04.08.2011

Studienfächer
Psychologie-Studium: Als Eigentherapie ungeeignet

Wer Psychologie studiert, will Menschen verstehen und helfen lernen. Was die meisten nicht wissen: Mathe und Statistik stehen auf dem Studienplan ganz oben. Und wer als klinischer Psychologe arbeiten will, beginnt eigentlich erst nach dem Studium mit der Ausbildung.

Von Anne-Ev Ustorf

Das Studienfach Psychologie erlebt derzeit einen regelrechten Boom. Jedes Jahr bewerben sich Tausende Abiturientinnen und Abiturienten auf die wenigen Studienplätze. Nur jeder 13. bekommt einen Platz. Simone Tschesch gehört zu den gut informierten StudienanfängerInnen. Die 19jährige plant, ab dem Wintersemester Psychologie zu studieren und weiß schon ziemlich genau, auf welchen Schwerpunkt sie hinaus will: "Mich interessiert vor allem, wie ich ein Produkt erfolgreich an eine gewisse Zielgruppe bringe – Werbepsychologie, Marktpsychologie oder Wirtschaftspsychologie, das ist mein Ding".



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Bei der Berufsberatung vom Arbeitsamt und auf der Internetseite www.psychostudium.de informierte sich die Abiturientin genau und richtete ihre Bewerbung dementsprechend zielgerecht an Unis mit diesem Schwerpunkt. Was sie dort erwarten wird, ahnt sie bereits: "Viel Mathe, viel Statistik, viele Lehrtexte auf Englisch – ein bisschen fürchte ich mich schon davor".

Das Studium ist erstmal ziemlich trocken: Methodenlehre und Statistik

Mit dieser Art von Vorbereitung steht Simone Tschesch ziemlich alleine da. Rund 60% der StudienanfängerInnen wählen das Fach, um "Menschen helfen zu können". Ein ehrbares Unterfangen. Doch was die meisten Studis nicht wissen, ist, dass zumindest das Grundstudium herzlich wenig mit dieser Vorstellung zu tun hat. "Ich kann angehenden Studenten nur raten, nicht zu glauben, dass sie in den ersten Jahren viel über Psychotherapie erfahren werden", sagt Diplompsychologe Sven Kluth, der vor wenigen Monaten sein Studium an der Uni Hamburg abschloss, "Gerade die ersten Semester sind superhart und trocken, da werden Methodenlehre und Statistik rauf und runter studiert".

Bis zum Vordiplom sind vor allem Mathekenntnisse gefragt, danach ist das Hauptstudium das "gelobte Land", erklärt Sven Kluth: "Da erfährt man endlich was über Therapieformen und Interventionen". Doch trotz interessanter Seminare ist auch diese Zeit nicht ohne: Erst nach einer Vielzahl von Scheinen und einem unbezahlten Halbjahrespraktikum dürfen sich die Studierenden für die mündlichen Prüfungen und die Diplomarbeit anmelden. Unter der Regelstudienzeit von neun Semestern bleibt kaum jemand, der Großteil der Studenten schließt frühestens nach vierzehn Semestern ab. "Psychologie ist ein leistungsorientiertes Studium und definitiv kein Laberfach", warnt Sven Kluth, "Man braucht einen langen Atem".

Auch bei Psychologie wurde auf Bachelor/Master umgestellt

Doch die Zeiten ändern sich. Inzwischen haben praktisch alle Universitäten vom Diplom auf Bachelor umgestellt und verkürzen damit die Regelstudienzeit auf sechs Semester. Damit verbunden ist aber auch ein spezialisierteres, inhaltlich verkürztes Studium. Erst mit dem Master kommt man auf eine dem früheren Diplom vergleichbare Qualifikation.

Wer sich entschließt, Psychologie auf Bachelor studieren, sollte sich allerdings vorher ganz genau über die Ausrichtung des Studiengangs informieren. Während die Diplom-Studiengänge breit gefächert waren, spezialisieren sich manche Bachelors nur noch auf eine Fachrichtung. An der RWTH Aachen zum Beispiel bezieht sich der neue Bachelor schwerpunktmäßig auf die Bereiche Arbeits- und Organisationspsychologie. Wer sein Wissen vertiefen und seine Chancen erhöhen will, wird ohnehin – mindestens – einen Master absolvieren müssen.

Je nach Berufsbild sind nach dem Studium noch Fortbildungen nötig

Viele junge Leute entschließen sich für das Fach Psychologie, weil nach dem Abschluss eine ganze Reihe von Berufsbildern zur Verfügung stehen: PsychologInnen sind in der Marktforschung, Personalarbeit oder Weiterbildung tätig, arbeiten als Kommunikationstrainer, Neuropsychologen, niedergelassene Therapeuten oder in der Klinik.

Worauf viele angehende Studierende allerdings nicht vorbereitet sind, ist, dass in diesem Berufsfeld ein Diplom oder Master erst der Anfang ist. "Mit dem Abschluss ziehst Du Dir lediglich 'ne Fahrkarte", sagt Sven Kluth. Meistens sind diverse Fortbildungen nötig, um das weitgehend theoretische Wissen auch in die Praxis umsetzen zu können – egal, in welchem Bereich. Wer gar PsychotherapeutIn werden will, muss eine bis zu fünfjährige weiterführende Ausbildung in Kauf nehmen, die in der Regel privat bezahlt wird. Die Kosten dafür belaufen sich zwischen 10.000 und 50.000 Euro - es sei denn, man ergattert einen der begehrten, schlecht bezahlten Ausbildungsplätze in Kliniken.

Studium keine Eigentherapie - aber wer Krisen selbst kennt, kann oft besser helfen

Dennoch würden die meisten AbsolventInnen immer wieder Psychologie studieren. Claudia Graf, Psychologiestudentin im Examen, findet ihr Fach toll, "weil es viele Möglichkeiten bietet, sich mit sich selber auseinander zu setzen". Sven Kluth hat im Studium gelernt, richtig zuzuhören, "nicht nur in Form von Aufmerksamkeit, sondern auf ganz vielen Ebenen, also quasi die Aussagen hinter den Aussagen zu erkennen". In einem sind die beiden Psychologen sich aber einig: Als Eigentherapie ist das Studium gänzlich ungeeignet. Bei einer Umfrage gaben zwanzig Prozent aller angehenden Studierenden an, das Fach studieren zu wollen, um ihre eigenen Probleme zu lösen. Das kann das Studium aber nicht leisten. Doch im Umkehrschluss bedeutet dies nicht, dass man als PsychologiestudentIn keine Probleme haben darf: Im klinischen Bereich werden erfahrungsgemäß gerade diejenigen PsychologInnen, die selbst mal die eine oder andere Krise durchgemacht haben, später die besten TherapeutInnen.



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