Dokumentation

Rechtsradikale (Tendenzen) an Hochschulen

Rechtsradikale Ideologie macht auch vor Hochschulen nicht halt. Und der alltägliche Rassismus durch Gesten und "dumme Bemerkungen" ist genauso an Universitäten präsent wie anderswo. Auch wenn sich viele Studierendenvertretungen aktiv für Anti-Rassismus und Anti-Faschismus einsetzen, bleiben doch genug Nischen für Fremdenfeindlichkeit und rechte Ideologie. Wir haben einige Belege für rechtsradikale Tendenzen, alltäglichen Rassismus und neurechte Ideologie gesammelt und wollen Euch diese im weiteren vorstellen.

Es handelt sich dabei um Beispiele, die zum Nachdenken anregen sollen und keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit haben. Wo wir hier konkrete Begebenheiten nennen, haben wir solche ausgewählt, die aus unserer Sicht ausreichend belegt sind. Daraus folgt nicht, dass die genannten Hochschulen die Hochburgen rechter Ideologie sind - die Auswahl ist wie gesagt unvollständig und durch das zur Verfügung stehende Material bestimmt.

Falls jemand weiteres Material zu dieser Sammlung beitragen will, so kann per Mailformular Kontakt aufgenommen werden.

Letzte Ergänzung: September 2005




Alltäglicher Rassismus an Hochschulen
Auf unseren Aufruf über eine studentische Mailingliste, uns Berichte über rechtsradikale Umtriebe und Rassismus an Hochschulen zu zusenden, erreichte uns auch ein Bericht aus Heidelberg, den wir hier unkommentiert veröffentlichen wollen. Er zeigt keine krassen Ausfälle, aber doch Dinge, die der Nährboden für schlimmeres sein könnten und Rechtsradikale als Zustimmung zu ihrer Ideologie aufnehmen.

    "Ich arbeite in Heidelberg im Wohnheim als Tutorin fuer auslaendische Studierende und muss sagen: das Klima hier ist eigentlich ziemlich gut. Alles in allem gibt es hier sehr viele internationale Studierende und das Leben an der Uni wird dadurch sehr bereichert, bunt und spannend.
    Allerdings kommt mir immer wieder zu Ohren, dass "kleine" Fremdenfeindlichkeiten sich in den Alltag einschleichen, von denen jede fuer sich nicht ungeheuer gravierend ist, aber gerade hier liegt meiner Meinung nach eine Gefahr der zunehmenden Gleichgueltigkeit und Verharmlosung.
    Ein paar Beispiele: in meiner WG wohnt zur Zeit ein Marokkaner und wenn ich das anderen Studis erzaehle, kommen Kommentare wie "Echt?! und das geht gut? Die Kulturen sind ja doch recht unterschiedlich... Und deren Haltung zu Frauen ...". Hinzu kommt die Meinung einer Deutschen, die mir sagte, Auslaender im Urlaub seien ja okay, zuhause wolle sie aber einfach ihre Ruhe haben und ausserdem wuerden mangelnde Sprachkenntnisse die WG-Situation bei Konflikten nur verschlechtern ... Oder: Auf einem Stockwerk konnte ein Chinese nicht beim Putzen helfen, er hat sich aber entschuldigt und angeboten, spaeter eine Aufgabe zu uebernehmen. Die Reaktion deutscher Stockwerksmitbewohner bestand darin, ihm all seine Sachen aus der Kueche vor die Tuer zu stellen mit dem Kommentar, sie wuerden in der Kueche nur stoeren. Und ein letztes Beispiel: ein Freund aus dem Iran jobbt auf einem grossen Busparkplatz und wurde dort von einem Busfahrer beschimpft, er bat einen deutschen Studenten, der ebenfalls dort arbeitet, darum, mit ihm zur Polizei zu gehen, dieser hat sich jedoch geweigert, mit dem Hinweis, er sei ja nicht selbst Zeuge gewesen.
    Ich koennte noch mehr Beispiele nennen, wichtig ist meiner Meinung nach, zu sehen, dass gerade scheinbare Kleinigkeiten und Ungenauigkeiten die Anfaenge des Rassismus zum Alltag werden lassen - hier kann jede(r) einzelne seine Sprach-, Denk- und Umgangsgewohnheiten kritisch unter die Lupe nehmen - Vorurteile schleichen sich leicht ein!"




