Studierende
Überarbeitet und gestresst – oder unterfordert und faul?

Faul - oder überarbeitet und gestresst?
Werfen wir zunächst einen Blick in die 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes (DSW), sozusagen der "Lobbyorganisation" für die sozialen Interessen der Studierenden. In dieser Untersuchung werden die Belastung der Studierenden betont:
- "Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang vor allem die Ergebnisse der Zeitbudgetanalyse. Ein nicht unerheblicher Teil der Studierenden […] betreibt de facto ein Teilzeitstudium, wobei dies nur bei acht Prozent durch extensive Erwerbstätigkeit bedingt ist. Während 29 % der Studierenden für Studium und Job zusammen maximal 35 Stunden pro Woche aufwenden, steigt bei 31 % der Studierenden das für Studium und Erwerbstätigkeit aufgebrachte Zeitvolumen auf mehr als 50 Stunden in der Woche an […]. Solche Befunde verweisen darauf, wie unterschiedlich die zeitlichen Strukturen des Studiums sind. Darüber hinaus wird deutlich, dass es bei einem Teil der Studierenden große Disparitäten zwischen dem planmäßigen Zeitrhythmus des Studiums (als Vollzeitstudium) und dem tatsächlichen Studienverhalten gibt. […]
Der zeitliche Studienaufwand von Bachelorstudierenden liegt zwar leicht über dem der vergleichbaren Vorläuferstudiengänge (Diplom). Die Befürchtung eines durchregulierten Studienalltags an der Hochschule mit sehr engen Zeitmustern wird aber generell nicht bestätigt. Der Querschnittsvergleich […] belegt zwar eine zeitliche Mehrbelastung von drei Stunden pro Woche im Bachelorstudium; dies ist jedoch teilweise darauf zurückzuführen, dass die Vergleichsgruppe im Diplomstudium überwiegend in höheren Semestern studiert, wo die zeitliche Belastung durch das Studium tendenziell etwas geringer ist. Bei einem Vergleich von Jahrgangskohorten sind die Unterschiede deutlich geringer."1

Zum anderen scheinen sich die Probleme der Studierendengesamtheit mit dem Bachelor weniger aus quantitativen denn als qualitativen Quellen zu speisen: Probleme sind offensichtlich weniger die hohen zeitlichen, als vielmehr die hohen inhaltlichen, also psychischen Belastungen.
BMBF gibt Studie zur Situation der Studierenden in Bachelor- und Masterstudiengängen in Auftrag
Als wenn das Bundesbildungsministerium geahnt hätte, dass die "Reform der Bologna-Reform" (siehe z.B. FAZ: Weitere Korrekturen bei Bologna-Reform / 10.12.2009) auf die Tagesordnung kommen würde, finanziert es seit Anfang 2009 eine Studie. Eine Forschergruppe ist dabei, sich die Situation der Studierenden in Bachelor- und Masterstudiengängen genauer anzuschauen und Veränderungsvorschläge zu machen.
Das Projekt heißt "ZEITLast. Lehrzeit und Lernzeit: Studierbarkeit der BA-/BSc- und MA-/MSc-Studiengänge als Adaption von Lehrorganisation und Zeitmanagement unter Berücksichtigung von Fächerkultur und Neuen Technologien" und wird seit 1. April 2009 durchgeführt, planmäßiges Ende soll der 31. März 2012 sein.
Erste Ergebnisse der Untersuchungen liegen nun vor und wurden im SPIEGEL reißerisch aufgemacht. "Studenten klagen über steigenden Leistungsdruck - nun aber enthüllt eine neue Studie, wie wenig die meisten in Wahrheit für ihr Studium tun", ist dort zu lesen. Und: "Ein sattes Viertel der Vielgeplagten mogelt sich mit 20 Stunden und weniger durch die Semester. Das ergab eine Stichprobe an vier deutschen Hochschulen, geleitet von dem Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister. In sechs verschiedenen Bachelor-Studiengängen wurde dafür jeweils ein Studentenjahrgang gründlich überprüft - von den Erziehungswissenschaftlern an der Uni Mainz bis hin zu den Mechatronikern an der TU Ilmenau."
