Nationaler Bologna-Gipfel in Berlin
"Wir sind auf einem guten Weg" oder "Die Schavan-Show"

Wie hier in Hamburg demonstrierten im vergangenen Jahr in ganz Deutschland Schüler_innen und Studierende im Rahmen des Bildungsstreiks.
Dass die von Österreich ausgehenden Bildungsproteste des Wintersemesters nicht nur auf das Betreiben einiger weniger "ewig gestriger" Studierender zurückzuführen waren, wie Bundesbildungsministerin Annette Schavan noch zu Beginn der Protestwelle verkündete, sondern ein nicht zu ignorierender Ausdruck einer breiten und begründeten Unzufriedenheit mit verschiedenen Aspekten der derzeitigen Situation an den Schulen, Hochschulen und Universitäten waren, hat dazu geführt, dass in diesem Semester - zunächst für den April angekündigt, später auf Mai verschoben - eine "Nationale Bologna-Konferenz" stattfinden wird.
Was ist geplant?
Die "Bologna-Konferenz" ist für kommenden Montag von 9:30 bis 14:00 im dbb forum Berlin angesetzt. Auf ihr soll öffentlich über notwendige Korrekturen am Bologna-Prozess beraten werden. Es sind Vertreter_innen der Kultusministerien der Länder, der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), der sogenannten "Wirtschaft" (so z.B. Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Telekom und Vorstandsvorsitzender der Selbst-GmbH) und der Studierenden eingeladen worden. Die Seite der Studierenden soll u.a. von Vertreter_innen aus bundesweit agierenden parteinahen und kirchennahen Studierendengruppen und dem freien zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs) repräsentiert werden. Für das Bildungsstreik-Bündnis werden voraussichtlich zwei Vertreter_innen an der Konferenz teilnehmen.
Qualitätssicherung und Kompetenzentwicklung
Die für die Vorbereitung der Veranstaltung zuständige Fachreferentin des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) teilte auf telefonische Nachfrage mit, dass es Vortreffen zu der Konferenz gab, auf denen die Behandlung von drei Themenfeldern, nämlich Studienbedingungen, Mobilität/Anerkennung und Akzeptanz der neuen Studiengänge auf dem Arbeitsmarkt, festgelegttwurden. Daraus sind nun zwei inhaltliche Blöcke für die Konferenz geworden:
1. Qualitätssicherung: Curricula und Studienbedingungen, Anerkennung und Mobilität
2. Kompetenzentwicklung: Arbeitsmarkt und neue Berufsbiographien
Weitere Infos finden sich im vorläufigen Ablaufplan auf der Seite des BMBF.
Das BMBF nennt als Ziel der Konferenz zum Einen eine Bestandsaufnahme dessen, was in den letzten Monaten an Aktivitäten zur "Reform der Reform" passiert ist und zum Anderen die Bestimmung von konkreten Schritten für die Zukunft. Inwiefern das in so einem begrenzten Zeitrahmen und mit so wenig Berücksichtigung der grundsätzlich kritischen Stimmen zum Bologna-Prozess möglich sein kann, scheint sehr fraglich.
Kritik von Schüler_innen und Studierenden
Die Vertreter_innen des Bildungsstreik-Bündnisses äußern denn auch in einer aktuellen Pressemitteilung die Befürchtung bzw. Erwartung, dass es unter den gegebenen Umständen im Rahmen der "Schavan-Show" zu einer Selbstinszenierung der Bildungspolitiker und zu keinerlei Fortschritten bei der Lösung der Probleme im Bildungssystem kommen wird. Sie kritisieren zudem die thematische Engführung der Konferenz und die Ausklammerung von zentralen Punkten wie der Schulpolitik, der sozialen Auslese und der fehlenden Finanzmittel im Bildungssystem aus der Diskussion. An der HU Berlin wird denn auch für den Montag Nachmittag zu einem Gegengipfel aufgerufen.
Die Veranstaltung wird am Montag live auf der Homepage des BMBF übertragen werden und in vielen Hochschulen wird es - teilweise im Rahmen von Vollversammlungen - die Möglichkeit zum Public Viewing und anschließender Diskussion geben.
Klar scheint bereits zum jetzigen Zeitpunkt, dass die Forderungen, für die im letzten Semester im Rahmen des Bildungsstreiks von Zehntausenden gestritten wurde, auch nach dem "Bologna-Gipfel" aktuell sein werden. Das Ende der Bildungsproteste wird mit diesem Gipfel sicher nicht eingeläutet werden.
