Studieren mit Kind

Zwischen Wickeltisch und Hörsaal

Deutsche und Polnische Studierende über die Sonnen- und Schattenseiten einer frühen Familienplanung

Hinweis: Dieser Artikel ist im Rahmen der "Medienbrücke" zwischen der TU Ilmenau und der Uniwersytet Jagiellonski Krakow entstanden. Als AutorInnen beteiligt waren: Anja Solf, Alexandra Straube, Janine Schwede, Tina Matthäi, Marta Woloszyn und Ewa Szymanska. Das Original (inkl. der polnischen Fassung) findet sich unter
www.studieren-mit-kind.de.vu
Mit dem Schulabschluss in der Tasche fällt die wohl wichtigste Entscheidung für den nächsten Lebensweg: Ausbildung oder Studium? Oder gar beides? Sich für ein Studium zu entscheiden, bedeutet noch immer viel Zeit zu investieren. Die Familienplanung bleibt da für die meisten zunächst auf der Strecke. Doch auch nach dem langersehnten Abschluss, scheint der richtige Zeitpunkt nicht gegeben, die Familie zu vergrößern.

So folgt erst einmal der schwierige Karriereeinstieg. Gerade junge Absolventinnen werden in Vorstellungsgesprächen äußerst kritisch beäugt; schließlich lässt der Nachwuchs nicht allzu lang auf sich warten. Die Angst, die neue Mitarbeiterin könnte kurze Zeit nach der Einstellung schon wieder ausfallen, ist groß. Also heißt es erst einmal die Probezeit abwarten. Und so zögert sich das Familienglück immer weiter hinaus, denn ist die Position im Unternehmen gefestigt, will der ambitionierte Akademiker sogleich die Karriereleiter hinaufstürzen. Auch hier passt ein Kind so gar nicht in die Planung.

Doch warum warten? In Deutschland scheinen studierende Eltern so gut unterstützt zu werden, dass es sich durchaus anbietet, bereits während des Studiums mit der Familienplanung zu beginnen. Erziehungs- und Kindergeld stützen das junge Glück finanziell; Kindertagesstätten versuchen den jungen Familien den Alltag zu erleichtern. So verwundert es nicht, wenn das Kind bewusst während des Studiums das Licht der Welt erblickt. Letztendlich scheint es überlegenswert, lieber ein kleines Kind während des Studiums zu versorgen und dafür ein bereits schulpflichtiges beim Karrierestart zu haben. Im Gegensatz dazu, bleibt die Freude über den Nachwuchs bei polnischen Studierenden eher bedeckt.

Schwangerschaften während des Studiums sind hier eher ungewollter Zufall, als Karrierezweck. Eine kleine finanzielle Unterstützung ist zwar gegeben, macht das frühe Kinderkriegen aber nicht unbedingt attraktiver. Worüber man sich generell im Klaren sein muss ist, dass ein Kind viel Zeit in Anspruch nimmt. Das Studium kann da mitunter auf der Strecke bleiben und in etlichen Zusatzsemestern gipfeln, die in Deutschland seit geraumer Zeit mit erheblichen finanziellen Aufwendungen belastet sind. Studentengerechte Betreuungsmöglichkeiten sind da eine willkommene Gelegenheit, den Nachwuchs abzugeben und die Vorlesung zu besuchen. Doch auch diese sind vor allem in Polen noch immer eine Seltenheit.

"Alles eine Frage der Organisation"

Zwischen Windeln wechseln und Arztbesuchen muss natürlich auch Zeit für Vorlesungen und Seminare bleiben. Oftmals nimmt der Familienzuwachs so viel Zeit in Anspruch, dass ein problemloses Studieren nicht mehr möglich ist. Da sind Vorlesungen am späten Nachmittag völlig unpassend. "Mein Alltag leidet überhaupt nicht. Es ist halt alles eine Frage der Organisation" meint Nadine, Mutter einer eineinhalb Jahre alten Tochter.

