27.05.2008

Zwischenbilanz
(Miss-)Erfolg der Studiengebühren in Baden-Württemberg

Am Montag hat der Beirat für das Studiengebühren-Monitoring in Baden-Württemberg seinen ersten Bericht vorgelegt. Wie fast zu erwarten werden die "Ergebnisse" höchst unterschiedlich interpretiert. Minister Frankenberg sieht nur einige Optimierungsmöglichkeiten. Studierendenvertreter betonen dagegen, dass die Gebühren sozial abschreckend wirken und auch die kürzliche Zinssenkung daran nichts ändern könne.

Der aktuelle Bericht ist der erste des Beirats. Die Einführung der allgemeinen Studiengebühren in Baden-Württemberg erfolgte im Sommersemester 2007. Einige interessante Daten (z.B. zur sozialen Zusammensetzung der Studierendenschaft) liegen nur für Zeiträume vor Einführung der Gebühren vor. Insofern kann der Bericht zwangsläufig zu diesen Fragen nur vorsichtige Aussagen machen.

Unschöne Tendenzen

Immerhin stellt der Bericht fest, dass aus den vorliegenden Daten hervorgeht, dass zwischen 2004 und 2006 in Baden-Württemberg die Studierqoute gesunken ist. Während Kinder von AkademikerInnen in fast gleicher Höhe ein Studium aufnehmen (im Jahr 2006 74% nach 76% 2004), ist die Quote bei Kindern aus Nicht-Akademikerhaushalten deutlich gesunken: Von 62% auf 50%. Im Bericht heißt es dazu: "Dies ist ein erster Hinweis auf eine sozialgruppenspezifische Selektion, die durch die unmittelbar bevorstehende Einführung von Studiengebühren verstärkt worden ist."

Für eine vom Land selbst eingesetzte Kommission sind das recht deutliche Worte. In Bezug darauf war die einige Tage vor Veröffentlichung des Berichts lancierte Presseerklärung der Landes-ASten-Konferenz zum Punkt Aussagen zur Sozialverträglichkeit zu harsch formuliert. Wahrscheinlich hatte die LAK befürchtet, der Bericht würde diese Probleme beschönigen. Wissenschaftsminister Frankenberg überging solche Stellen im Bericht jedoch erwartungsgemäß. Er äußerte stattdessen: "Ich werte die Empfehlungen des Beirates als positives Signal dafür, dass die Einführung der Studiengebühren im Land sozial verträglich angelaufen ist".

Verwendung der Gebühren je nach Hochschule mit Merkwüdigkeiten

Merkwürdig blass bleibt der Bericht des Beirats bei den Aussagen zur Verwendung der Geldmittel aus den eingenommenen Studiengebühren. Hier werden nur einige prozentuale Aussagen dazu gemacht, für welche Zwecke das Geld verwendet wurde und empfohlen, mehr davon "für Lehrpersonal bis hin zur Schaffung neuer Professuren [einzusetzen]".

Kein Wort fällt jedoch zu den bekannt gewordenen Fällen, bei denen Studiengebühren-Gelder für offensichtlich fragwürdige Dinge eingesetzt oder gar nicht ausgegeben wurden. Die LandesAstenKonferenz (LAK) zählt hier als Beispiele auf, dass an der Uni Konstanz "Designer-Mülleimer" und neue Segelboote für den Allgemeinen Hochschulsport angeschafft wurden. An der Hochschule für Musik in Karlsruhe dagegen wurden demnach ein Dritter der Studiengebühren bisher nicht ausgegeben. "Die Zinsen daraus fließen übrigens nicht an die Hochschule, sondern direkt in den Landeshaushalt." heißt es dazu in der Pressemitteilung der LAK.

Landesbanker rät selbst von Kredit ab

Selbst der Vorstandsvorsitzenden der L-Bank, Christian Brand, rät in einem Interview mit den Stuttgarter Nachrichten von der Aufnahme von Krediten zur Finanzierung eines Studiums ab. Wenn also schon der Chef der Bank, die die Studienbeitragsdarlehen vergibt (und damit vermutlich Gewinne macht), von Krediten abrät, dann stellt sich wirklich die Frage, wie die Politik weiter von "Sozialverträglichkeit" der Studiengebühren mittels der Zurverfügungstellung von Krediten reden kann.

