. Dezember 2005 über deren getreuliche Umsetzung in die „Eckpunkte des geplanten Hochschulfreiheitsgesetzes“ durch „Innovationsminister“ Andreas Pinkwart (FDP) vom 25. Januar 2006 und deren schulmeisterliche Bewertung aus Gütersloh bis hin zur Beauftragung des CHE durch das Ministerium, die Hochschulen bei der Umsetzung des Gesetzes zu „unterstützen“."

http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/Bologna_Prozess.pdf Seite 5.




5. F M kommentierte am 06.12.2009 um 01:21:15 Uhr

Dörfer ohne Kirche sind auch schön

@ SH:

zu 1.: Dass die Grundfinanzierung der Bildungseinrichtungen durch die Länder nicht ausreichend ist, wird sicher niemand bestreiten. Stellt sich jedoch die Frage, warum dies so ist. Durch die Zusammenstreichung der Etats für Bildung werden die Universitäten bzw. ihre Leitungen bzw. die Forschenden an den Unis quasi unter Druck gesetzt werden. Und dies passiert nicht zufällig, sondern aus einem konkreten politischen Programm heraus (das CHE und die INSM sind ja gemeinnützig und neutral), wird aber als Sachzwang verkauft - die Haushalte seien ja alle so leer...

Zu 2.: Zunächst einmal: Demokratie ist definitiv mehr als ein Gut (~ eine Ware)! [...] Demokratie ist außerdem nicht gleichbedeutend mit Basisdemokratie. Eine paritätische Besetzung von allen relevanten Gremien mit Mitgliedern aller Statusgruppen der Universität wäre bereits ein wichtiger Schritt in eine demokratischere Richtung der Verfassung von Universitäten und würde sicherlich nicht zu HAndlungsunfähigkeit führen. Zu der Äußerung "Für die Mitsprache gibt`s dann immer noch Gremien, wo sich jeder wählen lassen kann!": Versuche mal, dich als Studierende_n in den Hochschulrat wählen zu lassen....

Zu 3.: siehe 1. / Wenn man der Ansicht ist, dass Bildung ein Menschenrecht ist und wenn man weiterhin der Ansicht ist, dass Bildung eine öffentliche Angelegenheit ist, dann kann die Antwort nur lauten: Man muss dafür sorgen, dass dies möglich wird!!! Gegenfrage: Was für ein Sachzwang spricht dagegen, z.B. kurzfristig Vermögenssteuern einzuführen. Im Zuge der Wirtschaftskrise war es schließlich - vollkommen gegen alle "Die Kassen sind ja ach so leer"-Rhetorik - ohne Weiteres möglich, finanzielle Mittel in Milliarden-Höhe aus dem Hut zu zaubern... Oder wäre das in Bezug auf die Bildungseinrichtungen deiner Ansicht nur die Befriedigung von Partikularinteressen?!

Gruß







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