05.12.2008

"Was ist Sklaverei denn anderes?"
Studierende der Hamburger HfBK weiter gegen Studiengebühren

Seit diesem Semester betragen die Studiengebühren in Hamburg 375 Euro (statt bisher 500 Euro). Bis ein Jahr nach Ende der Regelstudienzeit werden sie zinsfrei gestundet, dann wird die Gesamtsumme fällig (oder man muss doch wieder einen Kredit aufnehmen). Die Studierenden der HfBK in Hamburg hatten schon in den letzten Semestern in großer Zahl boykottiert und die Nichtzahlung der Gebühren in großer Zahl lange aufrechterhalten. Kein Wunder also, dass auch gegen diese "abgemilderte" Form von Gebühren Protest eingelegt wird.

Am Rande sei übrigens bemerkt, dass einige "Alt-Boykotteure" es wohl geschafft haben, ohne Zahlung der Gebühren bis heute durchzukommen. Nun gibt es das Angebot der Hochschule, die Gebühren weiter zu stunden. Offenbar wird empfohlen, dieses Angebot anzunehmen (auch wenn dann irgendwann doch noch die Gebühren gefordert werden können), da ansonsten tatsächlich endgültig die Exmatrikulation kommt. Was am Ende aus der Stundung wird und ob die Gebühren wirklich noch eingetrieben werden, ist damit weiterhin offen. Von daher also in jedem Fall ein großer Erfolg für die Boykotteure (der auch zeigt, dass mit Exmatrikulationen von größeren Gruppen sich Hochschulen tatsächlich schwertun ...).

Wie boykottiert man etwas, was man erst einmal gar nicht zahlen muss?

Diesmal ist der Protest gar nicht so einfach: Sofort zahlen muss man nicht, auch Zinsen fallen nicht gleich an. Wer nicht zahlt, sich aber normal immatrikuliert bzw. zurückmeldet, erklärt sich aber bereit, die zinsfreie Stundung der Gebühr in Anspruch zu nehmen. Damit zahlt dann die Hamburger Wohnungsbaukreditanstalt (WK) die Gebühr an die Hochschule, die Zinsen zahlt erst einmal die Stadt. Nach dem Studium jedoch will die WK die Gebühren auf einen Schlag einziehen.

Auf den Seiten der WK heißt es übrigens, dass eine Rückzahlung in Raten nur in "einzelnen begründeten Ausnahmefällen und auf Antrag" möglich sei. Als Zinssatz sind 5% über dem Basiszinssatz vorgesehen (Basiszinssatz ist ein Leitzins der Europäischen Zentralbank), zur Zeit müsste man somit mit einem Zins von 8,1% rechnen – nicht gerade ein Schnäppchen. Ansonsten bleibt die Rückzahlung nur (vorläufig) erspart, wenn man ein Bruttoeinkommen von unter 30.000 Euro / Jahr hat. Wobei man diese weitere Stundung jährlich rechtzeitig beantragen muss.

Kurz: Zunächst erscheint die Regelung weniger hart, das dicke Ende kann aber kommen. Nur wird dann wohl kaum jemand protestieren – da er oder sie dann vereinzelt ist und Einzelschicksale sind halt Pech. An der HfBK wollen sich jedoch viele damit nicht abfinden und widersprechen dem Gebühren-Bescheid (eine Nichtzahlung ist ja diesmal kein Problem) – wir dokumentieren hier noch zur Abrundung die aktuelle Pressemitteilung der Boykotteure:
    Protest und erneuter Boykott der Studiengebühren an der Kunsthochschule am Lerchenfeld

    Mehr als 180 Studierende boykottieren auch in diesem Semester wieder die Studiengebühren. Sie lehnen die Möglichkeit einer späteren Zahlung der Studiengebühren - die sogenannte "Stundung" - ab. Sie weigern sich, sich für die pure Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu verschulden.

    Ein Sprecher der Boykotteure sagt: "Man sollte Menschen, die in diese Gesellschaft hineingeboren werden, willkommen heißen und ihnen die Zukunft vertrauensvoll an die Hand geben. Die Generation der 'Leistungsträger' müsste sich für eine freie und lebenswerte Zukunft der nächsten Generation einsetzen."

    Doch heute knöpft man den Neuankömmlingen von der Kita bis zur Uni erst mal Geld ab. Die Boykottierenden erklären, dass es eine kulturelle Katastrophe ist, wenn sich Menschen von Geburt an verschulden müssen, nur um an der Gesellschaft erfolgreich teilnehmen zu können. Die Frage wird laut: Was ist Sklaverei denn anderes?

    Die Studierenden fordern, den marodierenden Drägerschen Wahnsinn zu beenden. [Hinweis der Redaktion: Dräger war Wissenschaftssenator in Hamburg und hat die ursprünglichen Studiengebühren federführend vorangetrieben. Inzwischen ist Dräger Geschäftsführer des Centrum für Hochschulenwicklung (siehe dazu auch den Artikel Think Tank für Studiengebühren: Wie das Centrum für Hochschulentwicklung Politik an Hochschulen macht), das ebenfalls seit Jahren Studiengebühren fordert und mit entsprechend parteiischen Veröffentlichungen unterstützt. Das CHE wird auch von der Bertelsmann-Stiftung finanziell unterstützt.] Künstler und Wissenschaftler wenden sich entschieden gegen die bildungsfernen Vorstellungen der Wissenslobbyisten McKinsey und Bertelsmann-Stiftung. Sie sind besorgt über die antidemokratischen Vorgänge, die sich in der Verflechtung von Bertelsmann und Staat abzeichnen. Bertelsmann hat die aktuellen Studienreformen als außerdemokratische Macht wesentlich gestaltet. Schon heute zeichnet sich ab, dass Bildung und Kultur irreparable Schäden davongetragen haben.

    Oder, wie Prof. G.C. Tholen auf einem Symposium der HfbK Anfang November sagte: Der Bologna-Prozess "ist ein Rückfall in die Vorhumboldtsche Kadettenschule."

    Der Boykott der Studiengebühren an der HfbK Hamburg sieht sich auch als Widerstand gegen die Verquickung der Interessen großer Medienkonzerne mit dem Überwachungspotential des Staates. Studierende treten für freie Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre ein. Sie erkennen die strukturellen Veränderungen, wie sie in den Hochschulreformen durchgesetzt werden, als nicht vereinbar mit dem Grundgesetz.
Quellen und weitere thematische Artikel zu Studiengebühren und Boykott


Kommentare zu diesem Artikel

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1. ganz ehrlich kommentierte am 19.12.2008 um 15:27:40 Uhr

gegen studiengebühren zu protestieren ist quatsch

wisst ihr wie hoch studiengebühren in z.b. England sind?!?!??!?! die deutschen sollen sich mal nciht so anstellen!




2. melleonly kommentierte am 18.02.2009 um 18:52:40 Uhr

Jetzt mal im Ernst

Studieren können sich nur noch die leisten, die wirklich Geld haben. Diejenigen, die nicht so viel haben müssen sich neben dem Studium abrackern um überhaupt studieren zu können. Ich kann gut verstehen, dass die Gebühren abschreckend wirken.







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