Auch im Bericht des Beirats heißt es: "Der Zinssatz stellt trotz der kürzlich erfolgten Senkung der Verwaltungsmarge ein Problem dar" (Hervorhebung durch Studis Online). Und in der Tat: Auch 5,5% Zinsen liegen weit über der Inflationsrate.

Änderungen in Sachen Studiengebühren sind in Baden-Württemberg trotz allem fürs Erste nicht zu erreichen. Und Wahlen gibt es (planmäßig) erst 2011 wieder.

Quellen und Hintergründe


Kommentare zu diesem Artikel

Eigenen Kommentar hinzufügen »

1. Elitestudent kommentierte am 27.05.2008 um 16:22:34 Uhr

Arbeiterfamilien- Student berichtet

Ich selbst studiere an der Universität Karlsruhe (TH) Wirtschaftsingenieurswesen und stamme aus einer Arbeiterfamilie. Meine Finanzielle Situation ist eher beklemmend, daher habe ich, obwohl ich gerade erst mein Grundstudium beende schon ca 10.000 € Schulden über einen Studienkredit aufgenommen. Meine Eltern können mich nur wenig unterstützen und mein Bafög Satz würde nicht mal meine Miete in Karlsruhe decken! Ich finde es also wirklich nicht leicht, zweimal im Jahr 600€ zu berappen um Studiengebühren + Studienbeitrag zu zahlen. Der psychologische Druck gute Leistungen zu erbringen steigt dadurch deutlich an. Ich kenne ein paar ehemalige Mitschüler aus Arbeiterfamilien, die trotz guter Noten beschlossen haben nicht zu studieren: aus finanziellen Gründen. Finde ich fast lächerlich, dass unsere Wirtschaft nach mehr Akademikern schreit, während unsere Regierung das Studium erschwert. Als kleines I-Tüpfelchen der Geschichte möchte ich noch betonen, dass ich, obwohl ich allein mitlerweile 4x 600€ gezahlt habe, nicht die geringsten Auswirkungen an der Uni bemerke. Weder neue Professoren in meinem Gebiet, noch sonst was. Doch Moment, wir haben in Seminarräumen stylische Tische bekommen, alle extra teuer mit Steckdosen und Internet Anschlüssen dran, die aber leider nicht funktionieren, da die Infrastruktur des Gebäudes nicht dafür geschaffen ist.

Gruß vom Gibttrotzdemnichtauf Student :(




2. Andreas Kemper kommentierte am 29.05.2008 um 11:47:07 Uhr

Zusammenschließen

Auch der rasante Anstieg der Kinderarmut zeigt, dass momentan noch immer kein Interesse seitens des Staates darin besteht, gleiche Bedingungen für alle unabhängig von ihrer Herkunft herzustellen. Im Gegenteil: mit dem Elterngeld wurde das einstmals soziale Unterschiede ausgleichende Erziehungsgeld zu einer Finanzierung für die Reichen.

Es ist wie überall: wir Arbeiterkinder / Nicht-Akademiker-Kinder müssen uns zusammenschließen.

Es ist in den letzten Jahren einiges passiert. Zum einen gibt es in Münster das Fikus-Referat für studierende Arbeiterkinder, auch in Wien existiert ein Fikus-Referat

http://web.uni-muenster.de/asta/organisation/fikus/index.php (dies ist eine politische Gruppe)

dann gibt es ein Wiki für studierende Arbeiterkinder

http://www.workingclassstudents.de (hier geht es darum, die Situation von studierenden Arbeiterkindern darzustellen)

und es gibt ein Programm für MentorInnen

http://www.arbeiterkind.de (hier geht es darum, Arbeiterkinder zu ermutigen, zu studieren)

und es gibt auch Zusammenschlüsse von Akademikern mit Working-Class-Background

http://www.workingclassacademics.org (diese organisieren jährlich kongresse. der kongress 2009 wird in deutschland stattfinden. unterstützung ist erwünscht)

Also: schließen wir uns zusammen! Andreas







Diese Seite verlinken »


Logo von Studis Online  Die schlauen Seiten rund ums Studium