Und genau in diese Richtung geht aktuell offensichtlich die Medienrezeption: Studierende seien doch eher faul denn überlastet, ruft man uns zu (einiges ist am Ende dieses Artikels verlinkt). Was also genau sind die bisherigen Ergebnisse?
Faule Studierende?
Sind Studierende etwa wirklich faul? Die Antwort ist nein. So verallgemeinerbar sind die Studienergebnisse nicht. Ganz im Gegenteil: Aussagekräftig sind sie einzig in Bezug auf etwa einhundert Studierende im Land. Ausgewertet wurden bisher nämlich einzig die Ergebnisse vom Wintersemester 2009/2010 aus sechs Studiengängen an vier Hochschulen (vgl. Tabelle unten2).

Für genau diese Kohorte gelangt die Studie dann zu folgendem Ergebnis:
- "Überraschend war, was die Zeitbudget-Analysen im vergangenen Wintersemester in allen sechs untersuchten Studiengängen offenbarten: Die Studierenden investieren nicht so viel Zeit in ihr Studium wie angenommen – und wie von den Bologna-Vorgaben gefordert. Die durch Bologna vorgegebene Workload von 160 Stunden im Monat […] wurde deutlich unterschritten. Der Grund hierfür ist nicht – wie man vielleicht zunächst vermuten könnte – in einer übermäßigen Erwerbstätigkeit der Studierenden zu sehen: Der Zeitaufwand, der in der gesamten Stichprobe durchschnittlich für das Jobben pro der Woche aufgewendet wurde, liegt bei 6,4 Stunden, in Hamburg bei 8 Stunden. […] Mit den erhobenen Daten kann die Ausgangshypothese, dass die Belastung der Studierenden sehr hoch sei, nicht belegt werden."2
- Ist diese Aussage, wenn überhaupt, nur für die untersuchten Studiengänge und je spezifischen Jahrgänge derselben gültig.
- Stellt genau das auch bereits in zweifacher Hinsicht ein Problem dar: Wählt man bspw. Studiengänge aus, die eher von Kindern aus gehobenen gesellschaftlichen Schichten studiert werden und es nicht nötig haben, nebenher zu arbeiten, ergibt sich folgelogisch das Bild, dass in diesen wenig nebenher gearbeitet wird. Wählt man zudem bspw. "junge" Jahrgänge der jeweiligen Studiengänge oder nur solche an Universitäten, nicht aber Fachhochschulen aus, müssen die Ergebnisse aus anderem Grunde einseitig ausfallen denn: "Der Zeitaufwand für Erwerbstätigkeit steigt mit dem Studienverlauf relativ kontinuierlich an. Studierende an Fachhochschulen sind zeitintensiver erwerbstätig als diejenigen an Universitäten"3 (vgl. folgendes Bild).
- Zudem ist festzuhalten, dass in einzelnen Veröffentlichungen der Studienurheber dieselben einen (vermeintlichen) Widerspruch zwischen subjektiv wahrgenommener Belastung der Studierenden und vermeintlich objektiver Wirklichkeit konstruieren, den sie dann zugunsten der "Wirklichkeit" und wider die "Subjektivität" aufzulösen suchen. Aufhorchen lassen diesbezüglich bspw. Sätze wie: "Der durch zusätzliche Befragungen erhobene Grad der subjektiven Belastung korreliert in keiner Weise mit der Höhe der von den Studierenden investierten Lernzeit. In der Konfrontation mit den eigenen Daten, zeigen die Studierenden sich völlig überrascht über ihr geringes Engagement im Studium. Subjektive und objektive Belastung brechen völlig auseinander."4
Diese Art, dem subjektiven Stress der einzelnen die vermeintliche Wahrheit des objektiv Messbaren entgegenzusetzen, ist sicher einer der Gründe dafür, dass die Medien so reißerisch berichten, wie sie es tun. Tatsächlich ist der attestierte Widerspruch jedoch gar keiner: schlechte Betreuungsrelationen, immense Arbeitsverdichtung, viele Aufgaben gleichzeitig, die Angst, zu versagen und ob schlechter Studienleistungen dann womöglich sozial abzurutschen – all das führt zu psychosozialen Belastungen auf Seite der Studierenden, die durch die Methode der Studie, alle 15 Minuten aufzuschreiben, was man gerade getan hat, überhaupt nicht erfassbar sind. Das heißt jedoch eben nicht, dass Studierende wenig belastet wären. Und noch weniger, dass man sie mit ihrem vermeintlichen Wenigtun "konfrontieren" müsste. Es bedeutet sogar ganz im Gegenteil eines recht offensichtlich: Dass die Lehr- und Lernsituation von den Probanden so wahrgenommen wird, dass diese selbst ein "Wenig" an messbarem Zeitaufwand bereits als immense Belastung empfinden.
