Studienfächer
Physik: Alles bleibt relativ

Wenn zwei Elementarteilchen nahezu mit Lichtgeschwindigkeit aufeinander geschossen werden, fürchten die einen den drohenden Weltuntergang, sind die anderen vor wissenschaftlicher Neugierde schier entzückt. Nein, es ist nicht die Rede von einem B-Movie aus den 60er Jahren – das ist die nüchterne Welt der Physik. An über 60 deutschen Hochschulen kann man Physik studieren – was man dabei beachten sollte, will der folgende Artikel verraten.

Von Thomas Delecat

Tafel mit Formeln
© XH - Fotolia.com
Formeln, nichts als Formeln ...
Vorweg aber gleich die Warnung: Nicht immer ist der Studienalltag durch derart spektakuläre Experimente geprägt, wie eingangs beschrieben und am bekannten CERN-Institut bei Genf durchgeführt. Gerade das Grundstudium zeichnet sich durch das harte und intensive Pauken von Theorie und Grundlagenwissen aus. Hat man die ersten zwei bis drei Semester aber erst überstanden, wird das Studium entspannter und wendet sich zunehmend auch dem Experiment zu. Den Physik ist immer beides: Theorie und Experiment.

Physik – kurz erklärt

Die Physik befasst sich mit der gesamten, unbelebten Materie im Universum. Das Spektrum reicht hierbei vom bereits erwähnten, winzigen Elementarteilchen bis hin zu dem Versuch, das Wunder der Existenz und der Entwicklung des Universums zu begreifen. Die Physik versucht die Struktur und die Wechselwirkungen von Materie und Materie-Systemen zu verstehen. Sie macht dabei nicht einmal vor so vermeintlich selbstverständlichen Dingen wie dem Ablauf der Zeit halt. Oder um es pathetisch auszudrücken: Wenn es einen Gott gibt, dann versuchen die Physiker die grässlich übersetzen Bedienungsanleitungen seiner Werkzeuge zu verstehen.

Was Physik ist und was nicht

Physik selbst ist eine Grundlagenwissenschaft und in sofern auch sehr wissenschaftlich ausgelegt. Es geht nicht darum, Erkenntnisse zu gewinnen, die sich sofort in die Praxis umsetzen lassen. Vielmehr geht es darum, durch Theorie und Experiment alte Erkenntnisse zu überprüfen, neue Erkenntnisse zu gewinnen oder den Weg für neue Fragestellungen frei zu machen.

Mit der Einführung des Bachelor/Master-Systems wurden viele »physiknahe« Studiengänge wie beispielsweise die Bauphysik oder die Astrophysik eingeführt. Aber auch schon vorher gab es z.B. mit Meteorologie ein Fach, das oft als Spezialisierung nach einem allgemeinen Physikvordiplom realisiert wurde. Auch hier bleibt man nah an der Wissenschaft und ihren Methoden, versucht aber zugleich seinen Fokus auf speziellere Fragestellungen zu konzentrieren. Der »klassische« Physiker hingegen bleibt ein Allrounder, der gerade das breite Wissen seiner Disziplin benötigt, um die Vorgänge in komplexen Systemen zu verstehen.

Ob »klassisch« oder »physiknah« – Physik muss immer von Ingenieursstudiengängen unterschieden werden. Hier beschäftigen sich die Studenten zwar auch oft tiefgehend mit den Inhalten der Physik, nutzen diese aber mehr als eine Art Baukasten, aus dem heraus sie konkrete Anwendungen entwickeln. Ein Physiker ist kein Ingenieur und umgekehrt.

Trotz oft fließender Übergänge darf man den Physiker auch nicht mit anderen Naturwissenschaftlern wie beispielsweise den Chemiker oder den Biologen verwechseln. Obgleich gerade in der Grundlagenforschung diese Disziplinen oft eng verknüpft miteinander arbeiten.

Wer kann Physik studieren?

Grundsätzlich natürlich jedeR, die/der eine Hochschulreife besitzt. Allerdings stöhnen viele Studierende über oft ausufernde Arbeitszeiten, gerade zu beginn des Studiums. 70 Stunden sind hier leider keine Seltenheit. Wie so oft wird dieser Druck durchaus bewusst auf Studienanfänger aufgebaut, um eine frühe Selektion zu ermöglichen. Hat man diese Phase erst einmal überstanden, wird es meist etwas entspannter.

Orionnebel
© S.ROBERT - Fotolia.com


Wie ist der Orionnebel geworden, was er ist? Eine von vielen Fragen für Astropyhsiker
Trotzdem sollte man sich davon nicht gleich demotivieren lassen. Zum einen wird auch hier nur mit Wasser gekocht (obgleich Physiker von Thermodynamik sprechen würden), zum anderen ist die Physik auch ein klein wenig mit Standesdünkel durchdrungen. Mit ein wenig Fleiß ist letztlich alles schaffbar: Vorausgesetz natürlich, dass man keine Hemmungen vor viel Mathematik hat. Kurz gesagt: Fleiß, Interesse und ein klein wenig naturwissenschaftliches Talent reichen aus, um ein Physikstudium erfolgreich zu meistern.

Studienalltag

Der Studienalltag sieht eine Mischung aus theoretischer Physik und Experimentalphysik vor. Hierbei wird das gesamte Spektrum der Physik abgedeckt. Also von der Atomphysik über die Thermodynamik bis zur Quantenphysik. Ebenfalls wird an vielen Universitäten, wenn auch eher am Rande, immer wieder die Geschichte der Physik bedacht. Der Student soll Physik durchaus als selbstkritischen Entwicklungsprozess begreifen, in dem Theorien und Gesetze nur solange gültig sind, bis sie durch neuere Theorien und Gesetze über den Haufen geworfen werden.

