Aus Fehlern lernen
Müder Bildungsstreik

Das Bild stammt zwar von einem vergangenen Ostermarsch, passt aber auch bei Bildungsprotesten.
Verbreitete Protestmüdigkeit
All diese Probleme sind nicht neu, die Lage hat sich im Zuge der Finanz-, Wirtschafts- und Euro-Krise aber weiter zugespitzt. Waren schon davor die "leeren Kassen" das Totschlagargument Nummer eins, wenn die Regierenden dringend erforderliche Bildungsinvestitionen auf die lange Bank schoben, wo soll das Geld dann heute erst herkommen. Wer glaubt bei den Abermilliarden Euro, die die sogenannte Bankenrettung verschlingt, noch ernsthaft daran, dass die Politik Geld für mehr Bildung lockermacht. Womöglich ist das schon ein Teil der Erklärung für die Hemmungen bei jungen Leuten, für ihre Interessen Flagge zu zeigen. Auch Patrick Schnepper, Koordinator der Landes-Asten-Konferenz in Nordrhein-Westfalen, hat eine "verbreitete Ernüchterung" unter den Betroffenen ausgemacht. "Fast keine der Forderungen, für die die Bildungsstreikenden im Sommer 2009 in Scharen auf die Straße gegangen sind, wurde von der Regierung erfüllt", sagte er gegenüber Studis Online. Bei vielen herrsche das Gefühl vor, "es bringt eh nichts, wenn ich mich dagegen wehre. Dann erspart man sich lieber den Ärger, der einem blüht, ein Seminar sausen zu lassen."
Trotzdem ist Schnepper nicht niedergeschlagen angesichts der bescheidenen Teilnehmerzahlen bei den Protesten. Er selbst war in Köln mit von der Partie, wo am Donnerstag rund 2500 Menschen in der Innenstadt demonstrierten. Größere Manifestationen mit mehreren Hundert Teilnehmern gab es in Nordrhein-Westfalen zudem in Dortmund, Bochum, Essen und Düsseldorf. "Bei uns in NRW ist auf alle Fälle deutlich geworden, dass trotz des Regierungswechsels immer noch viel Wut bei den Leuten besteht wegen der Situation an den Schulen und Hochschulen." Vor allem die "vollgequetschten Seminare und die Bachelor- und Master-Problematik" stießen auf Empörung, während bei den Schülern die verkürzte Gymnasialzeit als größter Missstand empfunden werde. Die Zahl und den Umfang der Proteste hält Schnepper auch deshalb für bemerkenswert, weil die NRW-Regierungskoalition von SPD und Grünen zumindest in Teilen Verbesserungen herbeigeführt hat, insbesondere die Abschaffung von Kopfnoten und Studiengebühren. »Das ist schön und gut, aber damit lassen sich die Menschen nicht ruhig stellen. Was jetzt kommen muss, sind durchgreifende Verbesserungen an den Schulen und Universitäten.«
Zähe Beteiligung fast allerorten
Abgesehen von ein paar wenigen punktuellen Lichtblicken ist der inzwischen vierte "bundesweite Bildungsstreik" in der Gesamtsicht zu einem müden Abklatsch seiner Vorläufer geraten. Im Juni 2009 waren an einem Tag knapp 300000 Demonstranten auf den Beinen. Aber schon die beiden Neuauflagen im Herbst desselben und im Sommer des darauffolgenden Jahres reichten in Umfang und Resonanz nicht an das Original heran. Der vorläufige Tiefpunkt folgte am Donnerstag. Den größten Menschenauflauf gab es noch in Berlin unter dem Motto "Bildungsblockaden einreißen". Die Veranstalter zählten bis zu 7000 und die Polizei 2100 Demonstranten. In München kamen 1500 Menschen zusammen, wobei diese im besonderen gegen die in Bayern noch immer bestehenden Studiengebühren protestierten. In ganz Hessen sollen 1600 Studierende und Schüler am Aktionstag beteiligt gewesen sein, darunter allein 900 in Frankfurt (Main). In gesamten Bundesgebiet sollen es in rund 40 Städten zu Aktivitäten gekommen sein, in der Mehrzahl wohl mit mäßigem Zuspruch.