Interessant werden dann die Schlüsse, die die Studienurheber aus ihrer Analyse ziehen.
Festgestellt wird nämlich auch, dass bei den untersuchten Studiengängen:
- die Relation Präsenzstudium zu Selbststudium nicht korrekt berechnet wurde,
- die Lernleistung (im Mittel!) weniger als 2/3 der von Bologna angestrebten Zielgröße ausmacht, bei mehr als der Hälfte der Studieren nur 25% bis 50% des Bologna-Satzes,
- das Selbststudium deutlich zu gering ausfällt und
- Lernen in nennswertem Umfang nur im Monat vor den Prüfungen stattfindet.4
Schwierig, wenn auch erst auf den zweiten Blick, wird es, wenn aus diesem und den anderen Ergebnissen dann die folgende Konsequenz abgeleitet wird:
- "Zudem sollen semesterbegleitende Prüfungen bzw. Studienleistungen, die zeitnah zu den behandelten Themen erfolgen, die vielerorts übliche Häufung von Prüfungen innerhalb eines kurzen Zeitraums entzerren und die zeitliche Belastung mindern. Außerdem soll die Untersuchung des Zeitmanagements und der Zeitbelastung zu mehr Leistungsgerechtigkeit bei der Vergabe von Leistungspunkten beitragen."6
Auch wenn als Ziel des Projektes immer wieder proklamiert wird, Studierenden "Zeitsouveränität" und "Freiheitsgrade" zurückzugeben, steht all das doch unter der Prämisse, dies mittels Flexibilisierung, mehr Kontrolle sowie E-Learning zu realisieren (wobei E-Learning durchaus Synonym für mehr Kontrolle zu sein vermag):
- "Zu den von uns geplanten didaktischen und lehrorganisatorische Interventionen gehören die Einführung von Blockunterricht, Flexibilisierungen durch den Einsatz von eLearning bzw. Web 2.0-Anwendungen sowie die Verteilung der Lehr- und Prüfungsanforderungen über den gesamten Zeitraum des Semesters"7
Frau Prof. Ingrid Lohmann von der Universität Hamburg hat diesbezüglich sehr pointiert darauf hingewiesen, dass der Dreiklang aus zuerst der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, dann der Einführung von Studiengebühren und schließlich jener von E-Learning sukzessive zu einer marktförmigen Erschließung der Hochschulbildung führen kann und wohl auch soll (vgl. unter anderem: Lohmann: Neue Medien und der globale Bildungsmark).
Als düstere Utopie zeichnet sie eine Welt, in der Studierende schließlich generell für die Ware "Studienmodul" Geld bezahlen müssen, hierfür E-Learning-Einheiten erwerben und schließlich elektronisch Prüfungen ablegen, die wiederum zu bezahlen sind.
Kontrolle vs. Freiheit
Schwierig ist zudem die von den Forschern immer wieder bemühte Vorstellung so genannter "Leistungsgerechtigkeit". Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass es ungerecht wäre, wenn einige Studierende nur 20, andere hingegen 50 Stunden in der Woche für ihr Studium aufbrächten. Gerecht wäre demgegenüber, so die These, sicherzustellen und kontrollieren zu können, dass jeder einzelne Studierende auch nachweislich 40 Stunden die Woche – egal, ob daheim oder an der Hochschule – lernt.
