26.11.2010

Neuer Rekord
2,22 Millionen Studierende in Deutschland

Doppelte Abitur-Jahrgänge und andere Effekte führen dazu, dass die Studierendenzahlen weiter steigen. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes gab es 2010 insgesamt 442.607 StudienanfängerInnen, 4% mehr als im Vorjahr. Die Gesamtzahl der Studierenden ist auf 2.220.270 gestiegen, ebenfalls so viele wie noch nie.

Daniel Käsler - Fotolia.com

Der Anstieg der Studierendenzahlen dürfte noch einige Jahre anhalten, denn allein die doppelten Abiturjahrgänge weiterer Bundesländer und die geplante Aussetzung der Wehrpflicht lässt die Zahl der Studieninteressierten anschwellen
Bundesbildungsministerin Schavan führt den "großartigen" Erfolg auf den Hochschulpakt 2020 und die BAföG-Reform zuück. Beides durchaus gewagte Behauptungen. Denn die BAföG-Reform wurde vom Bundesrat erst Mitte Oktober beschlossen und vorher immer ausgebremst (noch Mitte September war es unsicher, ob das Gesetz beschlossen würde) - davon dürfte niemand die Entscheidung für das Studium abhängig gemacht haben. Und in Sachen Hochschulpakt gab es ebenfalls genügend negative Meldungen bezüglich der Bundesländer, die ihre Zusagen doch nicht so ganz einhalten wollen und immer neue Sparrunden verkünden (vgl. auch den Artikel Finanzierungsproblem? Bis zu einer Million Studienplätze zu wenig).

So ist kein Wunder, wenn bspw. der Sprecher für Hochschulpolitik der Grünen Bundestagsfraktion Schavan zur Ministerin "Chancentod" erklärt. "Ministerin Schavan hat monatelang am Kabinettstisch verschlafen, dass 150.000 junge Männer zusätzliche Ausbildungs- und Studienplätze brauchen, wenn 2011 die Wehrpflicht fällt. Schavan muss aufwachen und mit den Ländern beherzt gegen den eklatanten Studienplatzmangel vorgehen." heißt es in einer Pressemitteilung. Ähnlich äußerten sich auch PolitikerInnen von SPD und LINKEN.

Auch von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) kommt der Appell an die Politik, mehr Gelder für den Ausbau der Hochschulen bereit zu stellen. Mit dem nun erreichten Wert an StudienanfängerInnen hätten die Hochschulen die Vorgaben des Hochschulpakts I bei weitem übertroffen, erläuterte die HRK-Präsidentin Wintermantel. Von 2007 bis 2010 sollten 91.000 zusätzliche Studienanfänger erzielt werden, jetzt sind es aber mit 156.000 über 65.000 Studienanfänger mehr; so jedenfalls die vorläufigen Zahlen. "Mit Blick auf den Hochschulpakt II zeigen die aktuellen Zahlen, dass die Ansätze für die Zeit von 2011 bis 2015 zu niedrig sind", sagte die HRK-Präsidentin. Die Berechnungen der Länder von 2008, die Grundlage für den Hochschulpakt II gewesen seien, lägen bereits jetzt 53.000 Studienanfänger unter der aktuellen Zahl.

Insofern ist der Anstieg der Studierendenzahlen eher ein Zeichen dafür, dass immer mehr junge Menschen meinen, ohne Studium könne es nicht gehen und sich trotz vielfältiger Probleme ins Studium stürzen. Im Vergleich zu anderen Industrieländern ist die Studierquote sowieso noch steigerungsfähig und wäre bei einem wirklich verlässlichen BAföG und einem echten Ausbau der Hochschulen sicher schneller erreichbar. So ist es eher ein Anstieg trotz des mehr oder weniger deutlichen Versagens der Politik von Bund und Ländern und nicht ein Verdienst derselben.

Im Westen immer mehr, im Osten weniger

Die Bundesländer im Osten verlieren entgegen dem Gesamttrend teilweise deutlich an StudienanfängerInnen. Die Versuche, mehr Studierende in den Osten zu locken, scheinen also nach wie vor nicht auszureichen. Dabei wäre es eigentlich einfacher (und auch billiger), die Hochschulen im Osten auszulasten, als im Westen anzubauen oder zu "stopfen". Wer flexibel ist und noch die Wahl hat, sollte sich durchaus überlegen, auch Hochschulen in Ostdeutschland in Betracht zu ziehen. Die Detailwerte sind der folgenden Tabelle zu entnehmen, sortiert von negativer zu positiver Veränderung der Zahl der StudienanfängerInnen.

Die erneut starke Steigerung im Saarland dürfte übrigens auf den doppelten Abiturjahrgang im letzten Jahr zurückgehen, der (z.B. durch Wehr/Zivildienst) sich auch dieses Jahr noch auswirkt. In Hamburg hatte der doppelte Abiturjahrgang in diesem Jahr dagegen kaum eine Wirkung - oder muss als Anzeichen für harte Aufnahmekriterien an den Hochschulen Hamburgs genommen werden.

Nächstes Jahr sind übrigens zwei große Bundesländer mit doppelten Abiturjahrgängen dran: Bayern und Niedersachsen. Und gleichzeitig soll ja wahrscheinlich die Wehrpflicht ausgesetzt werden. Wenn also die Hochschulen nicht komplett durch NCs dichtmachen, müssten die Studierendenzahlen nächstes Jahr noch deutlicher als dieses steigen.

BundeslandVeränderung in%
(Studienanf.)
Sachsen-9,0%
Mecklenburg-Vorpommern-8,6%
Brandenburg-5,3%
Sachsen-Anhalt-3,8%
Thüringen+0,8%
Baden-Württemberg+1,4%
Schleswig-Holstein+2,0%
Hamburg+2,1%
Hessen+2,5%
Niedersachsen+6,0%
Bremen+6,3%
Rheinland-Pfalz+6,6%
Nordrhein-Westfalen+7,8%
Berlin+8,0%
Bayern+9,0%
Saarland+12,5%

Die wichtigsten Zahlen der letzten 15 Jahre

Studienjahr Studierende AnfängerInnen Quote1
1995 1.857.906 262.407 26,8%
1996 1.838.099 267.469 28,1%
1997 1.824.107 267.445 28,5%
1998 1.801.233 272.473 29,2%
1999 1.773.956 291.447 31,3%
2000 1.799.338 314.956 33,5%
2001 1.868.666 344.830 36,1%
2002 1.939.233 358.946 37,1%
2003 2.019.831 377.504 38,9%
2004 1.963.598 358.870 37,1%
2005 1.986.106 356.076 37,0%
2006 1.979.445 344.967 35,7%
2007 1.941.763 361.459 37,1%
2008 2.025.742 396.800 40,3%
2009 2.121.190 424.273 43,0%
20102 2.220.270 441.779 46,0%

Hinweise/Fußnoten
Quelle: Schnellmeldungsergebnisse der Hochschulstatistik - vorl. Ergebnisse - Wintersemester 2010/2011 (PDF- oder Excel-Datei des Statistischen Bundesamtes)
1 StudienanfängerInnequote - gemeint ist der Anteil der StudienanfängerInnen an der gleichaltrigen Bevölkerung (die Abgrenzung ist hier aber nicht gerade einfach, auch in Anbetracht von doppelten Abitur-Jahrgängen)
2 Vorläufige Ergebnisse


Quellen und mehr zum Thema


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