Kampf gegen Studiengebühren geht weiter
Boykotteuren an Hamburger Kunsthochschule droht Pfändung
Die Auseinandersetzung um die Studiengebühren geht an der Hamburger Kunsthochschule HfbK in eine neue Runde. Ein Drittel der 650 Studierenden verweigern seit mehreren Jahren unverdrossen deren Zahlung. 50 von ihnen droht nun die Pfändung ihres Eigentums. Florian Muhl berichtet.
"Eintritt 500 €" - Protest-Banner vor dem Haupteingang der HfbK (2007)
Um die Zwangsvollstreckung auf offiziellem Wege abzuwenden, müssen betroffene Studierende eine eidesstattliche Versicherung abgeben, mit der der Kasse.Hamburg zugesichert wird, dass kein verwertbares Vermögen z.B. auf irgendwelchen Schweizer Nummernkonten vorhanden ist. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass die gesetzlich geregelten Pfändungsfreigrenzen dafür sorgen, das ein bestimmter Betrag pro Monat vor dem Zugriff der Gläubiger geschützt ist. Wenn man für niemanden unterhaltspflichtig ist, sind das zur Zeit knapp 1000 Euro im Monat. Allerdings tritt dieser Schutz nicht automatisch in Kraft. Zunächst muss man sich mit dem Amtsgericht auseinandersetzen bzw. ein P-Konto (Pfändungsfreies Konto) einrichten.
Verweigern die Studierenden die Zahlung und auch die Abgabe einer eidesstattlichen Versicherung, wäre es gesetzlich zulässig, sie schlussendlich in eine Beugehaft von bis zu sechs Monaten zu nehmen, um ein Einlenken zu erzwingen. Ob es soweit kommen wird, ist zur Zeit jedoch noch ungewiss. Die HfbK-Studierenden kündigen weiteren Widerstand an: "Studiengebühren sind grundsätzlich falsch und ich denke nicht daran diese ungerechte Politik zu unterstützen. Ich werde mich mit allen Mitteln dagegen wehren. Und damit stehe ich nicht alleine!", sagt die Kunststudentin Pauline Fall (23).
Jahresausstellung im Zeichen der Pfändung

"AUDITORIUM MINIMUM - Die Chronik einer Audimaxbesetzung" - Online-Dokusoap des Hamburger Filmkollektivs Boykotteducation
Studiengebühren: Ein Auslaufmodell
Die studentischen Proteste, die sich wie die Boykott-Aktionen speziell gegen Studiengebühren richteten, haben zwar in den letzten Semestern nachgelassen. Der Kampf für ein gebührenfreies Studium und dem freien Zugang zu (höherer) Bildung ging jedoch mit den Aktivitäten unter dem Label "Bildungsstreik" weiter. All das hat in den letzten Monaten auch landespolitisch Auswirkungen gehabt: Aus den sieben von sechzehn Bundesländern in denen 2008 noch allgemeine Studiengebühren erhoben wurden, sind durch die Abschaffung der Gebühren in Hessen und im Saarland mittlerweile fünf geworden. Voraussichtlich werden sie durch die neue Koalition jetzt auch in Nordrhein-Westfalen gekippt. Der politische Rückhalt für die Studiengebühren bröckelt also zusehends.
Unter den Studierenden stößt die Erhebung von Studiengebühren nach wie vor auf wenig Gegenliebe. Dies belegen die aktuellen Ergebnisse der Langzeitstudie "Gebuehrenkompass" (Uni Hohenheim), für die mehr als 5.200 Studierende an den 48 Universitäten in Deutschland an denen Studiengebühren erhoben werden, befragt wurden. Rund 66% der befragten Studierenden sind demnach der Ansicht, dass die Studiengebühren wieder abgeschafft werden sollten.
Da war das Marketing von Gebührenbefürwortern wie der "Initiative neue soziale Marktwirtschaft" bisher nicht so erfolgreich wie geplant.
Wie weiter mit den Hamburger Studiengebühren?
Auch wenn in Hamburg zur Zeit die Schulpolitik im Zentrum des öffentlichen Interesses steht, erinnern die boykottierenden Kunststudierenden die an der Landesregierung beteiligte GAL (Grüne Alternative Liste) an ihr nicht eingehaltenes Wahlversprechen, die Studiengebühren abschaffen zu wollen (nicht lediglich leicht zu senken und für einige "nachzulagern"). Etwas Erinnerungshilfe kann in diesem Zusammenhang nicht schaden. Eine rechnerische Mehrheit für die Abschaffung der Studiengebühren in der Hamburger Bürgerschaft steht jedenfalls nach wie vor. Ein Ansatzpunkt könnte die geplante Novellierung des Hamburgischen Hochschulgesetzes sein, die jedoch auf die Zeit nach der Sommerpause verschoben wurde.
Neben dem Boykott der Studiengebühren an der HfbK läuft in Hamburg seit Ende September 2009 auch noch eine Unterschriftenkampagne für ein gebührenfreies Studium, in deren Rahmen bisher bereits über 28.000 Unterschriften für die Gebührenfreiheit des Studiums gesammelt wurden.
Artikel und Materialien zum Weiterlesen
- AStA der HfBK Hamburg »
- HfbK-Studierende geben nicht auf - Dauer-Boykott der Studiengebühren (10.06.2009) »
Soll auch Bayern Studiengebühren abschaffen?
Nachdem seit Anfang August die Piratenpartei Bayern Unterschriften für ein Volksbegehren gegen Studiengebühren sammelt, hat nun die SPD Bayern eine eigenen Initiative gegen Studiengebühren gestartet. Es sollen ebenfalls Unterschriften gesammelt werden, allerdings für eine Petition. Studis Online erklärt die Hintergründe.
Bertelsmänner auf Beutezug
Die Bertelsmann AG steigt ins Geschäft mit der akademischen Bildung ein. Den Anfang macht Europas größter Medienkonzern als Ankerinvestor eines "University Ventures Fund", der mit Studien- und Weiterbildungsprogrammen dies- und jenseits des Atlantik auf Profitjagd geht. Für Wolfgang Lieb ist der Schritt nur folgerichtig. Im Gespräch mit Studis Online schildert der ehemalige Politiker, wie das Gütersloher Unternehmen in langjähriger politischer Vorfeldarbeit den Boden bereitet hat, auf dem er jetzt die Ernte einfahren will.
Baden-Württemberg beschließt Studiengebühren-Abschaffungsgesetz
Grün-rot hat ernstgemacht und als fünftes Bundesland allgemeine Studiengebühren wieder abgeschafft. Eingeführt waren sie von der schwarz-gelben Vorgängerregierung. Das Abschaffungsgesetz sieht für die wegfallenden Gebühreneinnahmen der Hochschulen eine – sogar dynamisch sich an die Studierendenzahlen anpassende – Kompensationszahlung an die Hochschulen vor. Die Studierenden haben ein sogar stärkeres Mitspracherecht bei der Verwendung dieser Kompensationsmittel.
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