Vier oder sechs Jahre?
Umkämpfte Schulreform in Hamburg
Das deutsche Schulsystem ist durch seine Mehrgliedrigkeit gekennzeichnet. Dies ist jedoch seit langem Gegenstand politischer Auseinandersetzung. Aktuell zeigt sich dies anlässlich des Volksentscheids am 18.Juli über die Schulreform in Hamburg. Gestritten wird darum, ob es eine vier- oder sechsjährige Grundschule geben soll.
Studis Online gibt einen Überblick über die Debatte in Hamburg und bietet Hintergründe zur Diskussion eines gegliederten Schulsystems und seiner Alternativen.
Soziale Sortierfunktion Schulabschluss
Spiel' nicht mit den Schmuddelkindern
Von konservativer Seite wird in Gestalt der Volksinitiative "Wir wollen lernen" - getreu der Devise "Spiel' nicht mit den Schmuddelkindern" - darauf beharrt, dass eine möglichst frühe Selektion das Beste für ihre[durchstreichen] alle Kinder sei. Von Bildungsforschern und in international vergleichenden Studien wird jedoch belegt, dass die Mehrgliedrigkeit und die frühe Selektion im deutschen Schulsystem maßgeblich für seine soziale Selektivität und mangelnde Durchlässigkeit verantwortlich und eine Reform dringend geboten ist.

Schüler mit niedriger sozialer Herkunft werden an jeder Schwelle stärker ausgesiebt: "Bildungstrichter" nach der 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, siehe Wikipedia
Die Schulreform als Kompromiss
Nun ist der Beschluss zur Einführung der sechsjährigen Primarschule ursprünglich eindeutig ein Kompromiss innerhalb der schwarz-grünen Koalition. Während die GAL (Grüne Alternative Liste) mit der Forderung nach gemeinsamem Lernen bis zur neunten Klasse (siehe "9 macht klug") in die Bürgerschaftswahlen gegangen ist, stand die CDU was die Schulstruktur betrifft, für den Beibehalt der vierjährigen Grundschule.
Nach weiteren Verhandlungen und vor dem Hintergrund der Volksinitiative "Wir wollen lernen" stimmten auch die Fraktionen von SPD und Die LINKE in der Hamburger Bürgerschaft dem Reformkonzept zu. Sie setzen sich eigentlich ebenfalls gegen die Separierung der Schüler_innen auf verschiedene Schulformen ein und hatten 2008 u.a. auch das Volksbegehren der Initiative "Eine Schule für alle" unterstützt.
Jedoch auch wer für mehr als den nun zustande gekommenen Kompromiss eintritt, sollte wenigstens den kleinen Schritt in die richtige Richtung in Form der Verlängerung des gemeinsamen Lernens von vier auf sechs Jahre unterstützen. Ein Scheitern der Reform würde in jedem Fall bundesweit die Möglichkeiten zur Abkehr vom überholten viergliedrigen Schulsystem deutlich schwächen.
Letztlich ist die Frage der Schulstruktur eben immer auch eine politische Frage. Kurios ist in diesem Zusammenhang die bundesweite "Vielfalt" der bildungspolitischen Programme der FDP. Während der Hamburger Landesverband der FDP (die nicht in der Bürgerschaft vertreten ist) die Beibehaltung der Aufteilung nach der vierten Klasse und damit die Initiative "Wir wollen lernen" unterstützt, fordert der bayrische eine "sechsjährige gemeinsame Grundschulzeit, um den Übertrittsdruck von Lehrern, Schülern und Eltern zu nehmen"2.
Hintergrund: Geschichte und Funktion des dreigliedrigen Schulsystems
Bereits Ende vergangenen Jahres hatten wir aus Anlass des Bildungsstreiks 2009/2010 in Kooperation mit dem Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi) in der Reihe "Für eine bessere Bildung" einen Hintergrund-Artikel von Annerose Gulbins publiziert, in dem sie auf die Ursprünge des mehrgliedrigen deutschen Schulsystems eingeht und seine Folgen diskutiert.
Im Zusammenhang mit der Hamburger Schulreform-Debatte weisen wir erneut auf ihn hin:
Annerose Gulbins - Geschichte und Funktion des dreigliedrigen Schulsystems
Fußnoten:
1 Wikipedia - Materialien zum Deutschlandbesuch des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Bildung (2007)
2 Position und Forderungen der FDP Bayern zum Thema Bildung
Links zur Schulreform in Hamburg
- Informationen des Hamburger Senats zur Schulreform/
- Homepage der Volksinitiative "Wir wollen lernen" gegen die Schulreform
- Reportage des ARD-Magazins Panorama über "Wir wollen lernen"
- Homepage der Initiative ProSchulreform
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