07.11.2011

Exzellenz mit Abstrichen
Akademikerkinder unter sich

An deutschen Hochschulen studieren überproportional viele Kinder aus begüterten Familien. Das ist nichts neues und Abbild eines Bildungssystems, das als das selektivste aller Industriestaaten gilt. Ankündigungen, der sozialen Schieflage zu begegnen, gab es reichlich – mit wenigen Konsequenzen. Wie Forscher der Hochschul Informations System GmbH (HIS) jetzt ermittelt haben, spitzen sich die Ungleichheiten sogar weiter zu. Ihr Befund: Sprösslinge aus "besseren" Verhältnissen zieht es vermehrt an "bessere" Universitäten.

Butch - Fotolia.com

Der Zugang zu einigen Hochschulen scheint immer exklusiver zu werden ...
Mit "besseren" Hochschulen meinen die Wissenschaftler allerdings nicht solche, deren Qualität notwendig über die anderer hinausgehen muss. Als Messlatte dient ihnen vielmehr das Renommee eines Standortes, wie es sich in sogenannten Rankings "öffentlichkeitswirksam kommuniziert". Derlei Vergleichstests erregen heute im Zusammenhang mit dem sich verschärfenden Wettbewerb zwischen den Hochschulen immer größeres Aufsehen. Bei aller lautgewordenen Kritik wegen ihrer fehlenden Validität soll heute bereits ein Drittel der Studierenden den Rankings bei ihrer Studienfach- und Hochschulwahl hohe Bedeutung zuschreiben. Das umfassendste und schillerndste Hochschulranking ist das des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), einer gemeinsam von der Bertelsmann Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) getragenen Denkfabrik. Deren Leitbild ist die "standortgerechte Dienstleistungshochschule", die streng betriebswirtschaftlich organisiert auf einem möglichst zügellosen Bildungsmarkt agieren soll.

Die HIS-Forscher Markus Lörz und Heiko Quast haben das CHE-Ranking zum Studienjahr 2007/08 herangezogen. Als hochgerankte Hochschule gelten ihnen diejenigen, die in dessen Rahmen bei einer gesonderten Befragung von Professoren mehrheitlich empfohlen wurden. Angesichts der vor allem durch die sogenannte Exzellenzinitiative angestoßenen zunehmenden Differenzierung innerhalb des Hochschulsystems bei gleichzeitig stark gestiegenen Studierendenzahlen sind die Wissenschaftler der Frage nachgegangen, ob und in wie weit sich die Veränderungen auch in herkunftsspezifischen Unterschieden bei der Hochschulwahl abzeichnen. Ihre Ergebnis ist bemerkenswert: 15 Prozent der Kinder aus reinen Akademikerhaushalten nahmen demnach ein Studium an einer hochgerankten Hochschule auf. Kinder bildungsferner Herkunft, deren beide Elternteile über keinen Hochschulabschluss verfügen, fanden dagegen nur zu neun Prozent den Weg an eine prestigeträchtige Hochschule.

Sozialer Status bestimmt Hochschulwahl

In ihrem im neuesten HIS-Magazin erschienenen Aufsatz "Soziale Ungleichheit bei der Wahl der Hochschule" benennen die beiden Wissenschaftler mögliche Schlüsse aus den Zahlen. Demnach liege die Vermutung nahe, dass sich "soziale Ungleichheit auch in Deutschland nicht nur wie bislang vertikal in unterschiedlichen Zugangschancen zu höherer Bildung ausdrückt, sondern zunehmend auch horizontal in der Art der Bildungsbeteiligung – also beispielsweise im Studienfach oder der Hochschule". Und weiter: Mit der zunehmenden Öffnung des Schul- und Hochschulsystems für traditionell bildungsferne Gruppen wäre es "nicht nur eine Frage, ob man studiert, sondern mittlerweile auch, was und wo". Aber wie geht diese Differenzierung in einem System vonstatten, in dem Studiengebühren praktisch keine Rolle mehr spielen und "bessere" Hochschulen nicht per se mehr Geld kosten müssen? Lörz und Quast haben zwei entscheidende Faktoren ausfindig gemacht: Ausschlaggebend sind demnach die "geringeren schulischen Leistungen" sowie die "eingeschränkten Mobilitätsmöglichkeiten" der bildungsfernen Gruppen.