Rechte Ideologie an Hochschulen hat Tradition
Auch wenn heute viele Hochschulen eher als weltoffen erscheinen und sich RektorInnen besorgt über rechtsradikale Tendenzen äussern, da diese ausländische WissenschaftlerInnen abschrecken könnten, so waren gerade die Hochschulen in der Weimarer Republik ein reaktionärer Ort. Die Machtergreifung der NSdAP wurde seinerzeit gerade an Hochschulen sehr bejubelt. Ein großer Teil der nazi-freundlichen Studierenden war in Burschenschaften, Corps und anderen Verbindungen organisiert. Auch heute haben diese Organisationen - die nach dem zweiten Weltkrieg erst einmal verboten waren, was aber bald aufgehoben wurde - noch mehr oder weniger große Probleme, mit ihren Verstrickungen in dieser Zeit umzugehen und verleugnen diese oft.

Studentische Verbindungen als Sammelbecken "Nationaler"

Zunächst: Uns liegt fern, alle studentischen Verbindungen (Sammelbegriff für Burschenschaften, Corps, Sängerschaften u.ä.) über einen Kamm zu scheren. Aber leider distanzieren sich auch die liberaleren unter ihnen nur selten von den rechtsradikalen Hardlinern und müssen sich daher den Vorwurf gefallen lassen, nicht entschlossen gegen rechtsradikale Tendenzen vorzugehen. Über lokale oder bundesweite Dachverbände sind fast alle Verbindungen gemeinsam organisiert und tragen daher eine Verantwortung, wer dabei ist.

Innerhalb der "Verbindungsszene" gibt es viele Beispiele für rechte Aktivitäten. So konnte in Karlsruhe ein Prof. Klaus Weinschenk (Ex-Rep-Landesvorsitzender Berlin) bei einer Burschenschaft auftreten, um einen Vortrag mit dem Titel "1848-1998 Zur psychopathologischen Situation der deutschen Patriotenverfolgung". Selbiger Professor hatte schon einen "Aufrufs an alle Deutsche zur Notwehr gegen Überfremdung - der Völkermord am deutschen Volk" mitunterzeichnet und war bei diversen rechtsradikalen Veranstaltungen aufgetreten. Auch für die Burschenschaft war es nicht ihr erster zweifelhafter Vortragsabend.

Die Karlsruher Verbindung DHG Westmark hatte 1998/1999 Webseiten mit Links zu rechtsradikalen Publikationen zu bieten (ohne jede Distanzierung, auch vom restlichen Angebot und den Veranstaltungstiteln ergab sich eine entsprechende Bejahung derartiger Publikationen), die der "Netzmeister" später auch auf den Seiten des Studienzentrum Weikersheim verwendete, für die er verantwortlich zeigte. Auf Grund eines Artikels in den Stuttgarter Nachrichten am 10.11.1999 trennte sich das Studienzentrum jedoch vom Gestalter dieser Webseiten - es wollte nicht in den Ruch geraten, rechtsradikal zu sein (konservativ ist es nach eigener Auffassung aber schon). Bei einer verbindungskritischen Veranstaltung Monate vor der Zeitungsberichterstattung wurden die genannten Links bereits kritisiert (und der Kritisierte war auch Anwesend) - keiner der ca. 300 anwesenden Verbindungsstudis sah darin ein Problem oder einen Grund, sich deutlich vom Ersteller dieser Links zu distanzieren.



Rechte Ideologie bei ProfessorInnen und wissenschaftlichen MitarbeiterInnen

Was allgemein zu beklagen ist, ist die Tatsache, dass die Hochschulleitungen bzw. Wissenschaftsministerien der Länder meist erst sehr spät Maßnahmen ergreifen, um rechtsradikale WissenschaftlerInnen in ihre Schranken zu weisen. Prinzipiell ist die "Freiheit der Wissenschaft" ein hohes Gut, es sollte aber selbstverständlich sein, dass rassistische oder faschistische Ideen auch an einer Hochschule nichts verloren haben.

Ein Biologie-Professor und das Konzept "Menschenrassen" / HU Berlin
Im Wintersemester 2004/05 kam es im Rahmen eines interdisziplinären Seminars zu Auseinandersetzungen zwischen einem Biologie-Professor, der die Verwendung des Konzepts der “Menschenrassen” in der Biologie verteidigte und einigen Studierenden, die gegen die Kategorie argumentierten. Den Einwand von StudentInnen, dass der Begriff der "Rasse" eine politische sowie schwerwiegende historische Dimension habe und nicht auf Fakten beruhe, wehrte der Professor ab und behauptete, dass die Verwendung der Kategorie “Menschenrassen” innerhalb der Biologie weitgehend unumstritten sei.
Eine studentische Gruppe organisierte daher u.a. eine Veranstaltung, um diese Frage zu problematisieren. Auch wenn die Veranstaltung aus Sicht der VeranstalterInnen selbst enttäuschte, wurde mit der Veranstaltung und weiteren Aktivitäten immerhin erreicht, dass viele Leute - auch aus der Hochschulleitung - zum Nachdenken angeregt wurden.
Mehr zu den Hintergründen bei den VeranstalterInnen, der "ag gegen rassismus".