Nadine und ihre Familie
Doch muss auch erwähnt werden, dass die kleine Viviane jeden Tag von ihren Eltern in die Kindergrippe "Studentenflöhe" gebracht wird, wo außer ihr noch 31 weitere Kids zum Spielen vorbeischauen. Je nach Betreuungsaufwand und auch Einkommen der studierenden Mütter und Väter, berechnen sich die Preise für einen Platz. Ein weiterer Bonus dieser Einrichtung sind die studentengerechten Öffnungszeiten, die speziell an den Vorlesungsrhythmus angepasst worden sind. "Das kommt mir wirklich gelegen. So hab ich nach meiner letzten Vorlesung noch Zeit, in Ruhe meine Tochter abzuholen", fügt Nadine hinzu.

In Polen gibt es zwar Kindertagesstätten, jedoch kann sich der Durchschnittsstudent diesen Luxus oft nicht leisten. Hier kann nur die Familie helfen, oder man wechselt sich mit dem Partner in der Betreuung ab. Zosia ist gerade einmal drei Monate alt und der ganze Mittelpunkt im Leben ihrer jungen Mutter Ela, die in Krakow studiert. "Jetzt ist meine Tochter mein ganzes Leben, sie ist mein Schätzchen. In meiner Situation sehe ich fast nur Vorteile, jedoch habe ich nicht mehr so viel Zeit für meine studentischen Verpflichtungen", meint sie.

Von neun bis 17 Uhr wird ein straffes Uni-Programm durchgezogen, nur davor und danach kann sich die junge Polin ganz ihrem Kind zuwenden. In der Zeit, in der sie fleißig den Dozenten zuhört, wird die kleine Zosia von ihrem Vater oder auch mal einem Kindermädchen versorgt. Wenn es sich nicht vermeiden lässt, darf die Kleine auch gern einmal mit in die Vorlesung: "Sie helfen und sind sehr verständnisvoll. Wenn es nötig ist, dann kann ich Zosia auch mit in den Unterricht bringen". Bei allen Vorteilen und Möglichkeiten, bleibt das Studium trotzdem stark eingeschränkt.

Als Studentin ukrainischer Philologie wäre Ela gern in die Ukraine gereist. Das muss jetzt erstmal verschoben werden, schließlich haben sich ihre Prioritäten geändert, wie sie selbst sagt. Ihrem polnischen Kommilitonen Tomasz geht es ähnlich. Mit fast einem Jahr hält ihn sein Sohn Jan schon ordentlich auf Trab. Auch wenn er sein Kind für kein Geld der Welt hergeben würde, empfehlen würde er diesen Schritt keinem anderen. Auch seine Ziele und Prioritäten haben sich gezwungenermaßen verschoben: "Ich muss schnell eine ernste Arbeit finden, dabei wollte ich doch eigentlich weiter studieren."

Für die Deutsche Stefanie kein Problem. Die 24 Jahre alte Studentin aus Ilmenau und ihr Mann schließen ein kleines Geschwisterchen für ihren zweijährigen Sohn nicht aus. "Ich sehe da einen großen Vorteil während des Studiums. Ich kann die Zeit flexibler planen und muss nicht für ein komplettes Jahr aussetzen" erklärt sie. Vor allem, weil sich beide Eltern noch im Studium befinden, können sie sich gut in die Betreuung einteilen. Gezeigt hat dies vor allem die Zeit, in der ihr Mann im Praktikum war. Acht Stunden Arbeit am Tag vereinnahmten den jungen Vater zu sehr, so dass Stefanie größtenteils allein mit der Erziehung und Versorgung des Söhnchens beschäftigt war.

"Natürlich muss man sich einschränken"

Die wohl größte Belastung durch Nachwuchs während des Studiums ist finanzieller Natur. Zwar ist von Seiten des Staates und hin und wieder auch von der Universität Unterstützung geboten; große Sprünge können sich Studierende mit Kind dennoch kaum erlauben.