Wie in etlichen Studien nachgewiesen, schlägt sich ein schwächerer sozialer Status hierzulande empirisch messbar in minderen "Schulleistungen" nieder. Tatsächlich erhalten Kinder aus ärmeren Schichten bei identischem Leistungsstand statistisch sogar schlechtere Noten als ihre privilegierten Mitschüler. In dem Maße, wie es immer höhere Zulassungs- und Zugangshürden an den Hochschulen gibt, haben diejenigen bessere Karten, die praktisch von Haus aus bevorteilt sind und mit einem besseren Schulabschlusszeugnis aufwarten können – ganz egal ob zu Recht oder nicht. Zudem haben gut begüterte Kinder eine größere Mobilitätsbereitschaft. Die Aufnahme ihres Wunschstudiums scheitert nicht daran, dass der Studienort weit entfernt von zu Hause liegt und die Wohn- und Lebenskosten in vielen Universitätsstädten teuer zu Buche schlagen. Entsprechend konstatieren die Autoren, für die Aufnahme eines Studiums an einer hochgerankten Hochschule bedürfe es "guter Noten und einiger Mobilität", und die bildungsfernen Gruppen befänden sich hier in einer "benachteiligten Position".

US-amerikanische Verhältnisse in Deutschland?

Für den Eliteforscher Michael Hartmann, der als Soziologieprofessor an der Technischen Hochschule Darmstadt lehrt, kommt diese Entwicklung "nicht überraschend". Gegenüber Studis Online erklärte er: "Die vertikale Differenzierung der Hochschullandschaft ist politisch gewollt. Sie war das zentrale Ziel der Exzellenzinitiative und die Antwort auf die soziale Öffnung der Hochschulen in ihrer Gesamtheit." Nach dieser Einschätzung folgen die Vorgänge einer Abschottungsstrategie der oberen Schichten nach unten. Im selben Kontext schreiben Lörz und Quast vom Bedürfnis nach »intergenerationaler Statusproduktion«, die sich im Bestreben der privilegierten sozialen Gruppen offenbaren würde, an einer hochgerankten Hochschule zu studieren. Hartmann blickt bei all dem mit einigem Missmut voraus: Wenn man von den Studiengebühren absehe, die hierzulande wieder weitgehend abgeschafft sind, "steuert das deutsche Hochschulsystem Stück für Stück in Richtung US-amerikanischer Verhältnisse".

Passend zur HIS-Veröffentlichung zeigt eine weitere aktuelle Publikation auf, wie sich die Verteilung von Studierenden unter den Hochschulen vor allem im Zuge der 2005/06 gestarteten Exzellenzinitiative verändert hat. Unter anderem wurden in deren Rahmen in bislang zwei Förderrunden neun Hochschulen für ihr "Zukunftskonzept" mit dreistelligen Millionensummen und dem Prädikat "Eliteuniversität" versehen. Es nimmt nicht Wunder, dass eben diese speziell geadelten Hochschulen auch bei den diversen Rankings ebenfalls oft ganz weit vorne mitmischen. Wie die Stiftung Neue Verantwortung (die u.a. von Evonik, IBM, PwC, Bayer und diversen anderen Firmen bzw. deren Stiftungen gefördert wird) in ihrem Policy Brief 04/11 mit dem Titel "Wege aus der Exzellenzfalle – Vorschläge für eine aktive Hochschulpolitik" schreibt, sei bei "besonders leistungsstarken Abiturienten, die gleichzeitig aus akademischem Elternhaus stammen" während der vergangenen Jahre eine "zunehmende Konzentration auf die Exzellenzuniversitäten" zu beobachten. Danach gehörten dort im Jahr 2006 – also vor ihrer Auszeichnung – 42 Prozent der Studierenden diesem Personenkreises an, mittlerweile stellten sie die Hälfte der Studierendenschaft.

Selbstselektion der Unterprivilegierten

Als sozial privilegiert gelten in der großen Mehrzahl auch die Studierenden, die von diversen Stiftungen mit einem Stipendium ausgestattet werden. Insbesondere gilt das für die Geförderten der Studienstiftung des deutschen Volkes. Hätten vor 2006 laut besagtem Policy Brief 29 Prozent aller Studienstiftler an einer der neun künftigen Exzellenzuniversitäten studiert, "so ist der Wert binnen vier Jahren auf 34 Prozent angestiegen". Die Kehrseite der Medaille: Der Anteil der Top-Abiturienten nicht akademischer Herkunft mit einem Notenschniett von 1,2 und besser an den "Elitehochschulen" sei dagegen von 33 auf 30 Prozent im Jahr 2009 gesunken. Die Forscher vermuten dahinter einen "Selbstselektionsprozess": Schulabsolventen aus bildungsfernen Schichten besäßen tendenziell ein geringeres Bewusstsein für die eigenen Fähigkeiten und schreckten deshalb vor einem Studium an einer Elitehochschule zurück.