Das klingt dann gar nicht mehr nach höheren "Freiheitsgraden" oder mehr "Zeitsouveränität". Es klingt explizit nach einem Verständnis von Studium, das ausschließlich vom Zeitaufwand her definiert wird, und daher Studierenden nicht mehr freistellen will, einmal mehr und einmal weniger Aufwand zu betreiben, bspw. also mal ein Semester nur zu arbeiten und nebenher dennoch halbherzig zwei Scheine in Vorlesungen zu machen. Auch klingt es, denn das kommt damit einher, nach dem Ende der "sozialen Frage" was die Leistungsfähigkeit der Studierenden angeht. Denn wo man alle über einen Kamm schert, ist womöglich für den einzelnen oder die einzelne in besonderen Lebenslagen alsdann gar keine "Freiheit" und "Souveränität" mehr vorhanden, selbstbestimmt zu studieren und Stress zu kompensieren, insbesondere aber eben auch den selbst nicht zu beeinflussenden Erfordernissen des Arbeitsmarktes so zu entsprechen, dass das Studium auch finanzierbar bleibt.
DSW: Stressempfinden und soziale Unterschiede müssen ernst genommen und berücksichtigt werden
Auch Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks (DSW), ist der neuen Studie gegenüber skeptisch:
- "Ob eine Stichprobe mit 121 Probanden in sechs Bachelor-Studiengängen an nur vier Universitäten wirklich ein verlässliches, für alle Studierenden repräsentatives Bild der Zeitbelastung ergibt, wage ich nicht abschließend zu bewerten.
Zum Vergleich: Für unsere 19. Sozialerhebung wurden mehr als 16.000 Studierende an 210 Hochschulen befragt. Ja, wir befragen bei der Sozialerhebung die Studierenden danach, wie sie die zeitliche Belastung durch Studium und Nebenjob subjektiv einschätzen. Wir sind uns also bewusst, dass wir die Studierenden nach ihrem Selbstbild fragen – und kein Stundenbuch führen. Genau dieses Selbstbild, diese Selbsteinschätzung, das die Sozialerhebung – und ganz ähnlich auch der Studierendensurvey der Bundesregierung – ermittelt hat, gilt es ernst zu nehmen: Bachelor-Studierende haben objektiv Stress, sie fühlen sich gestresst, und sie machen sich selbst auch Stress.
Beispielsweise sagen 19 Prozent der Bachelor-Studierenden, die zeitliche Belastung im Studium sei zu hoch. Das ist immerhin ein Fünftel, das so empfindet – die anderen vier Fünftel haben eine andere Einschätzung. Noch ein Beispiel: Bachelor-Studierende an Fachhochschulen jobben im Durchschnitt 15 Stunden in der Woche. Wenn man bedenkt, dass an den FHs überproportional viele junge Menschen aus einkommensschwächeren, bildungsfernen Familien studieren, wird einem klar, dass gerade für diese Gruppe der Zeitdruck und die Zeitbelastung im Studium hoch ist - aber das muss längst nicht für alle Bachelor-Studierenden gelten. Ich weiß aber nicht, wie ein FH-Bachelor, der als erster in seiner Familie studiert und sich sein Studium über den Nebenjob verdient, darauf reagieren würde, wenn man ihm sagt, dass 121 andere Bachelor-Studierende an vier Unis ‚nur‘ 26 Stunden die Woche für ihr Studium aufwenden würden…"
Artikel zum Thema
- SPIEGEL: Erschöpft vom Bummeln (SPIEGEL 38/2010) »
- Interview mit dem Dekan der Erziehungswissenschaften in Mainz, Prof. Dr. Stefan Aufenanger, zu den Ergebnissen der Studie (MP3) »
- Campus&Karriere Deutschlandfunk vom 20.09.2010 zur Studie (MP3) »
- Sind Studenten einfach faul? (studi.KURIER.at) »
Fußnoten
1 http://www.sozialerhebung.de/pdfs/Soz19_Kurzfassung.pdf, S. 24.