In Deutschland können Studierende mit Kind eine Ausbildungsförderung, umgangssprachlich auch BAföG genannt, beziehen. Außerdem kann Sozialhilfe beantragt werden, welche Studenten ausnahmsweise in der Schwangerschaft oder Kindererziehung erhalten können. Die wohl wichtigste Unterstützung bietet jedoch das Erziehungs- und das Kindergeld, welches monatlich gezahlt wird. Die Mutter des kleinen Christopher kann über finanzielle Hilfe nicht klagen: "Natürlich muss man sich einschränken, aber vor allem das BAföG und das Kindergeld nehmen uns eine große Last von den Schultern." Reisen können sie und ihr Mann auch später noch, fügt sie genügsam hinzu.

Sandra und ihre Familie
Eine Geldhilfe, wie BAföG zu bekommen, ist für deutsche Studierende jedoch nicht garantiert. Die 24-jährige Sandra muss ohne die Ausbildungsförderung auskommen: "Mein Mann verdient schließlich schon Geld. Der Rest wird durch mein Kindergeld und Nebenjobs abgedeckt." Außerdem gibt es hin und wieder auch mal eine kleine Finanzspritze der Eltern. Anschaffungen wie Babymöbel für Tochter Heidi gab es von der Tante, die vor einiger Zeit selbst ein Baby bekommen hatte.

Auch in Polen werden Studierende mit Kind staatlich unterstützt. Eine einmalige Zahlung von 1000 Zloty wird den jungen Eltern geboten, was ungefähr 260 Euro entspricht. Dafür können jedoch gerade einmal erste Anschaffungen, wie ein Kinderwagen finanziert werden. Für eine regelmäßige Geldeinnahme können verschiedene Hilfen, wie zum Beispiel Stipendien, beantragt werden. Auch das Kindergeld, welches in der Höhe stark variieren kann, füllt den Geldbeutel ein wenig auf. "Wir bekommen ein wenig Geld vom Staat. Es ist nicht viel, aber immerhin hilft es uns ein wenig über die Runden" meint Tomasz, der in Krakow studiert und zusammen mit seiner Freundin den kleinen Jan groß zieht.

Auch das soziale Stipendium an der Universität nimmt den jungen Eltern ein kleines bisschen die Geldsorgen. "Trotzdem würde ich es keinem empfehlen. Das Studium ist ohnehin eine teure Investition, da bleibt nicht viel übrig für eine Familie", meint er weiterhin. Ela bekommt dagegen keine finanzielle Hilfe von ihrer Universität. Ihre Familie greift ihr dafür umso mehr unter die Arme. "Ich wohne mit meiner Schwester zusammen. Sie ist mir eine große Hilfe bei der Erziehung von Zosia."

Warum warten?

Letztendlich hängt es von der Situation jedes Einzelnen ab, ob und wie viel finanzielle Unterstützung bezogen werden kann. Es scheint jedoch, dass Studieren mit Kind in Deutschland weitaus einfacher zu bewältigen ist, als bei unseren polnischen Nachbarn. Für den späteren Karriereeinstieg scheint es sogar recht förderlich, bereits im Studium mit der Familienplanung begonnen zu haben.

Die Mutter der kleinen Heidi schaut optimistisch in die Zukunft: "Ich glaube, wer während des Studiums ein Kind bekommt und trotzdem einen guten Abschluss macht, hat Managerqualität und eine gute Belastbarkeit bewiesen." Auch Baby Viviane war ein geplantes Kind. "Der Zeitpunkt, ein Kind zu bekommen, scheint nie der richtige zu sein, ob nun während des Studiums oder danach. Jetzt habe ich viel mehr Zeit, mich um meine Tochter zu kümmern.", meint Mutter Nadine überzeugt. Warum also warten, wenn der richtige Partner bereits gefunden ist?



Weitere Hinweise (gehören nicht mehr zum Originalartikel)



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