Für die Zukunft verheißt all das nicht Gutes. "Je exklusiver der Zugang zu den Exzellenzuniversitäten gestaltet wird, desto mehr intellektuelles Potenzial bleibt unterschlossen, und die soziale Durchlässigkeit wird weiter blockiert", folgert die Stiftung Neue Verantwortung. Die Forscher ganz plakativ: "Wenn im Seminar in München oder Heidelberg nur Arztsöhne oder Professorentöchter sitzen, werden womöglich viele Sichtweisen auf gesellschaftliche Herausforderungen oder Lösungsideen ausgeblendet oder nicht erkannt." Und jemand mit sozial schwachem, Hintergrund "wird es unabhängig von seiner kognitiven Leistungsfähigkeit sehr schwer haben, die beste Ausbildung zu erhalten". Zu den treibenden Kräften dieser Entwicklung zählen auch die einschlägigen Hochschulranker. Professor Hartmann: "Das breite mediale Echo auf die Exzellenzinitiative und die vielen Rankings zeigen Wirkung."

Was getan werden könnte

Die Stiftung Neue Verantwortung ist sicher nicht als "wirtschaftsfern" zu bezeichnen, es genügt ein Blick in die Liste der Förderer. Aber auch sie scheint die aktuelle Entwicklung negativ zu sehen – und macht daher Vorschläge, was getan werden könnte, um die soziale Durchmischung der Hochschulen zu erhöhen. Man mag die Art und (Denk-)Weise (dahinter) ablehnen, Tatsache ist aber, dass die Entwicklung nicht zwangsläufig ist und beim entsprechenden Willen auch etwas gegen die aktuelle Tendenz der "horizontalen Differenzierung" getan werden könnte.

Im genannten Policy Brief wird angeführt, dass ein professionelles "Diversity Management" gerade an Exzellenzuniversitäten nötig sei. "Konkret heißt dies, dass begabte Studierende aus armen und reichen, aus akademischen und nichtakademischen, aus alteingesessenen und neu zugewanderten Familien gemeinsam im Hörsaal sitzen und gemeinsam auf die Lösung gesellschaftlicher Probleme in unserem Land und in anderen Ländern vorbereitet werden." schreiben die Autoren.

Die Hochschulen ohne Exzellenzstatus sollten "Profile jenseits der Spitzenforschung" finden. Die Autoren meinen damit: "Der zukünftige Wettbewerb um Studierende erfordert spezifische Angebote, erkennbare Alleinstellungsmerkmale und professionelle Rekrutierung. Hier bestehen Chancen: Durch den kontinuierlichen Relevanzgewinn guter Bildung steigt die Zahl der Zielgruppen."

Ein anderer Weg – alles "nur" eine Frage der politischen Mehrheiten und welche Ideen sich wie stark verbreiten – wäre natürlich auch, von der Idee der Exzellenzuniversitäten ganz wegzukommen, die Hochschulen in der Breite besser auszustatten und die Forschung geschickt zu vernetzen, ohne zwangsweise für alles "Leuchttürme" aufzustellen. Denn ob es wirklich zu besserer Forschung und Lehre kommt, wenn die Hochschulen sich immer mehr wie Produkte mit "exklusiven" Features anpreisen müssen (die – wie es bei Werbung ja gelegentlich sein kann – nicht unbedingt real sein müssen), ist ja eine offene Frage. (rw)


Kommentare zu diesem Artikel

Eigenen Kommentar hinzufügen »

1. Theopa kommentierte am 08.11.2011 um 00:05:05 Uhr

Eltern > Wohlstand

Die Meinung, dass der Wohlstand über Schulnoten entscheidet, kann ich nicht im geringsten teilen. Vielmehr kommt es auf das Engagement der Eltern und (wohl am wichtigsten) die eigene Intelligenz und Leistungsbereitschaft an. Wenn es den Eltern vollkommen egal ist ob ihre Kinder lernen oder Fernsehen werden diese wohl nicht unbedingt ein sehr gutes Abi hinlegen sondern viel mehr einen niedrigeren Abschluss. Dies mag eventuell im Alltag bei sozial schwächeren Familien öfter der Fall sein, hat aber weniger mit dem Einkommen als mehr mit der Einstellung zu tun. Ich habe selbst mitbekommen wie ein 1er Schüler nicht aufs Gymnasium geschickt wurde, da er "was anständiges lernen sollte"....

Man sieht durchaus viele Bonzen an der Uni, jedoch ist meines Erachtens bei diesen der Schwund über die Semester doch am größten. Und wer von Beginn an für sein Geld arbeiten (und nicht nur bei Papi betteln) muss hat mE einen besseren Einstieg in das wahre Leben, das vor allem am Anfang nicht aus einem geschenkten 3er BMW sondern aus einem hart erarbeiteten Ford Fiesta besteht...