2 http://www.uni-kassel.de/incher/gfhf/workload/metzger.pdf, S. 3
3 http://www.sozialerhebung.de/pdfs/Soz19_Kurzfassung.pdf, S. 25
4 http://www.lehre.uni-oldenburg.de/download/ZEITLast_kurzbericht.pdf, S. 3
5 In der Sprache der Studienurheber klingt das dann so:
- "Das Selbststudium wird von den Studierenden nicht wahrgenommen. Das liegt einerseits an den bereits erwähnten ungenutzten Zeitlücken und der zahlenmäßig hohen Themenwechsel, es liegt aber andererseits auch daran, dass für das Selbststudium zwar Leistungspunkte vergeben werden aber eine Kontrolle des Selbststudiums auf die summativen Prüfungen beschränkt bleibt. Dies führt zu Bulimie-Lernen. Wenn die Hochschulen Gratifikationen (Boni in der Sprache der Finanzwelt) für eine eigentlich ohnehin fällige Leistung verteilen, dann sollten sie sich auch für diese Leistung verantwortlich fühlen. Das tun sie aber nicht, das Selbststudium ist nicht in den Unterricht integriert, es werden selten Rückmeldungen zu Aufgaben im Selbststudium erteilt. Es ist ein grundsätzlicher Einwand gegen das System der Leistungspunkte angebracht: Leistungspunkte fokussieren die Aufmerksamkeit weg von den sozialen Normen (Selbstverpflichtung und Selbstverwirklichung) auf die Norm des Marktes (Ariely 2008). Der Tauschwert der Leistungspunkte insinuiert ein Geschäftsmodell, dessen Ziel der Gewinn durch minimalen Einsatz ist."
(http://www.lehre.uni-oldenburg.de/download/ZEITLast_kurzbericht.pdf, S. 3).
Leider beinhaltet dieser Passus jedoch auch die implizite Aufforderung der Studienurheber, Studierende quasi als Konsequenz aus dem offenbar gewordenen Problem doch zukünftig besser kontinuierlich und nicht erst am Semesterende zu benoten und überwachen, "kontrollieren" also, um es ihnen nicht mehr möglich zu machen, mit wenig Aufwand dennoch Punkte bzw. Scheine zu erwerben. Das wäre ja "leistungsungerecht". Und Ziel müsse ja immer "Leistungsgerechtigkeit" sein.
Denkt man den eigentlichen Gedanken aber zu Ende, gelangt man zu einem anderen Ergebnis als dem, mehr Kontrolle und/oder ein anderes Verhalten der Studierenden seien notwendig. Zu Ende gedacht müsste die Kritik eigentlich lauten: Studierende werden aufgrund einer falschen Umwelt, eines falschen Leistungssystems genötigt, sich so und so zu verhalten; ihr Verhalten, vor allem auf Prüfungen hin zu lernen, ist rein "rational", den Umständen geschuldet und diesen auch angemessen. Trifft das aber zu, ist es geradezu vermessen, nun die Studierenden und ihr Verhalten zu kritisieren oder aber auch, schlicht die Prüfungen anders organisieren, vielleicht auch das Leistungspunktesystem einfach reformieren zu wollen. Notwendig wäre stattdessen: Eine grundsätzliche Infragestellung dieses offensichtlich falschen und mit fatalen Fehlanreizen verbundenen Systems ansich nebst damit einhergehender zu vieler Prüfungen.
6 http://www.zhw.uni-hamburg.de/zhw/?page_id=419
7 http://www.lehre.uni-oldenburg.de/download/ZEITLast_kurzbericht.pdf, S. 4
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1. Maria Perlmann kommentierte am 08.10.2010 um 13:44:05 Uhr
Das Unmögliche quantitativ bewerten
Es wäre schön, wenn mal Fahrtzeiten oder auch die freien Stunden zwischendurch miteingerechnet werden könnten.
Wenn vom Studenten verlangt wird, zu lernen, sich selbstständig in Themen einzuarbeiten, dann muss dies auch zeitlich berücksichtigt werden, insbesondere, weil dabei oft einiges schiefgeht und es dann länger dauert.
Schön wäre auch, wenn man Anmeldeverfahren, das Warten zur Sprechstunde des Profs, Gänge zu Bafög- oder Sozialamt, Bibliotheksrecherchen, die ja noch nicht das eigentliche "Lernen" sind, Referatstreffen und sonstige organisatorische "Nebensächlichkeiten" mal miteinrechnen würde.
