28.06.2010

Kommentar zur Studienplatzvergabe
Hochschulzugang als Reise nach Jerusalem

Beim Zulassungschaos gehen die Lichter aus: 18 000 unbesetzte Plätze, die KMK hält einen Bericht dazu unter Verschluss. Das Recht auf Bildung bleibt dabei auf der Strecke. Sven Lehmann kommentiert die aktuelle Form der Studienplatzvergabe zwischen Numerus clausus und Eignungstests.

knopf81 - Fotolia.com

Hochschuleigene Eignungstests - eine Entrechtung von Hochschulzugangsberechtigten.
Auch wer sich auf die Logik des derzeitigen Modells der Studienplatzvergabe in zulassungsbeschränkten Studiengängen einlässt, wird zugestehen müssen: Jede Kinderparty hätte dies per "Reise nach Jerusalem" besser organisiert. Für Studieninteressierte wird es im Kunterbunt an Verfahren und Fristen notwendig, an verschiedenen Stellen gleichzeitig zu tanzen. Eine Entscheidung empfiehlt sich erst, wenn alles gesichtet und die gewünschte Option getroffen ist. Da man am Ende aber doch nur an einer Stelle Platz nimmt und die Nachrückverfahren sich zu tief ins Semester ziehen, bleiben andere Plätze offen. In dem Punkt wiederum scheint das Zulassungschaos mit der Logik des Partyspiels übereinzustimmen: Im Moment des Scheiterns entlarvt sich die Platzvergabe als ein Modell der künstlichen Verknappung.

Verfassungswidrige Verknappung

Über 18 000 unbesetzte Plätze Wochen nach Beginn des Semesters dokumentiert ein von der KMK kurzerhand unter Verschluss gehaltener Bericht. Faktisch widerlegen sich aktuelle Zulassungsverfahren damit selbst. In seinem Urteil zum Numerus clausus hat das Bundesverfassungsgericht die Ausschöpfung der Kapazitäten als Voraussetzung für eine Zulassungsbeschränkung vorgeschrieben. Was aktuell passiert, steht im eklatanten Widerspruch zu dieser Vorgabe. Ein Bundesgesetz muss her, auf andere Weise scheint das Problem nicht behebbar.

Umordnung in der Unordnung

Die Vergabe von Studienplätzen durch die ZVS wurde ursprünglich als Notlösung betrachtet. Sie bewege sich, so das Bundesverfassungsgericht, "am Rande des verfassungsrechtlich Hinnehmbaren". Im Rahmen einer Verteilung von Studienplätzen, sollte eine Verteilung stattfinden, die den einzelnen Studienberechtigten noch zu ihrem Recht verhelfen sollte - zur Not durch Wartesemester am Ende doch.

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Der Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 05/2010 der Studierendenzeitung read.me der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie wird vom Studierendenausschuss der GEW (BASS) erstellt und erscheint einmal im Semester.
Der Ausbau der örtlichen Auswahl durch die Hochschulen bringt einen Paradigmenwechsel mit sich: Die Nachordnung der Kapazitäten unter das "Recht auf Zulassung zum Hochschulstudium" findet sich im Rahmen der aktuellen Auswahl von Studierenden durch die Hochschulen in nahezu verkehrter Ordnung wieder. Wo das Numerus-clausus-Urteil sich noch an die Hochschulzugangsberechtigung gebunden sah und die Vergabe durch die ZVS das Menschenrecht auf Bildung in einem Kompromiss zu organisieren versuchte, kündigt die unternehmerische Hochschule mit ihren Auswahlverfahren diesen Kompromiss auf.

In hochschuleigenen Tests wird das Zugangsrecht örtlich betäubt und ideologisch unter die Räder gebracht. Eignungsfeststellung ist eine Umdeutung von gesellschaftlichen Beschränkungen in individuelle Beschränktheit, sie ist eine Entrechtung von Hochschulzugangsberechtigten.

Kapazitätsausbau statt Kompromisse!

Die Kapazitätsfrage ist nicht mit Zulassungspolitik zu umgehen, sondern an den Ursachen anzupacken: Eine Überwindung des Numerus clausus durch einen bedarfs- und nachfragegerechten Ausbau der Studienplätze ist anzustreben. Die "Reise nach Jerusalem" ist eben ein Modell der künstlichen Verknappung und nicht des gastlichen Umgangs. Wo weitere Gäste kommen, organisiert man eine Sitzgelegenheit oder findet sich unter freiem Himmel zusammen. Wen die Hochschule beengt, der ist nicht zum Schließen der Tore sondern zum nächsten Bildungsstreik aufgerufen!



Sven Lehmann, Landesausschuss der GEW-Studierenden Baden-Württemberg


Kommentare zu diesem Artikel

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1. vet2006 kommentierte am 28.06.2010 um 11:15:04 Uhr

Studienplatzzahl erhöhen??????