2. Lenni kommentierte am 08.11.2011 um 09:13:59 Uhr

Naja

Familien, deren finanzielle Lage überdurchschnittlich ist, sind in der Lage reichlich Angebote wahrzunehmen, die auch neben der Schule angeboten werden. Dazu gehört vor allem der Nachhilfelehrer (bzw. die Schar an Nachhilfelehrern) der für viel Geld den Sprössling von einer 3+ auf eine 1- pushen soll. Diese Angebote nehmen angesichts der G8 Katastrophe eine immer wichtiger werdende Rolle ein und können von ärmeren Familien nicht in Anspruch genommen werden. Außerdem finde ich es eine Frechheit zu behaupten, dass der Erfolg allein von der Einstellung der Eltern abhängt. Hat eine Alleinerziehende Mutter denn wirklich die Möglichkeit, neben der Arbeit, die selbe Zeit für ihre Kinder aufzubringen, wie eine Arztfrau, die sich keine Geldsorgen machen muss und 'nur' den Haushalt schmeißt? Die Ansichtsweise erinnert mich stark an die Rasur-Szene aus Woyzeck (Georg Büchner): "sind sie Fromm, Woyzeck?"




3. Lucky Blue kommentierte am 08.11.2011 um 10:15:07 Uhr

Was ist schon elitär?

Ich bin auch vollkommen der Meinung, dass Kinder aus einem Akademikerhaushalt wesentl. mehr Chancen haben eine Elitehochschule zu besuchen, schon allein deshalb weil sie gestärkt durch Papas/Mamas Geld mehr Selbstwertgefühl antrainiert bekommen haben. Es fängt doch schon an mit Markenspielzeug (päd. wertvoll), Markenklamotten, teueren Reisen, Auto usw. und die Folge muss danach eben die elitäre "Uni" sein (Fachhochschule ist ja schon unter der Würde).

Als meine beiden Kinder trotz Abitur nur eine "Hochschule" ehemals FH besuchten, mußte ich mir vom Umfeld auch anhören, warum hast du deine Kinder nicht auf eine richtige Uni geschickt. Ich hab darauf geantwortet, wenn sie genügend intelligent sind, werden sie dort auch ihren Weg machen, denn es wird sich im Arbeitsleben dann schon zeigen wer wirklich etwas kann. Mama und Papa können nicht ewig den Weg der Kinder bahnen, irgendwann werden sie alleine durchs Arbeitsleben müssen ob mit oder ohne Eliteuni.




4. Karola S. kommentierte am 08.11.2011 um 18:29:50 Uhr

Elite ist nur ein Wort

Die Einführung der sog. Elite-Hochschule im Rahmen der Exzellenzoffensive durch Frau Schawan, war ihr "Baby". Sie wollte es gebären und D in die internationale Elite-Universitätenwelt einführen.

Hinzu kommt noch, dass Schawan damit auch ihrer eigenen Universität einen Gefallen getan hat, denn scheinbar gibt es auch Rektoren, die trotz ihres Studiums und Professur unter Minderwertigkeitskomplexen leiden, was durch den "Titel": "Rektor einer Elite-Uni" zu sein und mit mehr Geld, kompensieren soll, was mit Sicherheit aber schiefgeht.

Mir geht diese ganze Aufteilung von armen oder reichen Kindern sehr auf "auf den Geist", weil hier eine Grundeinstellung zu Kindern und schließlich Menschen bedient wird, die in keiner Weise gut ist.

Da auch ich gerne auf Sündenbocksuche gehe, sehe ich die Hauptverantwortlichen und Verursacher in den Schulen. Denn hier werden die Weichen durch das Lehrpersonal gestellt, wie motiviert und aktzeptiert die Kinder später ihre schulische Laufbahn beenden, was auch im Artikel kurz angedeutet wurde.

Dass Eltern, Vater oder Mutter auch eine Rolle spielen, kann ich bestätigen. Jedoch ist der Einfluss der Lehrkräfte, das Verhalten im Klassenverband den SchülerInnen gegenüber und auch untereinander nicht zu unterschätzen.

Hochschulen sollten darum aus dem Konkurrenzkampf herausgehalten werden und sich nicht bei Wirtschaftsunternehmen anbiedern müssen, denn - wenn auch nicht sicher ist - ob Forschung und Lehre darunter leiden könnten, eines leidet mit Sicherheit: Die Freiheit in der Forschung und Lehre.




5. Jolly456 kommentierte am 21.12.2011 um 00:26:18 Uhr

Keine Anrechnung von Berufsausbildungen

Ein weiteres Beispiel für die Benachteiligung bei der Anerkennung nicht-akademischer Ausbildungsinhalte:

http://dishwasher.blogsport.de/2011/12/13/anerkennung-von-qualifikationen-aus-der-berufsausbildung-im-studium/





Folgende Artikel könnten für Dich auch interessant sein





Diese Seite verlinken »


Logo von Studis Online  Studieren leicht gemacht