Studium heißt eben in den meisten Fällen nicht, dass man morgens ins Büro fährt und diese Räumlichkeiten vor Feierabend nicht mehr verlässt. Es gibt Studenten, die haben jeden morgen deutlich mehr als 60min Fahrtzeit in mehreren öffentlichen Verkehrsmitteln hinter sich. Pünktlich bei Haltestelle X sein, und von dort mit dem Bus zum Bahnhof Y fahren, mit der Bahn dann nach Z fahren und in Z in den Stadtbus zur Uni umsteigen. Wer glaubt, dass das kein Stress sei, mache das mal 1 Woche lang für Hin- und Rückfahrt.
Russisches Sprichwort:
"Der Dorfteich ist im Durchschnitt nur 1 Meter tief, und trotzdem ist die Kuh darin ertrunken."
2. HansWuert0815 kommentierte am 09.10.2010 um 00:45:53 Uhr
Das ist mal gar nicht aussagefähig
Die sollten mal etwas mehr Studiengänge reinbringen die als "schwer" bekannt sind. Da würde das evtl etwas anders aussehen. Desweiteren sind die Fragen nicht bekannt, den wenn ich Fragen richtig stelle bekomme ich auch die Antwort die wich will.
Dann sind 100 Studierende gar nichts.
Schon mal dran gedacht das ich mich auch mit dem Sache beschäftige wenn ich nicht lerne, selbst im Schlaf. Oder wenn ich aufs Klo gehen und habe ein Problem zu lösen dann denke ich darüber nach, auch wenn ich eigentlich keine wirkliche Arbeit verrichte.
in der Klausurzeit wird das aber bestimmt auch ganz arg zunehmen, ich kenne das Wort Semesterferien nicht, hey ich habe nun bald 6Tage frei dann beginnt wieder die das neue Semester.
Wer dann nebenbei noch Arbeitet, Sport macht, sich an Uni-Gruppen und Fachschaften einbringst. Nicht jeder bekommt das Geld von Daheim um sich voll und ganz auf Studium zu konzentrieren.
PS.
Glaube keiner Statistik die du nicht selber gefälscht hast.
3. Knut J kommentierte am 09.10.2010 um 13:47:26 Uhr
Überregulierung wird gar nicht erkannt
"Die Befürchtung eines durchregulierten Studienalltags an der Hochschule mit sehr engen Zeitmustern wird aber generell nicht bestätigt." Sie wurde aber nach allem was hier über die Studie zu lesen ist nicht überprüft. Überregulierung ist nicht nur durch hohen Zeitaufwand gekennzeichnet, sondern auch durch extreme Durchregulierung, wann welcher Aufwand zu leisten ist. In einem alten Magisterstudium(das auch seine Schwächen hatte), war die Einteilung der Seminare über die einzelnen Semester und teilweise bei entspechendem Angebot auch im Semester über die Woche hinweg, eine Frage der Selbstorganisation der Studentin. Das hat sich doch offensichtlich mit dem Bachelor gewandelt zu einem Modell, das einem schulischen, auf kindlichen Mangel an selbstorganisationsfähigkeit ausgelegtem, Stundenplan ähnelt. Ein solcher Stundenplan erschwert die Koordination von Studium und Nebenjob immens, vor allem, wenn der Nebenjob so umfangreich sein muss, dass davon der komplette Lebensunterhalt gedeckt wird. In diesem Bereich, dem der Schablonierung des Studierendenalltags, ist Überregulierung nicht durch reine Leistungszeiten zu messen, sie macht sich auch darin bemerkbar, dass Studierwillige, die nebenbei arbeiten müssten weniger Chancen haben ein Studium sinnvoll aufzunehmen und daher gar nicht mehr in irgendwelchen Studien auftauchen.
4. Exstudentin kommentierte am 09.10.2010 um 14:59:04 Uhr
Unberücks. Zeiten + Lernen ungleich Aktensortieren
Wenn man von einem typischen Büromitarbeiter alle Kaffeepausen, heimliches Internetsurfen, Klatsch mit den Kollegen und Phasen allgemein geringer Produktivität abzieht, kommt der auch nicht auf 8 Stunden.