Günther Zehm / Friedrich-Schiller-Universität Jena
Der Philosophieprofessor Günther Zehm ist seit Ende 2000 verstärkt ins Gerede gekommen, nachdem die Antifaschistische Hochschulgruppe der Hochschule Material zu seinen Verstrickungen im rechts-konservativen Milieu zusammengetragen und öffentlich gemacht hat. Zehm schreibt immer wieder unter dem Pseudonym Pankraz in der Jungen Freiheit und versucht insbesondere den Auschwitz-Leugner David Irving zu verteidigen. Ein kurzer Auszug aus einem Artikel von Zehm für die Junge Freiheit: "Der Holocaust ist an die Stelle Gottes getreten. Über 'das hohe C' im Namen von Parteien darf man spotten, aber an den Holocaust muß man glauben; wer Zweifel erkennen läßt, verschwindet hinter Gittern. Nicht viel anders steht es mit Multikulti. Das Vaterland, die Polis, darf nach Belieben verhöhnt werden; wer Multikulti ablehnt, wer Zuwanderung begrenzen oder Sozialhilfe für 'Asylanten' kürzen will, der outet sich als 'Rassist', und das ist fast so schlimm wie 'Verharmloser des Holocaust'."
Im Spiegel 1/2001 fand sich ebenfalls eine kurze Notiz zu den Vorgängen um Zehm.
Das Zehm schon länger als deutlich rechts von CDU und CSU stehend einzustufen ist, beweist ein Artikel aus "Ausblick", der Zeitung der Gewerkschaft hbv, der schon 1993 erschien. Dort wird Zehm aus einem Interview mit der Jungen Freiheit zitiert, in dem er forderte, neben CDU und CSU "auch im parlamentarischen Raum eine seriöse Rechte zu etablieren".
Zehm arbeitete übrigens in den 70er Jahren für die Tageszeitung die WELT. Dabei ließ er es sich offenbar nicht nehmen, ihm unliebsamen Personen zu diffamieren. Ein "Opfer" Zehm's wurde bspw. der Friedenpreisträgers des Börsenvereins des dt. Buchhandels Max Frisch. Frisch hatte aus Anlaß der Verleihung des Friedenspreises Ende September 1976 eine Rede gehalten, die Zehm nicht in den Kram passte. Details könnt Ihr in einem Beitrag von Steffen Graefe (damals noch Student, heute vor allem als als Autor für den öffentlich-rechtlichen Hörfunk tätig) nachlesen, den ihr im Word97-Format downloaden (ca. 80 kB) könnt.

Klaus Hornung / früher Uni Hohenheim
Der inzwischen emeritierte Politikprofessor Klaus Hornung, er lehrte an der Uni Hohenheim, macht sich als fleißiger Schreiber für die Junge Freiheit einen Namen. Gibt man seinen Namen in eine Suchmaschine ein, so finden sich neben seinen diversen Beiträgen für die JF weitere interessante Verbindungen. So ist er wohl gern gesehener Gast bei ultra-konservativen Gesprächskreisen wie den Karlsruhe Freitagsgesprächen und ähnlichen Veranstaltungen in anderen Städten. Bei Veranstaltungen studentischer Verbindungen fehlt er ebensowenig. Auch für das rechtsradikale Blatt Nation und Europa schreibt Hornung - dies lässt sich im Netz allerdings nur aus Artikeln anderer entnehmen. Von Hornung kommen Aussagen wie jener, dass Hitler nicht vom Himmel gefallen sei und ein Produkt des "Dreißigjährigen Krieg im 20. Jahrhundert zwischen 1914 und 1945" war. Mitglied im Studienzentrum Weikersheim, dem konservativem Thinktank in Baden-Württemberg ist er "natürlich" auch - war ja auch nicht weit von seiner Uni Hohenheim. Schliesslich ist er auch für die Staats- und wirtschaftspoltische Gesellschaft aktiv, mehr zu derem sehr aufschlussreichen Programm und Personal in einem Artikel bei nadir.

