Hunderttausende Studierende mehr
Alte Studierendenprognose grob falsch

Noch sieben Jahre Massenandrang
Alles in allem soll sich das zusätzliche Plus an Studienanfängern bis zum Jahr 2020 auf 750.000 belaufen. Zum Mitschreiben: Die KMK hätte sich damit um eine Dreiviertel Million verschätzt – da war ein ziemlich fieser Fehlerteufel am Werk. Bisher war stets die Rede davon gewesen, der Andrang würde nach 2015 ein Ende haben, danach sollten die Immatrikulationszahlen wieder deutlich in den Keller gehen. Daraus wird wohl nichts: Ein Absinken auf das Niveau von 2010 ist gemäß der KMK-Vorlage frühestens für das Jahr 2021 absehbar. Und selbst bis ins Jahr 2025 hinein sollen pro Jahr noch weit über 400.000 den Sprung an die Hochschulen wagen.
Noch ist das Zahlenwerk zwar nicht offiziell abgesegnet, zunächst wird es noch beraten und voraussichtlich bei der nächsten KMK-Sitzung am 22. und 23. März beschlossen. An der Grundrichtung wird sich bis dahin aber nichts ändern, die besagt: Die Politik lag grob falsch, und das muss Folgen haben. Theresia Bauer (Grüne), Kultusministerin in Baden-Württemberg und als Amtsneuling nicht verantwortlich für den Rechenirrtum, gab in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit schon einmal die Richtung vor: "Die Länder werden das Ihre tun müssen. Aber ich erwarte, dass der Bund sich nicht aus der Verantwortung stiehlt."
Milliardenlöcher bei Hochschulfinanzierung
Gemeint ist damit natürlich mehr Geld. Denn die KMK läßt die Studierendenzahlen nicht zum Spaß ermitteln. Auf Ihrer Grundlage wird errechnet, welchen kurz- und mittelfristigen Finanzierungsbedarf die Hochschulen haben. Und weil die Vorhersagen eben so massiv danebengingen, ist auch die geltende Finanzplanung eine grobe Fehlkalkulation. Der von Bund und Ländern eingerichtete Hochschulpakt geht für die Jahre 2011 bis 2015 von knapp über 300.000 zusätzlich einzurichtenden Studienplätzen aus, wofür der Bund rund fünf Milliarden Euro bereitstellt. Allerdings hat man sich bei der Berechnung der Mittel auf die lausigen KMK-Prognosen gestützt. Das könnte folgenschwer werden: Ministerin Bauer meint, "schon jetzt ist klar", Mitte 2014 sei das Geld aufgebraucht, "und wenn sich die Anfängerzahlen weiter so rasant entwickeln, noch weitaus früher". Die Grünen-Politikerin brachte die Zahl 9,5 Milliarden Euro ins Spiel, die nach jetzigem Stand bis 2020 allein zur Finanzierung der zusätzlich erforderlichen Bachelor-Studienplätze fehlen würden. Entsprechend warnte sie: "Wir müssen jetzt handeln, sonst bekommen wir sehr bald ein sehr großes Problem."
Ähnliche Appelle kommen von der Opposition im Bund. Kai Gehring, hochschulpolitischer Sprecher der Bundestagfraktion der Grünen, verlangte am Donnerstag in einer Medienmitteilung, den "unterdimensionierten und unterfinanzierten Hochschulpakt" nicht länger zu deckeln. "Anstatt sehenden Auges die bundesweit ohnehin schon überfüllten Hochschulen zum Überlaufen zu bringen, muss Bundesbildungsministerin Schavan nachlegen und gemeinsam mit den Ländern umgehend einen weiteren Studienplatzausbau auf den Weg bringen." Sein Amtskollege Sven Schulz von der SPD-Fraktion erneuerte den Vorschlag, im Rahmen eines »Hochschulpaktes Plus« kurzfristig mindestens 50.000 Studienplätze mehr zu finanzieren. Damit sollten außerdem "für alle Interessierten ausreichend Master-Studienplätze" geschaffen und die Hochschulen mit einem "Abschluss-Bonus für gute und erfolgreiche Lehre belohnt" werden, äußerte er in einem Pressestatement.