Jetzt mal ernsthaft: Bei uns Vet's und bei den Biologen noch schlimmer, ist es doch so, dass schon jetzt wesentlich mehr Studierende zugelassen werden, als es BEdarf an Tierärzten und Biologen gibt. Jedes Jahr mehr, zudem 6-7 Bewerber je Platz. Nein, WIR brauchen nicht noch mehr und mehr PLätze, und damit noch mehr und mehr Harz IV-ler mit Examen, wie es bei den Biologen drastischer nicht sein könnte. WIR brauchen weniger zugelassene, Verknappung von Plätzen um mind. 20%, damit diejenigen, die studieren, auch Arbeit haben! Über die Auswahlkriterien kann man streiten, gut, jedoch ist es nicht der schlechteste Weg, eine fachverwandte Ausbildung und damit Praxiserfahung zu begünstigen! Denn die "ich will soooooooo gerne Tierarzt werden"- rosaroten-Abiturientinnen braucht es nicht, sondern Schweinepraktiker, Schlachthofkontrolleure, Realisten eben. Leuten mit Ausbildung aus diesen Bereichen ist eigentlich der deutlichste Vorzug zu geben, keinen 1,0er Kuschelmädchen - denn der Tierarzt ist zwar an ein Studium gebunden, doch in erster Linie werden PRAKTIKER gebraucht. (Wenn überhaupt).

Mit freundlichen Grüßen eine die schon länger dabei ist.




2. Hochschul- Insider kommentierte am 28.06.2010 um 13:30:03 Uhr

Wer drin sitzt, der schottet sich ab

Der Kommentar meines Vorgängers zeigt es mal wieder. Hier wird künstlich Exklusion unter Scheinargumenten zur Reproduktion der eigenen oberen Schicht erzeugt, die jungen Menschen ihr Recht auf freie Berufswahl (Art. 12 GG) und damit auf Lebenschancen nimmt. Anstatt die Kompetenzen zwingend für die Gesellschaft notwendiger kreativer Studierender zu fördern, sitzen die Professoren, die eine solche Auswahl durchführen, lieber auf ihren Geldern, um sich selbst weiter zu privilegisieren und aber dadurch auch der Gesellschaft vermehrt fähige Leute, die komplexe Probleme lösen können, zu verwehren. Die Professoren vergessen dabei, daß sie eine hohe Verantwortung für die Gesellschaft als Bildungselite haben. Hier ist zwingend ein Einschreiten der Politik in Form eines Bundesgesetzes erforderlich, um dieses Tun und Handeln zu unterbinden und der Dt Gesellschaft nicht weiter zu schaden!!!




3. paulfritz kommentierte am 28.06.2010 um 23:37:56 Uhr

Freie Bildung!

ich kann Hochschul-Insider nur zustimmen - die Politik versagt ja auf vielen Ebenen, aber im Bereich der Bildung erreicht das Versagen ein ganz anderes Neveau. Letzte chance zum auswandern, bevor die BRD Deutschlandweit die Mauer wieder hochzieht, um uns vor dem Terror zu "schützen"




4. vet2006 kommentierte am 30.06.2010 um 18:47:26 Uhr

...

Scheinargumente? "zu wenig Arbeit" hat wenig mit Schein zu tun. Vet-Studenten werden idR Tierärzte, wenig anderes. Wenn es nur x Tierärtze je Jahr braucht und 3x aber von der Uni kommen und man drüber nachdenkt, wenn es alle werden würden, die es nach der Schule wollen (und da sind die, die in die Schweinebestandsbetreuung oder die Lebensmittelkontrolle gehen möchten, eher die Minderheit), 18-21x wären, hat dies mehr mit Existenz zu tun. Und das lässt sich wohl schwerlich wegphilosophieren. Merkt man aber erst, wenn man gern in seinem Beruf gegen Geld arbeiten möchte, und sich mit dem Leben außerhalb der Uni beschäftigt.

Im Übrigen würde die Hochschulleitung und der Berufsverband liebend gerne besagte Nutzviehdoktoren, gern auch mit Fähigkeit zur komlexen Aufgabenlösung, privilegisieren, Wenn sich nur jemand privilegisieren lassen würde. Bevorzugt im Übrigen die ca. 8-10% Männer, die es überhaupt durch den NC schaffen, da in der Regel größer und stärker im Dialog mit Kuh und Co, und auch nicht schwangerschafts- und damit Listerioseabort-etc.-gefährdet. Nun wäre es auch durchaus denkbar, mal eine Männerquote einzuführen, oder?