Neben den Präsenzveranstaltungen muss man als Physikstudent auch sehr viel Zeit mit dem Selbststudium verbringen. Dieses wird meist durch Arbeitszettel strukturiert, die von den Dozenten wie eine Art »Hausaufgaben« an die Studenten gereicht werden. Aber auch Projekte, Tutorien und Laborarbeit gehören zu den alltäglichen Dingen, die einem im Studium über den Weg laufen.

Tipps zum Studium

Physik ist nichts für Einzelkämpfer! Der Erfolg des Studiums hängt nicht zuletzt auch davon ab, ob man sich mit seinen Kommilitonen in Lern- und Arbeitsgruppen organisiert und gemeinsam paukt. Hierfür bietet die Hochschule oft, aber eben nicht immer Hilfestellungen an. Man sollte daher offen auf seine Mitstudenten zugehen. Das es dabei natürlich immer welche gibt, die von diesem oder jenen Thema mehr als man selber versteht, liegt auf der Hand. Davon darf man sich nicht einschüchtern lassen, im Gegenteil: Man studiert Physik erst dann besonders erfolgreich, wenn man mutig genug ist, seine eigenen Verständnisprobleme auf den Tisch zu legen und sich Hilfe zu suchen.

Weiterhin sollte man, trotz all der Theorie, nie den Bezug zum Rest der Welt verlieren. Gerade wenn der Kopf mal wieder raucht kann es sehr entlastend sein, sich selber verorten zu können. Trotz des vollgestopften Wochenplans sollte man sich die Zeit für Dinge wie Sport oder das berüchtigte Studentenleben freihalten.

Da einige PhysikerInnen auch in Berührung mit Bereichen der Rüstungsindustrie oder anderen durchaus umstrittener Industriezweige kommen, sollte man sich selber auch immer moralisch fragen, was man als spätereR PhysikerIn vielleicht nicht verantworten möchte.

Physik als Beruf

PhysikerInnen haben glänzende Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der freien Wirtschaft werden unentwegt welche gesucht. Die Verdienstaussichten sind hierbei oft ausgesprochen gut. Da zunehmend alte Physiker in Rente gehen und der demografische Wandel auch hier zuschlägt, ist auch in naher bis mittlerer Zukunft nicht damit zu rechnen, dass man unfreiwillig in die Arbeitslosigkeit gerät.

Das Spektrum der möglichen Berufe ist hierbei größer, als man auf dem ersten Blick denkt. Von der Grundlagenforschung in Max-Planck u.ä. Instituten bis hin zum Bankwesen sind überall Physiker gesucht. Grund hierfür ist nicht nur ihr Fachwissen, sondern auch ihre Fähigkeit, abstrakte Sachverhalte zu systematisieren. Nicht wenige Physiker arbeiten deshalb nach ihrem Studium freiberuflich als unabhängige Berater und lassen sich ihre gefragte Meinung gut bezahlen. Hat man Physik auf Lehramt studiert, bietet es sich natürlich an, in eine Schule zu gehen.

Während des Studiums ist es übrigens normal, das man noch keine so genauen Vorstellungen von dem hat, wie man später genau sein Geld verdienen will. Zur besseren Orientierung werden Kurse (oft von ehemaligen Physikstudierenden) angeboten.



Literaturtipps

Taschenbuch der Physik (ISBN 3-4462-2883-7) »
Vom Leistungskurs am Gymnasium bis tief ins Grundstudium hinein liefert dieses handliche Nachschlagewerk Formeln und Kurzerklärungen, die schnell und übersichtlich die tägliche »Freude« an Übungszetteln, Vorlesungsinhalten oder Hausaufgaben erleichtern. Standardwerk.

Lothar Papula: Mathematik für Ingenieure und Naturwissenschaftler 1 (ISBN 3-8348-0224-7) »
Als angehendeR PhysikstudentIn wird man massiv mit höherer Mathematik konfrontiert. Sie ist die wichtigste Hilfswissenschaft und zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Studium. Dieses fast 700 Seiten Buch bildet eine Brücke zwischen der Schulmathematik und den Anforderungen, die an Naturwissenschaftler und Ingenieure an einer Hochschule gestellt werden.

James Kakalios: Physik der Superhelden (ISBN 3-4996-2316-1) »
Als angehendeR PhysikstudentIn wird man massiv mit höherer Mathematik konfrontiert. Sie ist die wichtigste Hilfswissenschaft und zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Studium. Dieses fast 700 Seiten Buch bildet eine Brücke zwischen der Schulmathematik und den Anforderungen, die an Naturwissenschaftler und Ingenieure an einer Hochschule gestellt werden.

Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker (ISBN 3-2572-3047-8) »
Ein Klassiker, den vermutlich viele noch aus dem Deutschunterricht kennen. Witzig und erschaudernd zugleich, arbeitet Dürrenmatt heraus, wie widersprüchlich die Geister sein können, die von der Physik gerufen wurden. Einerseits stellt die Kernphysik einen der wesentlichen Energieträger der letzten 60 Jahre bereit, anderseits kann man mit ihr verheerende Waffen bauen. Ein Buch, dass nach wie vor aktuell ist und die moralische Verantwortung herausarbeitet, die ein Physiker trägt.

Stefan Jorda, Max Rauner: Big Business und Big Bang. Berufs- und Studienführer Physik (ISBN 3-5274-0814-2) »
Physikstudium? Und was dann? Dreizehn aktuelle Reportagen aus verschiedenen Branchen vermitteln den LeserInnen einen lebendigen Eindruck von Berufen, in denen Physikerinnen und Physiker arbeiten. 2008 ist die zweite, erweiterte Auflage mit aktualisiertem Serviceteil erschienen.

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