Interview mit Michael Hartmann
Weltweite Proteste – auch von Studierenden
In immer mehr Ländern der Welt kommt es zu massiven Protesten gegen Kürzungspläne von Regierungen. Fast immer sind auch Schüler und Studierende mit dabei. Eine Ursache der Konflikte scheint allerorten mitzuspielen: Dass der Zugang zu guter Bildung durch höhere finanzielle Hürden eingeschränkt wird. Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Bildungsproteste weltweit sprach Studis Online mit Prof. Michael Hartmann, einem der renommiertesten Soziologen im Lande und maßgeblichen Kritiker eines Bildungssystems, das soziale Ungleichheit reproduziert.Studis Online: In Großbritannien, Spanien, Griechenland, Chile und nun auch in den USA – in immer mehr Ländern der Welt kommt es neben sozialen auch immer mehr zu "Bildungsprotesten". Wie kommt es dazu? Haben diese Entwicklungen an so unterschiedlichen Orten womöglich etwas miteinander gemein?
Michael Hartmann: Sie alle haben eine Gemeinsamkeit, die Angst um die eigene Zukunft. Die konkreten Anlässe und Ziele der Proteste sind aber dennoch unterschiedlich.

Das Bild stammt zwar von einem vergangenen Ostermarsch, passt aber auch bei Bildungsprotesten. Die sind aktuell bei uns nur angekündigt, anderswo auf der Welt aber schon akut.
Auch in den USA spielen die Kosten eine Rolle. Die öffentlichen Universitäten, die früher deutlich geringere Studiengebühren nahmen als die privaten Universitäten, werden immer teurer. Da die staatlichen Mittel stark gekürzt werden, in Kalifornien z.B. um ein Fünftel, suchen die Hochschulen nun nach anderen Einnahmequellen. So haben die bekannten kalifornischen Universitäten - wie etwa Berkeley - die Studiengebühren in den letzten fünf Jahren verdoppelt, auf nun 12.000 Dollar. Das reicht ihnen aber immer noch nicht. Sie versuchen außerdem, möglichst viele Studierende von außerhalb Kaliforniens zu gewinnen; denn von Bewerbern aus den anderen US-Bundesstaaten oder von Ausländern können dreimal höhere Gebühren verlangt werden. Die Einnahmen aus Studiengebühren machen im Haushalt dieser Unis inzwischen einen genau so großen Posten aus wie die öffentlichen Mittel. Dazu kommt bei den Protestierenden in den USA aber auch die Angst, die enormen Schulden durch die erforderlichen Studienkredite aufgrund der schlechten Lage am Arbeitsmarkt nicht zurückzahlen zu können.
Bei den Jugendlichen in Spanien und Griechenland dagegen stehen die schlechten Berufsperspektiven ganz eindeutig im Mittelpunkt der Proteste. Man ist gut ausgebildet, findet aber keinen Job. Durch die Haushaltskürzungen der letzten Zeit hat sich dieses Problem noch enorm verschärft.
Das heißt, Ihrer Meinung nach wird bei den Protesten allerorten vor allem über Zukunftschancen "verhandelt", die jungen Leute wollen wieder mehr Perspektive und ggf. Sicherheit? Warum gibt es die denn heute offenbar weniger als wie zuvor – und wie ist es hiermit in Deutschland bestellt?

Unser Interviewpartner, Michael Hartmann, ist Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Er forscht über Eliten, Globalisierung und nationale Wirtschaftskulturen und über Hochschulsystem im internationalen Vergleich.
In Deutschland ist die Lage diesbezüglich trotz aller Probleme noch vergleichsweise gut. Es gibt eine relativ geringe Jugendarbeitslosigkeit von unter 10 Prozent, verglichen mit bspw. fast 40 Prozent in Spanien. Auch die Berufsperspektiven sind für die meisten Studierenden noch gut oder zumindest akzeptabel. Zwar erreicht nur noch eine Minderheit nach dem Studium die Einkommen und Positionen, die früher für Akademiker üblich waren. Das ist nicht überraschend, wenn ein Drittel eines Jahrgangs studiert und nicht mehr fünf oder sechs Prozent wie noch bis in die 1960er Jahre.