Opfer eigener Propaganda
Apropos Master: Auch mit diesem hat sich die Politik vertan. Weil der Bachelor den wenigsten zum Berufseinstieg genügt, streben fast vier Fünftel der Studiereden nach einem höheren Abschluß. Eigentlich sollte der Bachelor aber zum »Regelabschluß« werden und der Master die Ausnahme bleiben. Diese Fehleinschätzung verschärft die Lage an den Hochschulen noch zusätzlich: Zu den massenhaften Neuankömmlingen kommen auch noch massenweise Studierende, von denen man glaubte, daß sie längst zu Ende studiert haben müßten. Das kostet viel Geld, das wiederum bei der Einrichtung neuer Studienplätze fehlt, um dem Andrang zu begegnen.
Das wirft die Frage auf: Wie konnten sich die Verantwortlichen so irren und sich allein für das Studienjahr 2011 um 100.000 Studienanfänger verschätzen. Die überraschende Aussetzung der Wehrpflicht taugt nur bedingt als Ausrede. Daß wegen der Umstellung auf das achtjährige Gymnasium (G8) doppelte Abiturjahrgänge aus Bayern und Niedersachsen an die Hochschulen streben würden, wußten die Kultusminister vor drei Jahren längst. Nur hatten sie wohl nicht damit gerechnet, daß im allgemeinen sehr viel mehr Jugendliche ihr Glück in einem Studium suchen könnten. Die Politik wurde so offenbar Opfer der eigenen Propaganda. Ihr erklärtes in jeder Sonntagsrede betontes Ziel war es schließlich, die Studierendenquote deutlich hochzuschrauben. Nur jetzt, wo ihr "Wunsch" in Erfüllung geht, steht sie mit leeren Händen da. Treffend hat dies Ministerin Bauer ausgedrückt: "Es ist schon ironisch: Da trommelt die Politik jahrelang dafür, dass endlich mehr junge Leute den Weg an die Hochschulen finden, anstatt zum Beispiel eine Ausbildung zu machen, und wenn sie es tatsächlich tun, sind alle überrascht." (rw)
- Studierendenzahlen 2011: Über 500.000 StudienanfängerInnen – so viele wie noch nie (23.11.2011) »
- Neue Rekorde im Wintersemester 2011/12: Mehr Studienplatz-Zulassungen, noch mehr Bewerbungen (11.08.2011) »
- So kommt man (doch) zu einem Studienplatz: Master trotz Mangel (30.05.2011) »
Studie zu studentischen Mitarbeitern
Ohne sie ginge gar nichts mehr an Deutschlands Hochschulen. Zigtausende studentische Hilfskräfte und Beschäftigte halten den Laden am Laufen, während die Mittel für Forschung und Wissenschaft immer knapper werden. Eine aktuelle Studie zeigt jetzt erstmals auf, unter welchen Bedingungen sie das tun. Viele arbeiten zweckentfremdet, ohne Weiterbildungseffekt und für schlechtes Geld. Höchste Zeit, dass sich das ändert – fordert die Bildungsgewerkschaft GEW.
Qualitätspakt Lehre
Die Sieger der zweiten Runde des "Qualitätspakts Lehre" stehen fest. Über hundert höhere Lehranstalten haben den Zuschlag für zusätzliche Fördermittel des Bundes in Millionenhöhe erhalten. Ein größerer Rest ist allerdings leer ausgegangen. Dort bleibt der in der Regel dürftige Status quo bestehen. Die einen finden diesen Wettbewerb "gesund", andere "verheerend".
Jura studieren?
Jahr für Jahr entscheiden sich Tausende Abiturientinnen und Abiturienten für ein Jurastudium. Manch einer lässt sich dabei von der Vorstellung leiten, dass der Beruf des Juristen hohes Ansehen genießt und ein gutes Einkommen verspricht. Viel zu wenigen ist dagegen bekannt, welche Fähigkeiten und Interessen sie idealerweise mitbringen sollten, was man im Studiengang Rechtswissenschaft eigentlich lernt und in welchen Fällen ein rechtlich ausgerichteter Bachelorstudiengang die bessere Wahl wäre.
Diese Seite verlinken »









