Akademisierung bei den Erzieherinnen schreitet voran

Erziehung und Bildung im Kindesalter

Seit 2004 die Alice-Salomon-Fachhochschule als erste deutsche Hochschule mit »Erziehung und Bildung im Kindesalter« einen grundständigen Studiengang für Erzieherinnen anbot, ist die Diskussion über die Zukunft der Erzieherinnenausbildung in der Bundesrepublik nicht mehr abgerissen. Fast 30 Studiengänge für Frühpädagogik werden inzwischen an Hochschulen sowie kirchlichen und nichtkirchlichen Fachhochschulen angeboten.

Von Tessa C. Hermann, Dipl.-Sozialpädagogin


Dieser Artikel erschien zuerst in Erziehung und Wissenschaft (Heft 09/2007), der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Wir danken der Redaktion und der Autorin für die Genehmigung, den Artikel auch bei Studis Online publizieren zu dürfen.
Seitdem das sehr kritische OECD-Gutachten »Starting Strong« von Peter Moss, Pädagogikprofessor an der Universität London, über die deutsche Ausbildung von Erzieherinnen im November 2004 veröffentlicht worden ist, hat sich viel getan. Gab es damals fast nirgendwo Lehrstühle für frühkindliche Pädagogik, hat die Akademisierung des Berufs der Erzieherin endlich auch in der Bundesrepublik begonnen.

Von den 28 Studiengängen sind die meisten Präsenzstudiengänge in Vollzeit, die mit einem Bachelor of Arts abschließen. Die Studieninhalte sind modularisiert und werden mit Credit Points (»Anrechnungspunkte«) nach dem European Credit Point System (ECPS) bewertet, so dass sie auch im europäischen Ausland gültig sind. Das Studium dauert zwischen sechs und acht Semestern. Dabei sind viele Studiengänge de facto nur auf zwei Jahre angelegt, weil die ersten beiden Semester der Fachschule angerechnet werden.

Bislang gibt es elf Studiengänge (z.B. FH München und FH Dresden), die auch als berufsbegleitender Studiengang in Teilzeit oder mit Fernstudienanteilen konzipiert sind wie der Fernstudiengang »Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit« der FH Koblenz in Remagen. Die Zugangsvoraussetzungen verlangen häufig berufliche Vorkenntnissen, d.h. ein Abschluss als Erzieherin mit staatlicher Anerkennung muss mitgebracht werden, außerdem die allgemeine, fachgebundene oder Fachhochschulreife.

An der Tafel
(Bild © Monika Adamczyk - Fotolia.com)
Daneben wird aber auch Abitur oder Fachabi, lediglich kombiniert mit einem Vorpraktikum in einer Kita bei Bewerberinnen und Bewerbern akzeptiert. Erzieherinnen ohne Fachhochschulreife müssen hochschulinterne Zugangsprüfungen bestehen. Am Elisabethenstift in Darmstadt etwa hat man die Fachschulausbildung kurzerhand um ein Studienangebot ergänzt. In diesem Verbundstudiengang kann der Bachelor-Abschluss damit direkt im Anschluss an die »klassische Erzieherausbildung« mit staatlicher Anerkennung erworben werden.

Inhaltlich gibt es bei den angebotenen Studiengängen bundesweit Übereinstimmung über grundlegende Studienziele, Arbeitsfelder und den Erwerb von Kompetenzen für Bildung und Erziehung von Kindern im Alter bis zu zwölf bzw. 14 Jahren.

Nicht nur klassisch

Typische Studieninhalte sind zum einen der Erwerb von Kompetenzen für Leitungsaufgaben, zum anderen Didaktik und Methodik sowie wissenschaftliche Arbeitsweisen, ferner Bildungsthemen und -bereiche. Auch Hirnforschung, Pädagogik und Lernpsychologie sind wichtige Themen in der akademischen Ausbildung. Zu den Studienbereichen kirchlicher Fachhochschulen zählt zudem der religionspädagogische und -didaktische Kompetenzerwerb. Lernen, mit Heterogenität umzugehen, oftmals auch unter dem Obergriff »Inklusion« zusammengefasst, steht ebenso auf der Agenda der Hochschul-Lehrpläne.

Präsentation
(Bild © Monika Adamczyk - Fotolia.com)
Bei ihren Bildungsangeboten achten die Hochschulen nicht nur auf das klassische künftige Arbeitsfeld der Erzieherinnen in Kitas. Sie haben auch Familienzentren und -bildungsstätten als künftige Tätigkeitsbereiche im Blick sowie Wohlfahrtsverbände (z. B. Fachberatung, Fortbildung, Projektentwicklung), Kinderrechtsorganisationen, politische Ämter oder auch Tagesmüttervermittlung. An einigen Hochschulen wie der Uni in Halle-Wittenberg bieten sich künftigen BA-Absolventen sogar Perspektiven für Master-Studiengänge, die den Weg für eine Dissertation eröffnen.

Dass seit dem Sommersemester 2007 teilweise hohe Studiengebühren von 500 Euro plus Verwaltungs- und Semesterbeiträge die Studiermöglichkeiten erheblich einschränken, ist bei den geringen Erzieherinnengehältern besonders skandalös. Aber man darf sich trotzdem auf eine neue Generation akademisch ausgebildeter »Kindheitswirtinnen« freuen, die eine qualitativ andere Startposition als in der Vergangenheit für den Beruf mitbringen.



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