An die Stelle des klassischen Akademikers ist der Hochschulabsolvent getreten, der keinen eigenen Sozialtypus mehr darstellt, sondern in vielerlei Hinsicht ein normaler Beschäftigter ist. Allerdings verdient die Mehrheit von ihnen immer noch überdurchschnittlich und die Arbeitslosigkeit liegt deutlich unter dem Durchschnitt. In den letzten Jahren mehren sich bei den Absolventen einzelner Fächer jedoch die Fälle prekärer, d.h. unsicherer und schlecht bezahlter Arbeit. Das trifft im Wesentlichen die Geistes- und Sozialwissenschaften. So gibt es in der Weiterbildung und im Medienbereich inzwischen viele freiberuflich tätige Absolventen vor allem geisteswissenschaftlicher und pädagogischer Studiengänge, die brutto weniger als 2.000 Euro im Monat verdienen und davon noch die private Kranken- und Rentenversicherung zu zahlen haben. Für einen Teil der Juristen sieht es ähnlich aus. Bei Medizinern, Ingenieuren, Informatikern und den meisten Naturwissenschaftlern ist all das dagegen kein Thema.
Was sich in Deutschland außerdem für die Studierenden insgesamt positiv bemerkbar macht, ist die Tatsache, dass Studiengebühren erst einmal vom Tisch sind, das Studium in den meisten Bundesländern gebührenfrei ist. Eine Verschuldung für Gebühren ist also nicht nötig. Das sorgt schon für eine spürbare Entlastung.
Das heißt, Sie würden meinen, die deutschen Studierenden sind mit den Zuständen an ihren Hochschulen mehr oder minder zufrieden?
Nein, das will ich nicht sagen. Das Bildungssystem ist sozial immer noch sehr selektiv und angesichts doppelter Abiturjahrgänge und der Aussetzung des Wehr- und Ersatzdienstes macht sich die chronische Unterfinanzierung der Hochschulen deutlich bemerkbar. Auch nehmen die psychischen Probleme unter Studierenden aufgrund des wachsenden Drucks zu. Verglichen mit den südeuropäischen Ländern oder den USA, Großbritannien und Chile sind die Probleme aber nicht so existenziell.
Wie beurteilen Sie die Bildungsproteste der letzten Jahre in Deutschland? Es scheint, als hätte in den letzten Jahren der Abstand zwischen einzelnen Studierendenprotesten, die in die Breite wirkten, immer mehr abgenommen. Ist das ein Indiz dafür, dass das Fass auch hier inzwischen voll ist? Für den 17. November 2011 wird ja bereits wieder zu einem Bundesweiten Bildungsstreik aufgerufen…
Die Bildungsproteste der letzten Jahre haben einen wichtigen Erfolg gebracht. Die Studiengebühren sind ein Auslaufmodell, zumindest für die nächsten zehn Jahre. Aufgrund der starken Bewegung, vor allem in Hessen, traut sich kaum noch ein Politiker, offensiv für sie zu werben. Es gibt zwar immer wieder Versuche seitens der Befürworter, sie erneut zu thematisieren, das ist auf absehbare Zeit aber nicht erfolgversprechend.
In allen anderen Fragen ist die Bilanz weniger positiv. Die Proteste haben dort nur relativ wenig erreicht. Es gibt keine durchgreifende Verbesserung der Studiensituation, weil die öffentlichen Mittel mit dem Anwachsen der Studierendenzahl nicht Schritt halten, und die vollmundigen Versprechungen vor der Einführung des BA/MA-Modells haben sich auch bestenfalls zu einem ganz kleinen Teil erfüllt. All das zeigt, dass man nur mit massiven Protesten wirklich etwas ändern kann; denn bei den Studiengebühren war der Widerstand an den Hochschulen eindeutig am umfassendsten und heftigsten. In diesem Sinne wünsche ich den Protesten am 17. November viel Erfolg.
In Bezug auf die weltweiten Proteste wage ich zudem die Prognose, dass sie eher noch zu- als abnehmen werden. Allein das große öffentliche Echo, das die Demonstrationen derzeit in den USA finden, zeigt doch, dass die Protestierer einen wunden Punkt getroffen haben. Die Bürger – in Europa wie in den USA – sind zunehmend der Meinung, dass die Politik endlich Maßnahmen gegen die Macht der Finanzmärkte einleiten muss. Bis vor wenigen Jahren war es doch so, dass auch die Bevölkerung in den Industrieländern mehrheitlich glaubte, dass es letztlich zwar nicht schön ist, wenn die Reichen immer reicher werden, dass davon irgendwie aber die meisten profitieren. Diese Vorstellung ist geplatzt. Nach der ersten Finanzkrise haben viele noch gedacht, das geht vorüber. Jetzt allerdings stellen sich immer mehr Menschen die Frage, was sich denn geändert hat in den zurückliegenden drei Jahren. Und sie stellen fest, dass weder in der Bankenregulierung, noch bei den Bonuszahlungen für Finanzjongleure, noch bei der Besteuerung von hohen Finanzgewinnen oder Vermögen etwas passiert ist. Deshalb kippt die Stimmung in der Bevölkerung und es wächst der Unmut darüber, dass die Politik nichts dagegen tut.
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