15.03.2010

Interview mit "Copy Man" Markus Henrik
"Wir müssen wieder »back to the roots« kommen!" (Seite 1)

In seinem kürzlich erschienen Roman "Copy Man" schreibt Markus Henrik darüber, was einem bei dem Versuch in die Berufswelt einzusteigen, alles passieren und wie man sich gegen ausbeuterische Chefs zur Wehr setzen kann. Studis Online sprach mit ihm über eigene Erfahrungen mit Praktika, das Web 2.0, den Bildungsstreik, das Bachelor/Master-System und kommende Projekte.

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Markus Henrik, Radiokolumnist, Musiker und Autor des Romans "Copy Man" ist am 19. und 20. März zu Gast auf der Leipziger Buchmesse.
Studis Online: In "Copy Man" schilderst Du sehr ausführlich die Probearbeit der drei Hauptfiguren bei der fiktiven Fig View AG. Inwiefern beruht der Teil des Buches auf eigenen Erfahrungen mit solchen oder ähnlichen "Praktika"?

Markus Henrik: Es ist heutzutage schwierig, die Grenzen zwischen Praktika und Probearbeiten zu ziehen. Außerdem gibt es ja auch noch diese ominösen "Infoveranstaltungen" oder Businesskontakte von Firmen, bei denen man sich für ein paar Tage einem Unternehmen "vorstellen" kann. Man bekommt den Eindruck vermittelt, dass da wichtige Leute sitzen und dass man, wenn man sich gut verkauft, vielleicht Chancen hat, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Es ist nicht selten, dass die Unternehmen das einfach ausnutzen um - teilweise direkt von der Uni - motivierte und qualifizierte Leute einzuladen und denen frische Ideen aus den Fingern zu ziehen.

Ich habe z.B. eine Erfahrung mit der Marketingabteilung von einem Mobilfunkunternehmen gemacht. Da wurden wir mit ganz tollen Kugelschreibern und Aufklebern abgespeist und hinterher haben die tatsächlich Ideen von der Arbeitsgruppe umgesetzt. Ich habe außerdem diverse Praktika bei Musikverlagen gemacht und musste da diese klassischen "Mädchen-für-alles-Dienste" erledigen. Die Ausbeutung von qualifizierten Leuten, die direkt von der Uni kommen, hat mittlerweile System. All diese Erfahrungen haben mich, vor allem was den Teil mit der zweiwöchigen Probearbeitszeit in "Copy Man" betrifft, sehr inspiriert.

Die drei Hauptfiguren des Romans arbeiten am Ende des Romans sehr intensiv mit Diensten des "Web 2.0" (Social Networks, Blogs, Twitter, Online-Videoportale) um über die miesen Geschäfts- und andere Praktiken der Fig View AG zu informieren und andere Opfer ihrer Geschäftspraktiken zum Protest gegen die Firma zu mobilisieren. Im Rahmen der Bildungsproteste im vergangenen Jahr ist ja ebenfalls in großem Umfang Medienarbeit "von unten" gemacht worden. Was für Potentiale liegen deiner Einschätzung nach in dem Einsatz dieser Werkzeuge für Mobilisierung und das Organisieren von Protesten?

Das größte Potential ist sicher die Flexibilität, also dass man sich sehr schnell organisieren kann, z.B. mit kurzen Twitter-Nachrichten, über Status-Mitteilungen o.ä. Gerade beim Bildungsstreik lief ja sehr viel über StudiVZ, da gibt es ja Gruppen mit sechsstelligen Mitgliederzahlen und das ist wirklich eine Besonderheit. Ich wüsste gar nicht, wie das vor 10 Jahren gelaufen wäre und da ist auf jeden Fall auch noch viel Spielraum nach oben.

Früher war es, glaube ich, doch eher so, dass man sich gesagt hat: "Wir machen da eine Demo.", dann hat man einen Zeitpunkt verabredet und dann sind ganz viele Leute da hingekommen. Heute bietet das Netz eine Möglichkeit, den Protest viel diskursiver zu gestalten: Z.B. indem man sich zusammentut in irgendwelchen Foren und bestimmte Ideen erstmal diskutiert, bevor sie dann in die Tat umgesetzt werden. Ich glaube, das Web 2.0 ist ein sehr demokratisches Medium und es führt dazu, dass der Protest noch ein Stück demokratischer funktionieren kann, als das früher der Fall war.