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1. Oli (Studis Online) kommentierte am 17.05.2010 um 12:39:27 Uhr
Bildungsstreik-Aktive verlassen aus Protest Bolog
Wir dokumentieren die Pressemitteilung von Hannah Eberle und Jakob Lohmann, Aktive des Bildungsstreiks und Teilnehmende an der Nationalen Bologna-Konferenz in Berlin:
Berlin, 17.05.10. Die beiden Bildungsstreik-Aktivisten Hannah Eberle und Jakob Lohmann haben heute die sogenannte "Bologna-Konferenz" aus Protest vorzeitig verlassen. Ihr Grund: sie wollten die "Schavan-Show" durch ihre Anwesenheit nicht legitimieren.
„Dies ist keine Konferenz zur Lösung von dringenden Problemen, sondern eine inszenierte Komödie zur Rechtfertigung der Entscheidungen der vergangenen Jahre,“ erklären Hannah Eberle und Jakob Lohmann, Bildungsstreik AktivistInnen aus Heidelberg und Freiburg, und ergänzen: "Es gelingt dem Ministerium nicht über den eigenen Tellerrand zu sehen. Die Themen über die wir sprechen wollen, werden nicht zugelassen. Die Forderungen von Tausenden nach Demokratie und sozialer Gerechtigkeit werden ignoriert. Wir wollen uns an diesem Treiben nicht mitschuldig machen. Deshalb haben wir diese Schavan-Show verlassen."
Von Anfang an setzten, die Aktivist_innen des Bildungsstreiks nicht viel Hoffnung in die Konferenz, doch einen solche Konferenz, die zunächst einen Dialog fördern sollte, wollte man weder einfach so verstreichen, noch sie am Ende ganz ohne die Anwesenheit kritischer BildungsstreikerInnen vorüber gehen lassen. Doch der Verlauf der Veranstaltung, spiegelte die im Voraus inhaltliche und strukturell angebrachte Kritik auf ganzer Linie wider.
Gleichberechtigung sieht anders aus
"Wir sind keine Statisten, sondern wollen gleichberechtigt sein. Diese Konferenz spiegelt im Großen wieder, was wir Studierenden täglich an Hochschulen erleben", so Lohmann. Hannah Eberle ergänzt: "Informationen wurden uns vorenthalten. Im Alleingang hat das BMBF vor der Konferenz das Endergebnis bestimmt und die von uns geforderten substantiellen Veränderungen ignoriert."
Bereits Wochen vor der Bologna-Konferenz litten die beteiligten Bildungsstreikenden darunter, dass von ihnen vorgeschlagene Themen wie die mögliche Ausfinanzierung des Bildungssystems, die Demokratisierung der Bildungseinrichtungen, die soziale Selektion im Bildungswesen sowie die Berücksichtigung der Lebensrealität der Studierenden nicht zugelassen wurden. Schließlich wurde sogar die Anzahl der studentischen VertreterInnen reduziert, dann die der Zutritt für Interessierte verboten, die Zeit auf vier Stunden gekürzt und schließlich auch noch die Übertragung an den Hochschulen, nicht wie versprochen gefördert.
Hannah Eberle stellt fest: "Die Politik ist nicht bereit die Misere im Bildungssystem zu erkennen und doktert an Details der Bologna-Reform herum, die schnellen Erfolg versprechen.
Ein Traum vom "Happy-End"
Jakob Lohmann skizziert seine Wunschergebnisse einer gelungenen Bologna-Konferenz mit gleichberechtigten TeilnehmerInnen: „Gemeinsam einigen wir uns auf eine Ausweitung und Erhöhung des Bafög, einen "freien" Workloads, auf mehr Flexibilität innerhalb des Studiums und das Ende des andauernden Klausurstresses. Das Bulimie-Learning wäre endlich vorbei. Es gäbe einen Rechtsanspruch auf einen Masterstudienplatz. In Baden Württemberg und Bayern wird die Verfasste Studierendenschaft wieder eingeführt, es würden neue Diskussionen über die "demokratische Hochschule" vorangetrieben und überall die studentische Mitbestimmung ausgebaut. Die Länder und der Bund würde sich verpflichten mindestens 10 Prozent des BIPs zweckgebunden in ALLE Bildungsinstitutionen zu investieren. Die Verantwortlichen müssen sich zu einem klaren Kurswechsel bekennen und ihn gesetzlich festschreiben. Außerdem gäbe es noch eine eigene Konferenz zur Schulpolitik.“
Fazit des Gipfels und Gegengipfel
Die Nationale Bologna-Konferenz hat weder den Willen zur Ausfinanzierung des Bildungssystems, noch den politischen Willen zu nachhaltiger Veränderung des Bildungswesens offenbart. "Der von uns gewünschte Kurswechsel muss also weiter von der Straße aus erkämpft werden", so Hannah Eberle und Jakob Lohmann. Beide besuchten, nachdem sie die die Nationale Bologna-Konferenz verlassen hatten, den "Schluss mit dem Schavansinn"-Gegengipfel im Audimax der Humboldt Universität.