Wenn man bei einem Studenten dagegen bedenkt, dass die "ungenutzten Lücken" zwischen den Vorlesungen recht häufig für die Fahrt von Vorlesungssaal A nach Seminarraum in Stadtteil B genutzt werden müssen, kommt man wohl selbst in den untersuchten Studiengängen nicht auf weniger als 30 Stunden allein fürs Studium. Was noch alles zur Studententätigkeit zählt, ist ja von Maria Perlmann schon trefflich kommentiert worden. Mit Ausnahme der Fahrzeit morgens und abends - die zählt auch bei Arbeitnehmern schließlich nicht zur Arbeitszeit, WOHL ABER die Fahrzeit zwischen den einzelnen Vorlesungen.
Oder was soll man z.B. tun, wenn zwischen 2 Vorlesungen eine halbe Stunde Zeit ist? Da lohnt es sich doch gar nicht, mit dem Lernen anzufangen, genauso wenig kann man dies aber groß für Freizeitaktivitäten nutzen. Es ist einfach nur verlorene Zeit, die subjektiv fürs Studium draufgeht, von den "objektiv" untersuchenden Wissenschaftlern aber natürlich nicht als Arbeitszeit gerechnet wird!
Andererseits ist "Lernen" bzw. "konzentriert zuhören" auch eine ganz andere und viel anstrengendere Tätigkeit als die typischen Werktätigkeiten, selbst in Akademikerberufen. Hat schon mal jemand versucht, 8 Stunden am Tag konzentriert zuzuhören oder gar zu lernen? Das ist schier unmöglich (extreme Druck- und Stresssituationen vor Prüfungen mal außen vor gelassen)
5. flopsi kommentierte am 16.10.2010 um 15:24:56 Uhr
meine zustimmung
ihr habt vollkommen recht.ich finds absolut unverschämt,uns studenten als faul darzustellen,wenn bei der umfrage nicht mal nach den organisationszeiten (zb stundenplan erstellen,wartezeiten in der uni usw)gefragt wurde.studium heißt eben auch selbstorganisation und nicht NUR präsenz in den kursen und lernen zuhause. wenn man diese ganzen orga-sachen mitgezählt hätte,wär da ein anderes ergebnis bei rausgekommen.wenn man von 20sws präsenz ausgeht plus genauso viel lernzeit,kommt man mit 40std/woche niemals hin.würd eher mit 50 std rechnen...
6. ubik kommentierte am 16.10.2010 um 17:34:41 Uhr
Schöne neue (Bürokratie-)Welt
Hallo,
dass Studenten so wenig lernen liegt nicht daran, dass sie faul oder überfordert mit dem Stoff sind. Meistens - zumindest dort wo ich studiere - ist es so, dass die ganze Organisation fast mehr Zeitaufwand ist, als das Lernen selbst.
Nachdem man sich für alle Prüfungen angemeldet, ist schon ein Batzen Zeit verloren, die man besser hätte für den Stoff aufbringen können.
Auch die Hin- und Zurückfahrerei kostet Unmengen an Zeit. Hinzu kommen selbstverständlich noch Haushalt und andere Dinge.
Das hört sich jetzt nach jede Menge Jammerei an. Aber ich wollte damit nur ausdrücken, dass es gar nicht so sehr am Lehrmaterial liegt, sondern an den ganzen Dingen drumherum.
7. Phillip R. kommentierte am 31.10.2010 um 09:41:04 Uhr
Zeitlicher Aufwand...
Mit Studium und teilweise (Neben-) Jobs liegt ein großer Teil der Studenten zeitmäßig im Feld eines angestellten Arbeitnehmers. Nur, dass dieser eines angemessenen Studenlohn erhält um sein Leben zu finanzieren. Ein Student muss sich hierbei motivieren, den Blick in die Zukunft richten und hoffen, dass man einestages - sofern mal alle Hürden des Studiums gemeistert sind - das entsprechende "Mehrgeld" verdient wird. --> Wieder ein Beispiel für den Druck, den das Studium erzeugt.
Das punktuale Lernen vor Prüfungen ist vielleicht nicht unbedingt das Beste - aber schon immer praktiziert! Ich würde eher meinen, dass es bereits durch diverse Teilprüfungen und Hausarbeiten abgeschwächt wurde.
Ein Tag in der Uni mag zwar effektiv nicht immer viele Veranstaltungsstunden aufweisen. Aber Freistunden und Pausen zwischen den Freistunden können weder als Freizeit, noch als wirklich nutzbare Lernzeit gemessen werden.
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