Erik Marquardt, Vorstandsmitglied beim "freien zusammenschluss von studenInnenschaften" (fzs) zeigte sich am Freitag ziemlich ratlos, warum es nicht zu mehr gereicht hat. "Angesichts der Eiseskälte kann man noch einigermaßen zufrieden sein", meinte er im Gespräch mit Studis Online. "Aber natürlich haben sich viele Leute mehr erhofft." Es sei augenscheinlich so, dass die "Menschen momentan etwas träge sind und sich nicht so ohne weiteres mobilisieren lassen". Andererseits solle man die "Teilnehmerzahlen in der Priorität aber auch nicht so hoch hängen". Es sei schon ein Erfolg, "dass das Thema Bildung überhaupt mal wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt ist". Jetzt müsse man daran arbeiten, "mehr Menschen dafür zu sensibilisieren und größeren politischen Druck aufzubauen", bemerkte Markquardt und weiter: "Vielleicht liegen die Dinge im nächsten Sommer wieder ganz anders, zumal es dann ja noch enger werden soll an den Hochschulen."
Bewegung neu aufstellen
Um wieder mehr zu erreichen, bedürfte aber zunächst einmal die Bewegung selbst einer Runderneuerung. Kaltes Wetter und Protestmüdigkeit alleine reichen nicht aus, die mäßige Performance zu erklären. Auch aus Reihen der Beteiligten war vorab zu hören, dem Bündnis fehle es an Koordination und Konzepten. So waren den Großdemonstrationen 2009 und 2010 zum Teil tagelange Besetzungsaktionen an diversen Hochschulen vorangegangen, die in den Medien für allerhand Aufsehen sorgten. Diesmal gab es das nur in Frankfurt (Main) und in der Nacht auf Donnerstag an der Freien Universität (FU) Berlin, und beide Male war die Sache nach wenigen Stunden gelaufen. Kurz war auch Vorlaufzeit für die Proteste, erst Anfang September wurde der Protestaufruf in die Welt gesetzt, und überhaupt wirkte das Ganze reichlich überstürzt. Leitendes Motiv war wohl vor allem die Sorge, den internationalen Zug zu verpassen. Der Bildungsprotest ist nämlich so etwas wie der deutsche Mitfahrschein bei der "Global Weeks of Action for Education" vom 7. bis 20. November, deren Ausrichter die International Student Movement (ISM) ist. Inspiriert ist die Kampagne vor allem von den jüngsten studentischen Massenprotesten in Chile und Großbritannien.
Nur lässt sich so eine Stimmung nicht von jetzt auf gleich in Deutschland entfachen. Dazu braucht es eine ausdauernde Bündnisarbeit und vor allem einer bundesweiten Bündnispolitik, an der es diesmal stark gehapert haben soll. Bündnisse auf lokaler Ebene gibt es zuhauf, auch solche die im Verbund mit Gewerkschaften, Parteien und sozialen Initiativen gut aufgestellt sind. Was fehlt, ist ein Dach, unter dem sich lokalen Strukturen vernetzen und verständigen, um bundesweit Schlagkraft zu entwickeln. Wie sehr es daran momentan mangelt, zeigt sich schon daran, dass nicht einmal eine brauchbare Plattform im Internet existiert, die umfassend und aktuell über die Bewegung, ihre Inhalte und Forderungen sowie den Stand der Entwicklungen informiert. Nur soviel dazu: Auf den Seiten Bundesweiter Bildungstreik war bis Freitag nachmittag kein Wort der Bilanz zu den Aktivitäten zu finden. Auch der fzs, immerhin der Dachverband der Studierendenvertretungen in Deutschland, sparte sich eine offizielle Stellungnahme.
Kein Grund zur Schwarzmalerei
Was macht bei alle dem noch Hoffnung? Die Bewegung ist vielleicht nicht in Topform, aber abschreiben muss man sie deshalb nicht. Sie hat es geschafft, das Thema Bildung wieder auf die Tagesordnung zu bringen, ob nur für den Moment oder auf Dauer, muss sich zeigen. Oppositionsparteien, Gewerkschaften und Bildungsverbände haben unisono Partei für die Demonstranten ergriffen und Handlungsbedarf angemeldet. Es fehlt an vielem: An Studienplätzen, Professoren, Erziehern, Lehrkräften und vor allem Geld. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beziffert den Investitionsbedarf im Bildungssystem mit jährlich 60 Milliarden Euro. Das ist viel, wirkt aber wie ein Kleckerbetrag verglichen mit den Unsummen, die bislang für die Banken verpulvert wurden. Und ganz bestimmt wäre das Geld in Kindergärten, Schulen und Hochschulen besser angelegt als in irgendwelchen Finanzlöchern. (rw)
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1. Realist kommentierte am 19.11.2011 um 11:47:50 Uhr
Durch protestieren wird sich kaum etwas ändern
Ist es nicht so, dass Proteste kaum etwas an den Studienbedingungen ändern? Warum sollten die Verantwortlichen auch etwas tun, wenn die Studierendenzahlen immer neue Rekorde erreichen?