Es ist in diesem Zusammenhang ja schon bemerkenswert, wie kommerzielle Plattformen wie StudiVZ sich von ihren Nutzern angeeignet und für ihre Belange genutzt werden...

Schon! Ich denke, man muss solche Netzwerke auch immer mit Vorsicht betrachten, aber wenn man sie sehr wachsam nutzt, also sich die Account-Einstellungen und auch die Datenschutzregelungen genau ansieht und da ein paar Sachen wegklickt, die erstmal automatisch aktiviert sind, wie z.B. personalisierte Werbung, dann bieten diese Plattformen eine unglaublich gute Chance etwas in Bewegung zu bringen und sie nicht nur als ein Lifestyle-Medium zu nutzen, sondern auch dafür, für sein Recht und für das Recht der Allgemeinheit einzustehen.

Zum Thema Bildungsstreik: Du bist ja fertig mit deinem Studium und arbeitest jetzt als Doktorand an der Humboldt Uni. Was hast du von den Besetzungen im letzten Semester und dem Bildungsstreik davor mitbekommen?

Ich habe da an der Uni momentan so einen "Zwischenstatus". Eigentlich ist es mittlerweile zu meinem Leben geworden, als Musiker zu arbeiten und Radiokolumnen und jetzt auch ein Buch zu schreiben. Ich fühle mich "dazwischen" auch ganz wohl, weil ich einerseits immer noch so eine Art Stimme derjenigen sein kann, die an der Uni studieren - wenn ich z.B. meine politischen Radiokolumnen mache oder wenn ich etwas texte. Andererseits habe ich aber auch schon eine gewisse Distanz zur Uni gewonnen. Was den Bildungsstreik und die Besetzungen betrifft, habe ich das allerdings mitbekommen und war auch auf den Demos mit dabei. Meine sehr aktive Zeit war aber vor drei Jahren, als es in erster Linie gegen Studiengebühren ging. Jetzt versuche ich, meinen Teil beizusteuern, indem ich mich meinen Radiokolumnen und der Musik widme. Und natürlich mit dem Buch.

Das Buch ist ja fiktiv und keine Dokumentation von etwas, was wirklich passiert wäre. Es soll auch dazu beitragen, dass man vielleicht ein paar Ideen bekommt, wie man das Web 2.0 noch nutzen kann, um Protest zu formieren. Wenn das jemand vom Bildungsstreik lesen und dann sagen würde: "Okay, davon habe ich ein paar Idee bekommen.", dann würde mich das natürlich besonders freuen. Es kann ja auch ein fiktiver Roman ein Beitrag dazu sein, dass man Ideen bekommt, um seine Protestkultur neu zu formieren.

Du schreibst in "Copy Man", dass die Protestkultur ausdifferenzierter sei als früher und rufst gleichzeitig dazu auf, sich gegen ungerechte Bedingungen zu wehren.

Mit dem Stichwort "Ausdifferenziertheit" sprichst du etwas Wichtiges an. Das Problem ist, es gibt heute nicht mehr die Themen, zu denen sich die Leute mit Hunderttausenden auf die Straße stellen. Ich glaube, dass die Probleme heute viel vielfältiger sind und die Gesellschaft ist auch viel vielfältiger geworden. Das Internet bietet aber gleichzeitig neue Möglichkeiten, mit diesen neuen Gegebenheiten umzugehen. Das heißt, dass man sich konzentrierter auf kleine Nebenprobleme einschießen und auch schon mit 100, 150 Leuten auf etwas aufmerksam machen kann. Das passiert ja z.B. mit Flashmobs. Wenn das politische Flashmobs sind, dann sind ja in der Regel nicht Hunderttausende daran beteiligt, sondern das sind medienwirksame kleinere Aufläufe.






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