Studium
Soziale und wirtschaftliche Lage der Studierenden in Europa (Teil 1)
Allgemein hält sich die Behauptung, deutsche Studierende seien älter als in anderen Ländern. Die aktuelle Studie "Eurostudent 2005" relativiert das doch deutlich. Und enthält weitere - durchaus überraschende - Ergebnisse. Wer hätte z.B. gedacht, dass in den untersuchten Ländern der Frauenanteil überall größer ist als in Deutschland? Und das wirklich in Deutschland Kinder aus Arbeiterfamilien die geringste Chance haben, ein Hochschulstudium aufzunehmen?| Eurostudent 2005 Betrachtet werden im Bericht Eurostudent 2005 elf Länder der EU (Österreich, Deutschland, Spanien, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Niederlande, Portugal und Großbritannien [nur England und Wales]). Die Daten zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Studierenden in den einzelnen Ländern wurden von Hochschulen und staatlichen Institutionen erhoben und vom Hochschul Informations System (HIS) zusammengestellt. Finanziert wurde die Studie vom Bundesbildungsministerium und dem Socrates Programm der EU. Für jedes Land liegt auch ein eigene, ausführlichere Auswertung vor. HIS-Webseite zur Studie mit Download-Möglichkeiten. |
In keinem Land ist die Wahrscheinlichkeit so gering, dass ein Kind, dessen Vater Arbeiter ist, studieren wird. 37% der Altersgruppe von Männern zwischen 40 und 60 ist in Deutschland laut Eurostudent 2005 zur Arbeiterklasse zu zählen. Würde dieser Aspekt keinen Einfluß haben, müssten auch 37% der Väter von Studierenden aus der Arbeiterklasse stammen. Es sind aber nur 16% - eine Verhältnis von 0,4.
Spanien bietet dagegen ein Verhältnis von 0,9 (45% der Männer zwischen 40 und 60 sind aus der Arbeiterklasse, 40% der Studierenden-Väter ebenso), Finnland mit 0,8 (38%/29%) und die Niederlande mit 0,7 (7%/5%) sind überdurchschnittlich bei der Bildungsbeteiligung. Nahe an die kritikwürdigen deutschen Verhältnisse kommen Österreich, Frankreich und Portugal (jeweils ein Verhältnis von 0,5). Für die anderen Länder lagen keine Zahlen vor oder waren nicht direkt vergleichbar (Irland).

Englische Studierende am ältesten
Beim Durschnittsalter aller Studierenden liegt Deutschland im Mittelfeld mit 24,4 Jahre. Sehr jung sind Studierende in Italien (21,2 - allerdings verfälscht durch eine Einschränkung der betrachteten Studierenden!), Portugal (22,0) und Frankreich (22,2). Dort ist der Wechsel von Abitur zum Studium traditionell sehr direkt. In anderen Ländern gibt es dagegen mehr Menschen, die ihre Hochschulzugangsberechtigung erst über Umwege erreichen.
Überraschend das Durschnittsalter aller Studierenden in Großbritannien: 28 Jahre! Die Männer sind übrigens überall - außer ebenfalls in Großbritannien - etwas älter als die Frauen (vor allem wohl wegen Wehr/Ersatzdienst). In Großbritannien gibt es offenbar eine große Anzahl von Teilzeitstudierenden und Frauen studieren dort oft erst (oder nochmals - z.B. noch den Master) nachdem die Kinder in die Schule gehen.
Interessant auch das Durchschnittsalter der Erstsemester. Hier liegt Deutschland mit 21,9 Jahren ebenfalls unauffällig (nur Frankreich fällt mit 19,1 auf). In Großbritannien ist das Durchschnittsalter der Erstsemester tatsächlich erstaunlich hohe 27,8 Jahre (Männer: 26,8, Frauen 28,8).
Wer sich also schon mit Mitte 20 "zu alt" für ein Studium vorkommt, dem/der sollten diese Zahlen zeigen, dass dies keineswegs so ist.

* Großbritannien ohne Schottland und Nordirland
Frauenanteil in Deutschland am geringsten
An deutschen Hochschulen gibt es nach wie vor sehr wenige Professorinnen und auch bei wissenschaftlichem Personal ist die Quote nicht sonderlich hoch. Bei den Studierenden dagegen haben die Frauen inzwischen 48% erreicht. Selbst das ist europaweit gesehen ein schlechter Wert: In allen betrachteten Ländern liegt die Frauenquote bei 51% oder besser (Finnland z.B 58%, Lettland sogar 63,1%).
Studierende mit Kinder gibt es in Deutschland vergleichsweise wenige (4,8%), nur Spanien (3,6%) und Portugal (4,5%) haben noch weniger solche Studierende. In Lettland (10,7%), Österreich (10,8%) und Irland (11,3%) ist es deutlich normaler, mit Kind zu studieren. Wobei in Lettland 13,8% der Studentinnen, aber nur 5,3% der Studenten ein Kind haben.

* Großbritannien ohne Schottland und Nordirland
Die böse Studiendauer
Hier liegt Deutschland dann wirklich mal "vorn" (oder "hinten" ;-): Die durchschnittliche Studiendauer für den ersten Abschluss ist in keinem Land so lange, nämlich ganze 6,8 Jahre. Nur Österreich steht Deutschland mit 6,7 Jahren nur wenig nach. Finnlan und Portugal bringen es immerhin auch auf jeweils 6 Jahre, Spanien mit 5,5 und die Niederlande mit 5,2 schließen das Mittelfeld ab. In Irland dagegen studiert man nur 3,6 Jahre, in Großbritannien nur 3,4 Jahre.
Allerdings muss man hier dann doch betonen, dass in Irland und Großbritannien dann "nur" ein Bachelor bestanden ist, alle anderen haben faktisch höhere Abschlüsse als ersten - bis die Umstellung auf Bachelor/Master europaweit vollzogen ist, was ja noch etwas dauern wird.
Teilzeitstudium?
In Deutschland gibt es an stattlichen Hochschulen praktisch keine Angebote für ein echtes Teilzeitstudium (sei es neben der Arbeit oder aus anderen Gründen - wie z.B. auch Kinderbetreuung). In der Studie ist für Deutschland folglich 0% ausgewiesen, gleiches gilt offenbar in vielen anderen europäischen Ländern. Relevante Anteile von offiziellen Teilzeit-Studierenden gibt es nur in den Niederlanden (14%), Irland (21%), Lettland (9%) und Spanien (10%). Einsamer Spitzereiter - wie am Rande schon angedeutet - ist jedoch Großbritannien mit 36%.
Trotzdem geben die offiziellen Vollzeitstudierenden in allen europäischen Ländern, für die Daten erhoben wurden, eine relevante Anzahl an Studierenden an, weniger als 20 Stunden die Woche für Studien-relevante Dinge Zeit zu haben. In Deutschland sagen das 15%, in Österreich 25%, in Spanien oder Lettland sogar 28%. Das sollte doch ein deutlicher Wink für die BildungspolitikerInnen sein ...
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