Auch hier ist es wie überall in der Wirtschaft: Angebot und Nachfrage regeln den Preis und solange eben mehr Menschen studieren wollen als überhaupt auf dem Arbeitsmarkt benötigt werden wird sich kaum etwas tun. Nur wenn drastisch weniger Leute studieren würden (wegen der schlechten Bedingungen), dann würden Politik und Hochschulen Studienanreize schaffen (Studiengebühren abschaffen und BAföG erhöhen oder ähnliches); Das Gedränge in den Hörsälen wäre damit automatisch erledigt.
Bei der gegenwärtigen Lage (einerseits massive Klagen über Schulreformen und Studienbedingungen aber andererseits immer mehr Gymnasiasten und Studenten) können sich die Verantwortlichen an den Hochschulen und er Politik sowieso fragen, warum denn dann soviele überhaupt aufs Gymnasium gehen und Studieren, wenn doch die Bedingungen so schlecht sind.
2. Realist1 kommentierte am 19.11.2011 um 21:54:14 Uhr
Zurück in die Steinzeit
Als ob die Proteste nicht schwach genug ausgefallen wären, kommt noch ein vermeintlicher Realist im ersten Kommentar daher, der die Proteste generell anzweifelt und stattdessen diese abschaffen will, weil es zu viele Studierenden gäbe. Ausgrenzender und menschenverachtender geht es kaum! Des weiteren kommt er mit dem falschen Argument daher, es würden nicht so viele Akademiker gebraucht. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die OECD mahnt seit einigen Jahren ständig an, daß Dtld hinterherhängt! Hierzulande mauert sich jedoch das Gros der Eliten in einer eigenen Welt ein, an der andere Schichten nicht teilhaben sollen, was sich jeden Tag aufs Neue- gerade an Schulen und Hochschulen seit den letzten Jahren zeigt. Doch das lässt sich nicht mit Däumchendrehen und Hinnahme seitens der Studierenden und weitere Ausgrenzung durch gewisse Eliten, die nicht mehr Studierende wollen, lösen. Da hilft nur mehr Widerstand durch Studierende und die breite Öffentlichkeit wachgerüttelt, um diese Verschärfung sozialer Ungleichheit abzuschaffen!
3. Realist kommentierte am 20.11.2011 um 10:10:57 Uhr
Nachtrag
Um das richtig zu stellen: Auch mich stört die Benachteiligung großer Bevölkerungsschichten anderen gegenüber in Bezug auf Bildungs- und Aufstiegschancen, sowie hinsichtlich Einkommen etc. Diese Ungerechtigkeiten gab es schon seit Anbeginn der Menschheit und in unserer ach so fortschrittlichen Epoche werden sie auch eher wieder größer als kleiner.
Nur haben wir wirklich einen Mangel an Studierten? Wenn man sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt selbst für "technische" Akademiker in der Praxis anschaut (und nicht blindlings der Propaganda aus der Wirtschaft glaubt), dann sieht es eher nach einem Überangebot aus. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Staat kaum auf Proteste von Studierenden reagiert. Schließlich haben wir ja eine Marktwirtschaft und keinen Wohlfahrtsstaat (wiederum keine Forderung von mir, sondern schlichte Tatsache) und solange ein großes Angebot (an Bildungswilligen) herrscht, brauchen Unis und öffentliche Hand keinen hohen Preis dafür zu bezahlen (in Form besserer Studienbedingungen). Außerdem nützt es weder der Öffentlichkeit noch dem einzelnen Studierenden, wenn er nach einem langen Studium auf dem Arbeitsmarkt nicht gebraucht wird.
Eine Schritt dahin, die Dominanz bestimmter Gesellschaftschichten an Unis zu verringern, wäre die Einführung von umfangreichen Eignungstests durch die Universitäten für alle Studiengänge. Die darin besten sollten ein Studium vom Staat oder der Wirtschaft finanziert bekommen.
4. WoodpeckerT kommentierte am 20.11.2011 um 11:55:47 Uhr
Wann denn auch streiken..?
Aus eigener Sicht (als Studierender) ist das Problem der geringen Streikbeteiligung wohl eher, dass man schlicht kaum in der Lage dazu ist.
Gerade weil die Hörsäle überfüllt sind und gerade weil man in den Vorlesungen mehr Gemurmel von tausenden fehlplatzierten, baldigen Abbrechen mitbekommt, als vom Dozenten selbst, ist es ohnehin schon schwierig genug auf dem nötigen Wissensstand zu bleiben und irgendwie seine Module zu bestehen.