2. Oli (Studis Online) kommentierte am 17.05.2010 um 13:53:01 Uhr
Stellungsnahme des fzs
Wir dokumentieren die Pressemitteilung des freien
zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs):
Ausser Spesen nichts gewesen?
Schavan lädt zur Bologna-Konferenz nach Berlin
Auf der Bolognakonferenz, zu der Bildungsministerin Dr. Anette Schavan für heute nach Berlin eingeladen hatte, wurde die Weiterentwicklung der Bologna-Reformen diskutiert. Nach kurzen Eingangsstatements durch VertreterInnen von Kultusministerkonferenz, Hochschulrektorenkonferenz, parteinahen Hochschulgruppen und dem freien zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs) folgten Diskussionen zu den Schwerpunktthemen Studierbarkeit, Mobilität und Kompetenzentwicklung.
Im Bereich der Studienfinanzierung wurde von Frau Schavan das Nationale Stipendienprogramm als „elternunabhängige Studienfinanzierung“ gepriesen. Schon bei den bisherigen Stipendienprogrammen zeigt sich, dass hauptsächlich StudentInnen, bei denen mindestens ein Elternteil einen Hochschulabschluss hat, gefördert werden. „Die Äußerungen von Frau Schavan sind der blanke Hohn.“ so Anja Graf-Gadow, Vorstandsmitglied im freien zusammenschluss von studentInnenschaften (fzs). Sie erläutert weiter: „Ein zusätzliches Stipendienprogramm dient hauptsächlich der Förderung Weniger aus reichen Elternhäusern. Der richtige Weg im Sinne lebensbegleitenden Lernens ist ein Ausbau des Bafög hin zu einer herkunfts- und altersunabhängigen bedarfsdeckenden Studienfinanzierung, die als Vollzuschuss gewährt wird, um allen StudentInnen möglichst gleiche Chancen zu ermöglichen.“
Frau Dr. Wintermantel, HRK-Präsidentin, betonte einige Missstände in der
Umsetzung der Bologna-Reformen. „Wenn die HochschulrektorInnen hinter den Äußerungen von Frau Wintermantel stehen, wären für die von ihr angesprochenen Probleme, wie zum Beispiel eine zu hohe Arbeitsbelastung für StudentInnen, unzureichende Qualitätssicherung oder schlechte Mobilität doch bereits Lösungsansätze erarbeitet worden.“ so Thomas Warnau, ebenfalls Vorstandsmitglied im fzs. Er betont weiterhin: „Entweder spricht Frau Wintermantel nicht für die RektorInnen, und damit ist die HRK vollständig delegitimiert, oder aber sie versucht nur die StudentInnen ruhig zu stellen, in dem vorgegaukelt wird die HRK habe die Probleme erkannt.“
Spürbare Ergebnisse hat die Bologna-Konferenz nicht erbracht. Zwar wurde auf gegenseitige Schuldzuweisungen verzichtet, allerdings fehlt von den hochschulpolitischen AkteurInnen ein klares Bekenntnis zu ihren Aufgaben und Pflichten. „Ein Zeitplan für die Behebung der gröbsten Mängel der Bologna-Reform steht noch aus. Einzig gegen eine generelle Anwesenheitspflicht haben sich alle ausgesprochen“ resümiert Anja Graf-Gadow und fährt fort: „Dass der Präsident der KMK die Konferenz auch noch frühzeitig verließ, zeigt den Unwillen der Länder sich mit den bildungspolitischen Problemen auseinander zu setzen.“
Auf der Bologna-Konferenz wurden wichtige Forderungen der StudentInnen wie beispielsweise die Studiengebührenfreiheit gar nicht erst behandelt. „Wir StudentInnen werden weiter offensiv für die Verbesserungen an den Hochschulen kämpfen. Da Gespräche offenbar Gespräche bleiben und keine Taten folgen, müssen die Proteste auch in diesem Semester fortgesetzt werden.“ so Graf-Gadow abschließend.
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