Sonst wäre, bei einfach nur mehr Plätzen, die Konsequenz ein Heer überidealistischer, unter-/unbezahlter KleintierprakitkerInnen, die aber Schweinchen und Rindvieh strikt ablehnen, neben einem Versorgungsengpass der Landwirtschaft.

VLG




5. Name(required) kommentierte am 05.07.2010 um 15:03:33 Uhr

Jaja.Anzucht von studis

Aha,und, liebe/r vet,wer entscheidet,was die studies zu studieren haben. Läuft es jetzt nach plan-es werden ingenieure gebraucht,also werden welche prduziert, Kunst und anderes "unnützes" zeug wird pausiert,bis bedarf an solchen ist?

Wir porduzieren so schon genug fachidioten. Jemand der ein fach studiert,dass er nicht liebt wird nur halbgar und mit pech eine kleine ressource im wirtschaftsgefüge. Wirtschaft,wirtschaft über alles.. Und wer entscheidet denn, was wir brauchen? Weil es keine Stellen für biologen gibt, sollen keine Biologen ausgebildet werden? Solle diese Menschen also gezwungen werden,etwas konformes zu studieren?

Was für ein Bild von Lernen, Wissen, von forschung haben sie eigentlich? Sind sie der vet der nur die schlachttiere für die produktion aufspritzt, und hoden abkneift,während er die Schultern zuckt und alles hinnimmt, sodass sie nicht erkennen,dass es neben dem geld-verdienen und der "nützlichkeit(die sie oder die wirtschaft oder rumpelstielzchen bestimmen) auch noch andere gründe für ein Studium gibt?

Ich werde auch eine Biologin. Weil ich das fach liebe und mir nicht vorstellen kann was anderes zu studieren. Genauso wie das wohl einige Juristen, Sozpäds und auch andere Studis mit "nicht praktischen/rentablen/gerade gesuchten" Fächern sagen werden. Ja,Liebe. Gibt sicher auch larifari Studenten...

Aber jeder sollte das recht auf die freie Wahl des Studiums haben!(Und die kann auch durch subtile Beeinflussung eingeschränkt werden)

Seien wir doch froh dass man aus den zeiten raus ist, wo die Eltern mäkeln,dass man was "anständiges " lernen sollte.(Achja. die Großeltern wären sicher auch der meinung, frauen müssten nicht studieren, die werfen eh. Ist doch schön,dass wir aus der Bevormundung raus sind. oder?)

Und noch etwas-vielleicht sollte mehr geld in die förderung der "schwächeren" gesteckt werden als in die Elite, die studis. Handwerker werden gebraucht. Nicht nur Ingenieure. Und es gibt sicher viele arbeitslose jugendliche die gerne was lernen würden aber aufgrund von schlechten Vorbedingungen und Umständen nicht die Möglichkeit und die Fähigkeit erhalten haben, das zu lernen ,was sie wollen.

Also-vll mehr Geld in die Hauptschulen an sozialen Brennpunkten. Das könnte mehr bringen als Leute mit Geld dazu zu überreden, etwas zu studieren dass sie nicht interessiert.




6. ardosvn kommentierte am 11.07.2010 um 12:53:07 Uhr

Geld aus dem Fenster werfen???

Ich gebe Vet vollkommend recht, wenn er die Meinung vertritt, dass man lieber die Anzahl der Studenten begrenzen sollte in überproduktiven Fächern.

Aber was heißt hier schon "es gibt sicher viele arbeitslose jugendliche die gerne was lernen würden aber aufgrund von schlechten Vorbedingungen und Umständen nicht die Möglichkeit und die Fähigkeit erhalten haben, das zu lernen ,was sie wollen." Das ist eine Lüge schlichtweg!!! Ich kenne persönlich dutzende Meister und Betriebe, die liebend gerne Lehrlinge einstellen wollen. Und auch Studien haben bewießen, dasss es im Grunde genug Ausbildungsplätze für jeden gibt, der dafür etwas tut! Doch die Antwort ist im Moment immer die selbe...die Bewerber sind in Hinsicht auf Grundbildung und Grundfähigkeiten extrem "beschränkt" und das liegt definitiv nicht an dem mangelnden Geld für die Schulen. Was soll ein Meister machen, wenn ich Hauptschüler bei ihm antanzt und am Ende nicht einmal eine simple Dreisatz-Aufgabe lösen kann? Solche grundlegende Kenntnisse werden jedem beigebracht, egal wie schlicht die Versorgung der Bildungseinrichtung mit finanziellen Gütern ist!!! Wer bereit ist für seine Ausbildung etwas in Kauf zu nehmen kann es auch schaffen? Wozu sonst gibt es staatliche Gelder für Auszubildende aus "schwächeren" Familien?!? Geld muss lieber in die Unterstützung von Studenten aus "schwächeren" Familien fließen!







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