Da fragt sich doch jeder einzelne Student: warum sollte ich nun streiken?
Die im Artikel erwähnten Massenstreiks haben doch auch zu keiner Verbesserung geführt. Im eigenen Interesse kann man leider kaum mehr machen, als sich den schlechten Bedingungen hingeben, sein eigenes Studium irgendwie bewerkstelligen und für die späteren Studierenden auf eine Besserung hoffen. Wer aber jetzt streikt, damit sich in Zukunft etwas ändert, der opfert nur seine eigene Qualifikation, ohne realistische Besserungschancen im eigenen Studium.
Für mich persönlich ist es sowieso weniger ein Problem, dass auf Ebene der Hochschulen entsteht, sondern schon viel früher. Hätten wir noch G9, hätten wir noch eine Wehrpflicht / den Wehrersatzdienst und würden die Unternehmen nicht am liebsten 20 jährige Akademiker einstellen, dann hätten wir Jugendlichen auch mehr Zeit uns vor dem Studium zu überlegen, was wir wirklichen machen wollen, was und ob wir studieren wollen und es gäbe weder 20 Bewerbungen pro Student, noch diese enormen Abbruchquoten. Die Krönung des Ganzen ist ja ohnehin die Abschaffung der Hauptschule. Warum müssen denn Menschen, die einen handwerklichen Beruf ergreifen wollen Realschulabschluss machen..? Und was genau soll der Realschulabschluss für jemanden bringen, der weder studieren, noch einen handwerklichen Beruf ergreifen will?
Solange die Schulen von ihrer Seite nichts ändern, ändert sich nichts.
Abschließend kann man wenigstens für die Psychologie-Studenten einen positiven Blick in die Zukunft betrachten. Immerhin werden bei derzeitigen Situationen schon bald mehr Menschen nervlich am Ende sein, als körperlich. Burnout im Beruf ist Vergangenheit, wir schaffen das schon an der Uni.
5. Streik damals kommentierte am 20.11.2011 um 20:14:58 Uhr
Protest ist möglich-aber so nicht
WoodpeckerT,
viele Leute denken heute wie Du und schwimmen einfach mit.
Außerdem ist das ziemlich bequem!
Es hat uns damals Null interessiert, ob wir dadurch Stoff versäumen.
VL und SE fanden mangels Studierender garnicht statt!!!
Wenn aber Leute weiterhin so angepasst denken wie Du, wird das keine Verbesserung der Studienbedingungen geben- und schon garnicht, wenn Personen wie Realist dem Glauben aufsitzen, es gäbe zu viele Studierende!
Vielen Studierenden fehlt heute etwas:
Solidarität, Kreativität und die Fähigkeit unbequem zu sein!
Die Forderung von mehr Eigenständigkeit und Freiheit lässt sich unter solchen Zuständen kaum verkaufen!
Des weiteren fallen Rechte nicht vom Himmel!
Sie sind nicht selbstverständlich!
Rechte wie Freiheit müssen erkämpft werden!
Unsere Vorfahren können davon ein Liedchen singen.
Also sitzt nicht weiter dem Irrglauben auf sondern engagiert Euch!
Nur so kann sich etwas bewegen!
6. Mo_ELAN kommentierte am 25.11.2011 um 19:53:15 Uhr
Ich wäre ja gerne...
... aber die Uni hat mich durch eine Pflichtveranstaltung, bei der das Fehlen die Konsequenz eines nichtbestandenen Moduls hat, an der Teilnahme daran gehindert. Und das nennt man Rechte.
7. Gemeinschaft kommentierte am 26.11.2011 um 01:33:45 Uhr
Was ist Solidarität?
Wenn Ihr alle solidarisch zur "Pflichtveranstaltung" wie wir damals nicht erschienen wärt, hätte sie auch nicht stattgefunden. Mann muss sich einfach mal mit ziemlich allen aus dem SE oder der VL zusammensetzen und kommunizieren mit dem Ziel, das zu vereinbaren.
Studie zu studentischen Mitarbeitern
Ohne sie ginge gar nichts mehr an Deutschlands Hochschulen. Zigtausende studentische Hilfskräfte und Beschäftigte halten den Laden am Laufen, während die Mittel für Forschung und Wissenschaft immer knapper werden. Eine aktuelle Studie zeigt jetzt erstmals auf, unter welchen Bedingungen sie das tun. Viele arbeiten zweckentfremdet, ohne Weiterbildungseffekt und für schlechtes Geld. Höchste Zeit, dass sich das ändert – fordert die Bildungsgewerkschaft GEW.
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Uni-Ranking der Humboldt-Stiftung
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