Rabehl / FU Berlin
An der FU Berlin gibt es seit einigen Jahren hitzige Diskussionen über den Soziologen Rabehl. Er war in der 68er-Zeit im SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) aktiv, hat sich aber inzwischen (wie z.B. Horst Mahler) auf die nationale Seite begeben. Ende 1998 hielt er bei einer als rechtsradikal bekannten Burschenschaft einen Vortrag, der später auch in der Jungen Freiheit (rechtsradikale Wochenzeitung) abgedruckt wurde. Rabehl redete von "Überfremdung" Deutschlands durch ausländische "Partisanenformationen", die vor allem illegale Geschäfte aller Art betreiben würden und nicht vor hätten, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Dieses Verhalten der Einwanderer würde den Fremdenhaß erzeugen, nicht etwa die rassistischen Einstellungen in der deutschen Bevölkerung. Den Ausweg aus dieser Situation soll nach Rabehl in der Besinnung auf "nationalrevolutionäre" Ideen bestehen, ein Begriff den er selbst nicht erläutert. Rudi Dutschke hätte angeblich bereits in den 70ern ein solches politisches Programm vorgeschwebt, das sich die Wiederbelebung einer "nationalen Identität" zur Aufgabe gesetzt hätte. Die deutsche nationale Identität ist nach Rabehl durch die Reeducation-Programme der Allierten nach 1945 zerstört worden.
Konsequenzen aus diesen und anderen Wortmeldungen Rabehls gab es von Seiten der Uni erst einmal nicht. Anfang 2000 wurde Rabehl jedoch von seiner Tätigkeit für die gewerkschaftsnahe Böckler-Stiftung entbunden.
Ausführliche Hintergrundinfos gibt's von der Fachschaftsini am Otto-Suhr-Institut der FU.

Hans-Helmuth Knütte / früher Uni Bonn
An der Uni Bonn gab es bis zu seiner mehr oder weniger altersbedingten Emeritierung (entspricht der Pensionierung) 1997 den Politikprofessor Hans-Helmuth Knütter, der aus seiner rechtsradikalen politischen Gesinnung keinen Hehl machte. Von ihm stammt das Buch "Die Faschismuskeule. Das letzte Aufgebot der deutschen Linken" - von Rechtsextremisten hoch gelobt. Schon Anfang der 90er kam er in die Kritik, als er in einer Schrift mit dem Titel "Wanderungsbewegungen - ein Faktum, Multikulturelle Gesellschaften - eine Fiktion" Vorurteile von Deutschen gegenüber anderen Nationen propagiert, da "Vorurteile eine wichtige, orientierende Funktion haben". Er schrieb schon damals für neurechte Zeitungen wie Criticon und Mut. Trotzdem war er 1997 noch in Amt und Würden (und weiter Schreiber für die "Bundeszentrale für politische Bildung"), als es noch dicker kam: Auf dem Treffen der rechten Sammlungsbewegung "Bund Konstruktiver Kräfte Deutschlands" warb Knütter für den Schulterschluß mit vorbestraften Rechtsextremisten. O-Ton (wurde vom Fernsehmagazin "Report" mitgeschnitten): "Wir sollten uns zusammenschließen ohne Berührungsängste. Die sind ja das schlimmste. Der eine will nicht mit dem anderen, weil der eine zu extrem ist, und der andere einer Sekte angehört.Der dritte ist umstritten, und der vierte ist, von irgendwelchen fragwürdigen Gerichtsurteilen her, vorbestraft. Und daraus folgt: Fünf Finger sind eben keine Faust. Die Finger können gebrochen werden, die Faust nicht." Als er die linke Hand ballt und dabei anhebt, applaudiert die Versammlung. Ende 1997 - dann schon emeritiert - warb er in einem Brief der "Freunde der Jungen Freiheit" für selbige, auch vom Verfassungsschutz als Scharnier zwischen konservativen und rechtsradikalen Kräften bezeichnete, Zeitung.

Pfeifenberger / früher FH Münster
An dieser Hochschule machte der Politikwissenschaftler Prof. Pfeifenberger jahrelang Schlagzeilen. Er hatte im österreichischen "Jahrbuch für politische Erneuerung 1995", welches von der FPÖ verlegt wird, die Legende von der jüdischen Weltverschwörung neu aufgewärmt. Pfeifenbergers Nähe zu faschistischer Ideologie war bekannt. KollegInnen distanzierten sich von seinen Positionen, der AStA boykottierte seine Lehrveranstaltungen, doch die Kultusministerin des Landes NRW entschloß sich erst dann zu einem Disziplinarverfahren, nachdem das Wiener Handelsgericht in einem Urteil dem Wiener Journalisten Karl Pfeifer Recht gab, der gegen Pfeifenberger den Vorwurf erhoben hatte, dieser verbreite die "Nazi-Mär von der jüdischen Weltverschwörung".
1997 wurde Pfeifenberger als Professor der FH Münster entlassen, im Mai 2000 beging er Selbstmord. Ihm stand ein Prozess wegen seines vermuteten Verstoßes gegen das Nazi-Verbotsgesetz bevor.



Quellen: eigenes Material (Vorfälle aus Karlsruhe), taz-Artikel (Archiv-CD), diverse Webseiten und Zeitschriften (wie im Artikel angegeben)



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